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Die Psycholyse in den skandinavischen Ländern

Ein historischer √úberblick.

Von PD Dr. Torsten Passie

Zusammenfassung:
W√§hrend der sechziger Jahre wurde die psycholytische Therapie (Psycholyse) an 18 europ√§ischen Behandlungszentren bis zur klinischen Anwendungsreife entwickelt. In den skandinavischen L√§ndern wurde die Methode von Arbeitsgruppen in D√§nemark, Norwegen und Schweden an chronisch neurotisch Kranken klinisch erprobt und weiterentwickelt. Im Hinblick auf eine Erh√∂hung der Sicherheit und Effektivit√§t des Verfahrens standen dabei im Vordergrund: 1. die Pr√§zisierung des Indikationsspektrums; 2. die Optimierung der psychotherapeutischen Begleitbehandlung; 3. Substanz- und Dosierungsfragen; 4. Fragen des klinischen Behandlungsrahmens und der notwendigen Nachbetreuung. √úber einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren wurden Erfahrungen bei der Behandlung von √ľber 550 schwerkranken neurotischen Patienten gesammelt. Obwohl die Behandlungsergebnisse nur damaligen Anspr√ľchen gem√§ss evaluiert wurden und somit heutigen Standards keinesfalls Gen√ľge tun k√∂nnen, konnten doch bez√ľglich der obengenannten Fragestellungen wichtige Fortschritte erzielt werden. Besondere Erw√§hnung verdient, dass s√§mtliche Autoren dem Psilocybin bzw. seinem k√ľrzerwirkenden Derivat CZ 74 - wegen besserer klinischer Steuerbarkeit aufgrund k√ľrzerer Wirkungsdauer und geringeren somatischen Nebenwirkungen - Vorrang vor dem LSD einr√§umen.

Gliederung
1. Einleitung
2. Die Psycholyse in den skandinavischen Ländern: Dänemark - Norwegen - Schweden
3. Diskussion
4. English Summary
5. Literatur


1. Einleitung
Die psycholytische Therapie macht sich die Eigenschaft halluzinogener Substanzen zunutze, einen milden Erregungszustand im ZNS zu erzeugen, der mit einer ¬ĄSteigerung der endogenen Reizproduktion¬ď (Leuner 1962) einhergeht und zu intensiven traumartigen Erlebnissen bei weitgehend klarem Bewusstsein f√ľhrt. Als psychotherapief√∂rdernde Wirkkomponente von LSD und verwandten Substanzen gilt in erster Linie die Aktivierung unbewussten Konfliktmaterials bzw. verdr√§ngter traumatischer Erinnerungen, die in einem traumartigen Wachbewusstseinszustand detailliert wiedererlebt werden k√∂nnen, was sowohl deren psychotherapeutisches Durcharbeiten als auch kathartische Abreaktionen beg√ľnstigt. Zudem k√∂nnen viele dieser Erlebnisse wie normales Traumgeschehen im tiefenpsychologischen Prozess interpretierend durchgearbeitet werden. Ein besonderer Vorteil der Methode liegt darin, dass es zu einer Auflockerung und √úberwindung neurotisch festgefahrener Abwehrstrukturen selbst bei sonst therapieresistenten Patienten kommen kann (vgl. Arendsen Hein 1963). Wichtiger Bestandteil des psycholytischen Verfahrens ist eine - im Unterschied zum psychedelischen Verfahren (vgl. Blewett & Chwelos & Smith & Hoffer 1959; Sherwood & Stolaroff & Harman 1962) - (verh√§ltnism√§√üig) geringe Dosierung der Substanzen, die vornehmlich psychodynamisch-biographisches Erlebnismaterial zutage f√∂rdert sowie die psychotherapeutische Aufarbeitung des unter Substanzwirkung Erlebten in einem l√§ngerw√§hrenden Prozess tiefenpsychologischer Therapie. Theoretisch und klinisch etabliert wurde die Methode w√§hrend der f√ľnfziger und sechziger Jahre in erster Linie durch die Arbeiten europ√§ischer Forscher wie Sandison (1954ff.), Leuner (1959ff.), Arendsen Hein (1961ff.), Ling und Buckman (1963), Hausner (1963ff.) und Grof (1967, 1978, 1983).
W√§hrend der sechziger Jahre wurde die psycholytische Therapie in Europa an 18 Behandlungszentren regelm√§√üig durchgef√ľhrt (vgl. Leuner 1981: 26). Einen repr√§sentativen √úberblick √ľber die Forschung in den sechziger Jahren vermittelt der von Abramson (1967) edierte Bericht √ľber eine Konferenz ¬ĄThe Use of LSD in Psychotherapy and Alcoholism¬ď.
Gegen Ende der sechziger Jahre kam es aufgrund gesetzlicher Restriktionen wegen des massenhaften unkontrollierten Konsums halluzinogener Substanzen durch Laien zu einer starken Einschr√§nkung der Forschungs- und Therapiem√∂glichkeiten mit Halluzinogenen. Nach den wenigen bis in Mitte der achtziger Jahre noch druchgef√ľhrten Forschungen zur psycholytischen bzw. psychedelischen Therapie (vgl. Leuner 1987; Yensen & Dryer 1995) wurden in j√ľngster Zeit wieder Genehmigungen zur Durchf√ľhrung psycholytischer Therapie erteilt, um das therapeutisch nutzbare Potential der Halluzinogene erneut zu sondieren (vgl. Benz 1989; Yensen & Dryer 1995; Strassman 1995, Gasser 1995).
Die vorliegende Arbeit stellt als Beitrag zur fr√ľhen Geschichte der medizinischen Verwendung von Psycholytika die in den 60er Jahren erschienenen - bislang in der Forschung wenig rezipierten - Arbeiten aus den skandinavischen L√§ndern im √úberblick vor. Die Anordnung des Stoffes erfolgt dabei nach L√§ndern getrennt in chronologischer Folge. Die skandinavischen Forschungsarbeiten sind insofern von Interesse, als sie verdeutlichen, wie sich der Gang der Forschung in den ersten Jahren der klinischen Erprobung und Etablierung der Methode (1960-68) vollzog. Zudem wurden von einzelnen Forschern originelle Versuche durchgef√ľhrt, deren Kenntnis von Interesse sein d√ľrfte.

2. Die Psycholyse in den skandinavischen Ländern

Dänemark
In Dänemark unternimmt der Psychiater Geert-Jörgensen (1961) an der Psychiatrischen Klinik der Kopenhagener Reichsuniversität 1959 Experimente mit LSD und setzt sich in einer Publikation mit den bis dahin international veröffentlichten Resultaten der Modellpsychosenforschung sowie dem psychotherapeutischen Anwendung auseinander. Überdies fließen schon Ergebnisse eigener Experimente ein.
In √úbereinstimmung mit anderen Autoren definiert Geert-J√∂rgensen den durch LSD erzeugten Zustand als eine exogen-psychotische Reaktion i.S. Bonhoeffers. Einen markanten Unterschied mache allerdings die H√§ufigkeitsfolge der betroffenen Sinnesgebiete aus. W√§hrend bei exogen-psychotischen Zustandsbildern die akustischen Halluzinationen im Vordergrund st√§nden, dominierten unter LSD-Wirkung die Erscheinungen auf optischem Gebiet. Wichtig ist ihm auch die Unterscheidung von Halluzinationen und Pseudohalluzinationen, wobei letztere f√ľr den Halluzinogenrausch typisch seien und im Gegensatz zu den echten Halluzinationen vom Betroffenen noch als solche mit kritischer Distanz betrachtet werden k√∂nnten. Im weiteren werden von ihm Derealisation und Depersonalisation als typische LSD-Wirkungen vorgestellt. Charakteristisch f√ľr die LSD-erzeugten Modellpsychosen sei es, dass sich Aussehen und Bedeutung der Au√üenwelt in Verbindung mit innerem Erleben st√§ndig wandeln k√∂nnten. Trotz einiger √Ąhnlichkeiten mit den klassischen Psychosen wird auch von Geert-J√∂rgensen klargestellt, dass die halluzinogen-induzierten Modellpsychosen ph√§nomenologisch weder schizophrenen noch manisch-depressiven Zustandsbildern wirklich gleichk√§men, sondern aufgrund des Vorwiegens optischer Erscheinungen und des erhalten bleibenden ¬Ąreflektierenden Ich-Restes¬ď (Leuner 1962) eindeutig von diesen zu unterscheidbar seien.
In bezug auf die therapeutische Anwendbarkeit wird von ihm zun√§chst die Eigenschaft des LSD angef√ľhrt, tiefe Regressionen in fr√ľhere entwicklungsm√§ssige Zeiten auszul√∂sen und zum Wiedererleben verdr√§ngten Materials zu f√ľhren, was sich psychotherapeutisch ausnutzen lie√üe. Er weist ausdr√ľcklich darauf hin, dass zwar ein Teil der therapeutischen Wirkung durchaus der chemischen Wirkung des LSD zu danken sei, aber die psychologischen Reaktionen stark inter- und intraindividuell variieren und deren systematische psychotherapeutische Bearbeitung von erstrangiger Bedeutung f√ľr den Therapieerfolg sei.
Seinen Erfahrungen nach biete sich dadurch dem Patienten eine bisher ungeahnte M√∂glichkeit der Einsicht in eigene seelische Mechanismen. Zudem k√∂nnten im Rahmen der regressiven Erlebnisepisoden bislang verdr√§ngte traumatische Erlebnisse mit quasi kindlicher Abwehrstruktur noch einmal durchlebt werden. Das Wiedererleben selbst k√∂nne unter LSD-Einflu√ü von solcher Pr√§gnanz und Eindr√ľcklichkeit sein, dass die mit den Traumata verbundenen emotionalen Spannungen oftmals kathartisch abreagiert und dar√ľber auch abgespaltene Pers√∂nlichkeitsteile reintegriert werden k√∂nnten. Entscheidend sei hierbei die schon von Freud betonte emotional erfahrene Einsicht im Gegensatz zur wirkungslosen allein intellektuell generierten Einsichten in die Problemzusammenh√§nge eigenen Erlebens und Verhaltens.
Das Studium der bis 1961 vorliegenden Literatur wie auch seine eigenen Erfahrungen lassen es Geert-Jörgensen wahrscheinlich erscheinen, dass die Verbindung von Psychopharmakologie und Psychotherapie im Rahmen von psycholytischen LSD-Behandlungen den Abstand von somatischer und psychodynamischer Einstellung in der Psychiatrie verringern helfen könne.
Im gleichen Jahr wie der Artikel von Geert-J√∂rgensen erscheint auch eine Arbeit seiner Mitarbeiter (Andersen et al. 1961).Diese geben eine vorl√§ufige √úbersicht √ľber die Erfahrungen mit psycholytischer Therapie in England und Deutschland wie auch √ľber erste eigene Erfahrungen. Die zuerst von Busch und Johnson (1950) und Sandison (1954) beschriebenen psychotherapeutisch nutzbaren Wirkungsaspekte des LSD fassen sie wie folgt zusammen: Ungehemmtheit des Redeflusses, Vereinfachung und (partielle) √úberwindung psychischer Abwehrmuster, Evokation verdr√§ngten Materials unter emotionalen Mitreaktionen i.S. einer Katharsis. Es k√∂nne dabei sowohl zur Akzentuierung von neurotischer Symptomatik als auch zu physiologischen Begleitreaktionen wie Zittern, Schwitzen, Herzklopfen usw. kommen. Das Auftreten intensiver Erlebnispassagen wird von den Autoren als in wellenf√∂rmiger Phasen sich entwickelnd beschrieben, wobei die Phasen gr√∂√üter Erlebnisintensit√§t im Mittel ca. 5-10 Minuten andauerten. Als besonders vorteilhaft wird von ihnen angesehen, dass die Patienten durch das klar bleibende Bewusstsein unter LSD-Wirkung - im Gegensatz etwa zu den bei der Narkoanalyse (Horsley 1943; Fervers 1951) erzeugten Zust√§nden - ihre Erlebnisse detailliert erinnern und beschreiben k√∂nnten.
Auch von Andersen et al. (1961: 1450) wird die M√∂glichkeit eines realistisch-eindr√ľcklichen Wiedererlebens verdr√§ngter Erlebnisse als gro√üer Vorteil der Methode betont. Die regressiven Erlebnisse seien oft sogar begleitet von einer Umformung des K√∂rperbewusstseins auf die Stufe des kindlichen Lebensalters in dem das traumatischer Erlebnis erfahren wurde.
Wesentliches strukturelles Charakteristikum des Erlebens unter LSD ist nach Andersen et al. eine - von den Patienten stets berichtete ¬Ė ¬ĄDissoziation der Pers√∂nlichkeit¬ď. So bleibe ein Teil der Pers√∂nlichkeit vom Rauscherleben relativ unbeeinflusst, w√§hrend andere Pers√∂nlichkeitsteile vom Erleben stark vereinnahmt w√ľrden. Der weitgehend unbeeinflusste ¬Ąreflektierende Ich-Rest¬ď verm√∂ge so die aus dem Unbewussten aufsteigenden psychischen Ph√§nomene aus der Betrachterrolle zu schauen, so dass hier gleichsam der bewusste den unbewussten Anteil der Psyche betrachtet. Im Anschluss an ein von Andersen, Kristensen und Knudsen 1960 in G√∂ttingen besuchtes Symposion √ľber psycholytische Therapie (Barolin 1961) wird von ihnen ein psychoanalytisches Therapiesetting empfohlen und die dringende Empfehlung f√ľr Selbsterfahrungssitzungen des Therapeuten ausgesprochen.
Ihre Ansichten bez√ľglich der Indikationen schlie√üen unmittelbar an die Erfahrungen von Sandison (1954) und Martin (1957) an: Zwangs-, Charakter- und Angstneurosen sowie Psychopathien und sexuelle St√∂rungen werden als besonders geeignet angesehen. Wichtig erscheint es ihnen schon zu diesem Zeitpunkt, die Auswahl der Patienten nicht nur nach ihrem St√∂rungsbild zu treffen, sondern auch nach ihrer Pers√∂nlichkeitsstruktur und dem Grad ihrer sozialen Integration. Als g√ľnstig gelten ihnen eine stabile Ich-Struktur, geregelte soziale Lebensumst√§nde und eine mindestens normale intellektuelle Begabung, die ausreicht um eigene Reaktionsmuster einzusehen. Als Kontraindikationen von somatischer Seite sehen sie zu dieser Zeit neben Lebererkrankungen vor allem Herzprobleme und kardiovaskul√§re St√∂rungen an, die bei den gelegentlich unter LSD-Behandlung auftretenden √Ąngsten und Spannungen zu Komplikationen f√ľhren k√∂nnten. Von psychischer Seite seien Ich-Schwache und latent psychotische Patienten sichere Kontraindikationen.
Den konkreten Ablauf einer LSD-Behandlung in der von Geert-J√∂rgensen geleiteten psychiatrischen Klinik der Reichsuniversit√§t Kopenhagen schildern Andersen et al. (1961: 1451) wie folgt. Nach einer leichten Morgenmahlzeit erh√§lt der Patient zwischen 50 und 400 mcg. LSD per os. Vorher werde er unmissverst√§ndlich √ľber den eigent√ľmlichen Charakter der auftretenden Erlebnisver√§nderungen aufgekl√§rt. Sobald die Wirkung eintrete, werde der Patient aufgefordert sich in einem ruhigen Einzelzimmer hinzulegen und die Bedeutung der auftretenden Erlebnisse herauszufinden. Die Sitzungen dauerten etwa 5-6 Stunden und seien begleitet von Vor- und Nachgespr√§chen.
Bis November 1961 wurden insgesamt 38 Patienten an der Kopenhagener Klinik mit LSD behandelt. Die meisten von ihnen waren chronisch neurotisch Erkrankte mit schlechter Prognose nach erfolglosen konventionellen Behandlungen. ¬ĄIn solchen F√§llen ist, auch im Nachhinein betrachtet, ein Versuch mit dieser Methode auf jeden Fall gerechtfertigt, insbesondere wenn man die Auswahlkriterien scharf einh√§lt¬ď (Andersen et al. 1961: 1451; √úbers. T.P.). Eine l√§ngerw√§hrende Verschlimmerung psychischer Symptome unter der Behandlung haben die Autoren in keinem Fall beobachtet und auch das Risiko der Ausl√∂sung psychotischer Komplikationen sei bei richtiger Indikationsstellung - entgegen ihren ersten Bef√ľrchtungen - verschwindend gering.
Zusammenfassend favorisieren die Autoren aufgrund der Literatur und eigener Erfahrungen zwei Anwendungsbereiche der psycholytischen LSD-Behandlung: 1. zur Er√∂ffnung neuer Therapiechancen bei chronisch neurotischen Patienten mit bisher schlechter Prognose; 2. zur Abk√ľrzung und Effektivierung des konventionellen psychoanalytischen Verfahrens.
Im folgenden Jahr ver√∂ffentlichen drei Mitarbeiter der Arbeitsgruppe um Geert-J√∂rgensen erste Erfahrungsberichte √ľber die Fortsetzung der LSD-Behandlungen. Mogens Hertz (1962: 103ff.) berichtet √ľber Beobachtungen und Eindr√ľcke von einem Jahr Arbeit mit LSD, w√§hrenddessen er ca. 200 LSD-Sitzungen mit 16 Patienten durchf√ľhrte. Obwohl es ihm noch nicht m√∂glich scheint, zu einer einheitlichen Auffassung der Wirkungsweise von LSD-Behandlungen vorzudringen, k√∂nnten doch einige Reaktionen, die durchgehend vorkommen und wesentliche Bedeutung zu haben scheinen, beschrieben werden. So tr√§ten etwa regelm√§√üig √Ąngste und psychische Spannungen in wellenf√∂rmiger Folge auf. Diese st√ľnden meist in Beziehung zu √§u√üeren Einfl√ľssen oder inneren Erlebnissen und w√ľrden gew√∂hnlich als Angst vor dem Tod, vor einem Ohnm√§chtigwerden sowie in Form eines Leeregef√ľhls erfahren. In der Regel kulminiere die Angst bevor der Patient in einen gegenteiligen Zustand von behaglicher Stimmung und positiven Gedanken √ľberwechsele. Dieses ¬ĄUmkippen¬ď in den angstfreien Zustand k√∂nne auch durch eine zus√§tzliche intraven√∂se Ritalininjektion gef√∂rdert werden. Bei mittleren Dosen LSD (100-200 mcg) pendelten die Patienten allerdings meist zwischen diesen Zust√§nden hin und her. Regelm√§√üig fielen auch bizarre Mimik sowie reflexartige Kopfbewegungen und -haltungen auf, die mit bestimmten Affekten verkn√ľpft zu sein schienen. Das Kontaktverhalten der Patienten wird von Hertz als sehr unterschiedlich beschrieben: Es reiche von ungehemmtem Redefluss bis zum Mutismus, der allerdings durch direkte Ansprache fast immer durchbrochen werden k√∂nne.
Von besonderem Interesse erscheint dem Autor die gro√üe H√§ufigkeit des Erlebens von Ereignissen aus dem ersten Lebensjahr die mit der gegenw√§rtigen Symptomatik in Zusammenhang st√ľnden.
In den belastenden Perioden der LSD-Wirkung w√ľrden bei motorischer Erregung sowie Hilf- und Ratlosigkeit Abh√§ngigkeitsgef√ľhle gegen√ľber dem Therapeuten verst√§rkt empfunden. Nach dem Abklingen der Belastung beg√§nnen die Patienten meist affektgeladene Gespr√§che bzw. diskutierten mit sich selbst. Von diesen Diskussionen gewann Hertz den Eindruck einer positiven selbstkritischen Auseinandersetzung des Patienten, unter ausgepr√§gter emotionaler Teilnahme und mit Betrachtungen die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sinntr√§chtiger Weise miteinander zu verbinden schienen.
Bei den 16 von ihm behandelten Angst- und Charakterneurotikern berichtet Hertz √ľber Besserungen bei 9 Patienten. Hierbei ist allerdings zu ber√ľcksichtigen, dass zu diesem Zeitpunkt nur therapieresistente chronische Neurotiker zur LSD-Behandlung zugelassen wurden.
Auch Geert-J√∂rgensens Mitarbeiter Knud Knudsen (1962: 108ff.) berichtet √ľber ein Jahr Erfahrung mit station√§ren und ambulanten Patienten unter LSD-Behandlung. Er behandelte von 1959-1962 insgesamt 30 Patienten, von denen 17 1962 die Therapie abgeschlossen hatten. 12 dieser Patienten konnten nach seinen Angaben bis zur Symptomlosigkeit gebessert werden. Von dreien der bebesserten Patienten bringt Knudsen ausf√ľhrliche Kasuistiken, bei denen sich vor allem die Abfolge von anf√§nglicher √Ąngstlichkeit, das Wiedererleben traumatischen Erinnerungsmaterials sowie das Verschwinden neurotischer Symptome nach erfolgter psychotherapeutischer Reintegration des aktivierten Materials zu gleichen scheinen. Die unbeeinflussten Patienten seien zwei Zwangsneurotiker und drei Patienten mit Sexualneurosen.
Die verabreichten Dosen bewegten sich zwischen 70-400 mcg LSD. Nach ca. 5 Stunden wurde die Behandlung i.d.R. mit der Gabe von Neuroleptika bzw. Sedativa abgebrochen und der Patient nach einer weiteren Stunde in Begleitung eines Verwandten nach Hause entlassen. Wenn Patienten unter der Behandlung oder kurz darauf depressiv reagierten, wurden sie vor Entlassung nochmal einem kl√§renden Gespr√§ch (Suizidrisiko?) unterzogen. W√§hrend des Zeitraumes zwischen den Sitzungen waren Gespr√§che mit dem Therapeuten √ľber Verlauf und Inhalte der Sitzungen regul√§rer Bestandteil der Behandlung. Trotz dieser intensiven Betreuung gibt der Autor an, dass er die Patienten mit einer eher observierenden Einstellung behandelt habe und keine Interpretationen von ihm ausgegangen seien, obgleich er sich stets supportiv verhalten habe.
Kjaerbye Kristensen (1962: 111ff.) berichtet √ľber Behandlungsexperimente mit der kombinierten Gabe von LSD und Ritalin (Methylphenidat). Nach einigen fr√ľhzeitigen Berichten √ľber die Neurosentherapie mit LSD begann man schnell diesen Stoff mit anderen Medikamenten zu kombinieren. Insbesondere ZNS-aktivierende Stoffe wie Methamphetamin und Ritalin erwiesen sich als erlebnisstimulierende Zusatzmedikation. Ritalin ist ein den Amphetaminen entfernt verwandtes sympathomimetisches Pharmakon, das seit 1954 zur Unterst√ľtzung psychotherapeutischer Behandlungen angewandt wurde (vgl. Ling & Buckman 1963). Seine psychischen Wirkungen wurden als kontakterleichternd und hemmungs√ľberwindend bei guter Verbalisierungsf√§higkeit beschrieben. In Kombination mit LSD werde die Aufdeckung unbewussten und vorbewussten Materials durch Ritalin zus√§tzlich gef√∂rdert. Zudem beg√ľnstige es die Abreaktion und Integration verdr√§ngter Affekte.
23 Patienten wurden von Kristensen im Laufe von 370 LSD-Sitzungen während 220 Sitzungen zusätzlich Ritalin i.v. verabreicht. Bei den Patienten handelte es sich in der Hauptsache um schwer neurotisch Erkrankte, die fast alle schon mehrere erfolglose Behandlungen durchlaufen hatten.
Als optimale LSD-Dosis f√ľr diese Kombinationsbehandlung wird von ihr 150 mcg p.o. angegeben. Auf dem H√∂hepunkt der LSD-Wirkung (nach ca. 1,5-2,5 Stunden) w√ľrden dann 30-50 mg Ritalin i.v. gegeben. Die psychischen Wirkungen nach intraven√∂ser Ritalinapplikation k√∂nnten schon nach wenigen Minuten abrupt einsetzen und gingen mit einer starken Affektaktivierung einher. Deshalb m√ľsse der Therapeut solange beim Patienten verweilen bis dieser sich nach der Wirkungsanflutung wieder beruhigt habe. √úber eine tempor√§re Intensivierung der LSD-Wirkung mittels Ritalin werde vor allem der Abbau von Abwehrmechanismen gef√∂rdert und die Patienten durchlebten oft in dramatischer Weise das Auftauchen verleugneter und verdr√§ngter Erlebnisse. Zum Teil schienen die Patienten von ihren inneren Erlebnissen sogar regelrecht verschlungen zu werden.
Den eigentlichen Sinn dieser Kombinationsbehandlung sieht Kristensen in der M√∂glichkeit auch bei langzeitig chronifizierten rigiden Abwehrstrukturen eine Chance zu deren Lockerung und √úberwindung zur Hand zu haben. Risiken entst√ľnden vor allem durch depressive Reaktionen und Panikzust√§nde bei der √úberw√§ltigung durch aggressive und libidin√∂se Erlebnisinhalte, die - in Ausnahmef√§llen - bis zu tempor√§ren psychotischen Entgleisungen des Erlebens f√ľhren k√∂nnten. Auch bez√ľglich der sympathomimetischen Wirkungskomponente sei bei Bluthochdruck, Arteriosklerose und labilen Herz- Kreislaufverh√§ltnissen Vorsicht geboten. Zum Abschluss ihres Artikels entwickelt die Autorin die Hypothese, dass LSD einen Prozess sukzessive gesteigerter Anspannung verursache, welcher dann durch Ritalingabe entladen werden k√∂nne.
In ihrer n√§chsten Arbeit berichtet Kristensen (1963a: 161ff.) zusammenfassend √ľber 100 Patienten die von Geert-J√∂rgensens Arbeitsgruppe mit LSD (z.T. zus√§tzlich mit Ritalin) behandelt wurden. Bei mehr als der H√§lfte der Patienten war eine Charakterneurose diagnostiziert worden. Weiterhin wurden 30 andere schwer neurotisch Erkrankte behandelt. Gute Besserungen zeigten nach ihren Angaben insbesondere die Charakterneurosen. Schlecht seien dagegen die Ergebnisse bei zwangsneurotischen St√∂rungen ausgefallen. Die in die Behandlung einbezogenen psychosomatischen F√§lle w√ľrden zwar mit starke somatische Reaktionen zeigen, blieben aber sonst unbeeinflusst. Eine deutliche Warnung spricht sie bez√ľglich affektlabiler Psychopathen aus, die sie nur unter station√§ren Bedingungen behandelt wissen m√∂chte.
Was die Dosierung betrifft, sei ihre Arbeitsgruppe mittlerweile dazu √ľbergegangen nicht mehr als 200 mcg. zu verabreichen, da h√∂here Dosen das Bewusstsein des Patienten zu sehr beeintr√§chtigten und die Kommunikation bzw. Verarbeitung des Erlebten erschwerten. Au√üerdem sei man zur subkutanen und intraven√∂sen Applikation des LSD √ľbergegangen, da man so √úbelkeit und somatische Irritationen wie auch die Erwartungsspannungen vor Wirkungseintritt wirksam verringern k√∂nne. Eine weitere Optimierung der Behandlung d√ľrfe man sich ihrer Erfahrung nach von der neuentdeckten Substanz Psilocybin versprechen, die sich vor allem durch eine k√ľrzere Wirkungsdauer (3-6 Std.) und geringere somatische Nebenwirkungen auszeichne (Kristensen 1963b).
Was Komplikationen angeht, berichtet Kristensen √ľber insgesamt vier Suizidversuche w√§hrend der Tage nach den LSD-Sitzungen, wobei jedoch ber√ľcksichtigt werden m√ľsse, dass s√§mtliche der Betroffenen schon vorher mehrfach Suizidversuche unternommen h√§tten. Z.T. wirke hier auch die Erkl√§rung der √Ąrzte traumatisch, dass die als ultima ratio angesehene Behandlung f√ľr die Patienten doch nicht geeignet sei. Auch ein vollendeter Suizid sei bei einem Patienten vorgekommen der sich zun√§chst auch gegen gro√üe Dosen LSD resistent zeigte, dann eines Tages aber einen Durchbruch mit kosmisch-mystischen Erfahrungen erlebte und danach gespannt depressiv reagierte. Trotzdem wurde er routinem√§√üig nach Hause entlassen und suizidierte sich dort. Seitdem w√ľrden die LSD-Behandlungen in der Kopenhagener Reichsuniversit√§t insofern strenger kontrolliert als die ambulanten Patienten nun immer f√ľr 24 Stunden nach LSD-Verabreichung station√§r kontrolliert w√ľrden und vor deren Entlassung ein √§rztliches Kontrollgespr√§ch zur Pflicht gemacht worden sei.
Mogens Hertz (1962) stellte die Hypothese eines Lern- und Stressstillstandes bei neurotischer Verhaltensfixierung auf. Diese basiert auf der Vorstellung, dass best√§ndige neurotische Abwehrmuster, die in Form bedingter Reflexe gebahnt w√ľrden, eine flexible Einstellung der Person auf neuartige innere wie √§u√üere Bedingungen stark behindern k√∂nnten. Da Lernen seinem Verst√§ndnis nach stets mit stressbegleiteten Umstellungen einhergehe, sei der beim Neurotiker feststellbare Entwicklungsstillstand mit einem Zustand stressfreien ¬ĄNicht-lernens¬ď verbunden. Diese Hypothese wurde von ihm √ľber zwei Jahre sowohl anhand der inneren Erlebnisse der Patienten als auch durch biochemische Korrelationsstudien √ľberpr√ľft. So konnte Hertz (1963: 170) den Nachweis f√ľhren, dass die Serumkonzentration des (Stress-)Hormons Hydrokortisol mit stressbegleiteten Lernvorg√§ngen w√§hrend der LSD-Behandlungen korreliert sind. In diesem Zusammenhang f√ľhrt er auch andere Studien an, die Wechselwirkungen von Hormonen und ZNS-Aktivit√§t unter Halluzinogwirkung untersuchten (Alnaes & Skaug 1963a; 1963b).
In weiteren Studien zu dieser Hypothese (Hertz 1967; 1968: 201) zieht er folgende Schlussfolgerungen:
1. Die LSD-Behandlung ruft unausweichlich eine Stressreaktion hervor, die in ihrer Stärke je nach den auftauchenden Erlebnissen variiere.
2. Der psychologische Stress-Effekt steht in unmittelbarer Beziehung zum Verlust des ¬ĄReality-Testing¬ď durch die ver√§nderte Wahrnehmung.
3. Die LSD-Wirkung verursacht einen massiven Anstieg bzw. Abfall des Stresshormons Hydrokortisol, abhängig von der Intensität der auftauchenden Erlebnisse.
4. Durch den ¬ĄLern- und Stressansto√ü¬ď LSD w√ľrden somit Lernprozesse bzw. Verhaltens√§nderungen ausgel√∂st und unterst√ľtzt die vorher √ľber einen ¬ĄLernstillstand¬ď neurotisch fixiert gewesen seien.
1964 publizieren Geert-J√∂rgensen et al. (1964) eine zusammenfassende Darstellung von Erfahrungen und Ergebnissen mit der LSD-Behandlung von chronisch neurotisch Kranken. Von den 157 bis dahin behandelten Personen brachen 28 aus verschiedenen Gr√ľnden die Behandlung ab und konnten deshalb nicht in die Nachuntersuchungen einbezogen werden. Die verbleibenden 129 Patienten, die die Behandlung vollst√§ndig durchliefen, wurden in drei Follow-ups systematisch nachuntersucht. Bei den Untersuchungen wurden die Patienten so auf die Untersucher verteilt, dass niemand die von ihm selbst behandelten Patienten beurteilte (Geert-J√∂rgensen hatte bis zu dieser Zeit noch keinen Patienten selbst behandelt). Neben einer (unpublizierten) Fragebogenstudie wurde vor allem der klinische Status der Patienten bewertet und dessen Eindr√ľcke vom Einfluss der Behandlung festgehalten.
Die Anzahl der verabreichten LSD-Behandlungen variierte zwischen 5 und 58 je nach Patient, die meisten erhielten zwischen 10 und 15 Behandlungen. Die Dosierung lag im Mittel bei 200-400 mcg.; z.T. wurde additiv Ritalin verabreicht.
An Komplikationen wurden bei ca. 2000 LSD-Sitzungen bis auf vereinzelte depressive Nachschwankungen und Flashback-Reaktionen keine gravierenden Nebenwirkungen beobachtet. Somatische Komplikationen, zusätzliche Symptombildung oder psychotische Reaktionen wurden in keinem Fall beobachtet. Allerdings kam es außerhalb der Sitzungen bei vier Patienten zu Suizidversuchen (1964:376) und zu einem Homizid einer psychopathischen Patientin an ihrem Freund (vgl. Knudsen 1964).
Von den 129 Patienten wurden 98 mit passiv-observierender Haltung von einem Team aus Arzt und Krankenschwester ohne Anwendung systematischer Psychotherapie behandelt. Die anderen 31 Patienten erhielten zus√§tzlich jeweils eine gruppentherapeutische Sitzung direkt im Anschluss an jede LSD-Behandlung. Diese Gruppensitzungen h√§tten seinen zwar durch die Ersch√∂pfung der Patienten beeintr√§chtigt worden, erwiesen sich aber in gerade durch die nachklingende LSD-Wirkung f√ľr die psychotherapeutische Nacharbeit besonders gut geeignet. Versuche mit Gruppentherapie unter direktem LSD-Einfluss mussten allerdings aufgrund der ausgepr√§gten Vereinnahmung der Patienten durch ihr inneres Erleben wieder aufgegeben werden. Zuletzt √ľbte man die Praxis einer Gruppentherapiesitzung am Morgen nach jeder LSD-Sitzung (1964: 378).
Was die Resultate der Behandlungen angeht - bei der die Patienten von vier √Ąrzten sowohl diagnostisch als auch prognostisch beurteilt wurden - unterteilen die Autoren zun√§chst grob in zwei Gruppen: Die ¬ĄResponder¬ď (=70) und die ¬ĄNon-Responders¬ď (=59), die auch sog. ¬ĄR√ľckf√§lle¬ď einschlie√üen. Die Autoren r√§umen bez√ľglich der eruierten Ergebnisse unumwunden ein, dass die festgestellte Besserungsrate von knapp √ľber 50% kaum gr√∂√üer erscheint als die Rate der Spontanremissionen unbehandelter Neurosen. Doch betonen sie, dass ihnen die Patienten genau bekannt gewesen seien und fast alle seit Jahren bzw. Jahrzehnten unter schweren neurotischen St√∂rungen gelitten h√§tten, f√ľr die bisher keine geeignete Behandlungsmethode zur Verf√ľgung stand. Zudem h√§tten sie s√§mtlich schon mehrere konventionelle Behandlungen erfolglos durchlaufen. In unmissverst√§ndlicher Weise heben die Autoren ihre √úberzeugung von der Wirksamkeit der LSD-Therapie hervor. Insbesondere k√∂nnten psychologische ¬ĄNachreifungen¬ď (ein oft von ihren Patienten benutzter Terminus) bestimmter Pers√∂nlichkeitsanteile durch solche Behandlungen gef√∂rdert werden und zur Fortentwicklung der Pers√∂nlichkeit einen produktiven Beitrag leisten.
Besonders gut schienen nach den Ergebnissen dieser Studie Charakter- und Sexualneurosen auf die Behandlung angesprochen zu haben. Allerdings m√ľssten diese Patienten, wie alle anderen auch, sehr genau auf die Eignung ihrer Pers√∂nlichkeitsstruktur, ihrer Stresstoleranz und ihrer Intelligenz f√ľr die Behandlung hin untersucht werden. Bei der H√§lfte der Charakterneurosen (=32) konnte nach den Angaben der Autoren deutliche Besserungen erzielt werden. Die Angstneurotiker und depressiven Neurosen schnitten √§hnlich gut ab. Auch die psychogenen Sexualst√∂rungen stellten ihrer Ansicht nach ein vielversprechendes Behandlungsgut dar, wobei einschr√§nkend zu bemerken sei, dass die homosexuellen Patienten fast ausnahmslos die Behandlung vorzeitig abbrachen. Bei den behandelten Zwangsneurosen kam es nur vereinzelt zu signifikanten Besserungen, weshalb diese eher als eine Kontraindikation anzusehen w√§ren. Abschliessend bemerkten die Autoren: ¬ďThere is a general agreement that personally we have learned much about the psychopathological mechanisms in our patients since the introduction of the LSD-therapy and also that it has been worth-while despite the disappointments included. Moreover we feel convinced that quite a number of our patients hardly could have been helped in any other way¬Ē (1964: 381).
Schon in der vorstehend referierten Publikation erw√§hnt der neurologisch orientierte Psychiater Geert-J√∂rgensen (1968) den von ihm unternommenen Versuch, eine Gruppe von Patienten ohne jegliche Psychotherapie ausschlie√ülich mit LSD-Verabreichungen zu behandeln, um den kurativen Wert chemischer und neurophysiologischer Mechanismen zu erschlie√üen. Er erkl√§rte diesen Patienten, dass die Behandlung rein mechanischer Natur sei und sie nur selbst das auftauchende Erleben durchzuarbeiten h√§tten. Au√üer einer √ľber Bettklingel erreichbaren und nur rein supportiv t√§tigen Krankenschwester waren die Patienten w√§hrend der Sitzung v√∂llig auf sich allein gestellt. Insbesondere sollte jede Verbalisierung des auftauchenden Materials vermieden werden, um eine kognitive gepr√§gte Verarbeitung des Materials zu unterbinden (1968: 196). Bei einem kurzen Nachgespr√§ch mit dem Arzt am n√§chsten Morgen sollte dieser vor allem auf etwaige depressive Nachschwankungen (Suizidgef√§hrdung?) achten und dem Patienten nahelegen, das Erlebte unzensiert aufzuschreiben. Obwohl es bei dieser Behandlungsweise f√ľr den Patienten sicherlich schwieriger sei, ohne jede Unterst√ľtzung das auftauchende Material durchzuarbeiten, konnten z.T. erstaunliche Ergebnisse berichtet werden (Geert-J√∂rgensen et al. 1968; Brandrup & Vangaard 1977). Es sind aus diesen Behandlungsexperimenten auch zwei beeindruckende Kasuistiken bekannt geworden (Geert-J√∂rgensen 1964; Brandrup & Vangaard 1977). Im ersten Fall wird √ľber einen 26-j√§hrigen Patienten mit Impotentia coeundi primaria berichtet, der trotz einer harmonischen Ehebeziehung von chronischer psychogener Impotenz geplagt wurde. Dieser Patient erhielt insgesamt 8 LSD-Behandlungen nach dem oben beschriebenen Muster. Dieser Patient berichtete in seinen Protokollen oft von Regressionen in Erlebnispassagen aus Pubert√§t und fr√ľhen Kindertagen. Insbesondere seine Mutterbindung erfuhr anscheinend intensive Bearbeitung, ihre Problematik wurde ihm im Verlauf der LSD-Sitzungen zunehmend deutlicher beschreibbar und in neuer Weise transparent. Obwohl der Patient die Behandlung als eher unangenehm charakterisiert, betont er doch deren einsichtf√∂rdernden und befreienden Charakter. Nach der 8. Behandlung hatte der Patient seine volle Potenz gewonnen und diese blieb auch √ľber einen Nachbeobachtungszeitraum von mehr als vier Jahren erhalten (vgl. Geert-J√∂rgensen 1968). √úber die Art bzw. den Mechanismus dieses Heilungsvorganges wurden allerdings keine Hypothesen entwickelt.
Ein weiterer Fall aus diesen psychotherapieabstinenten Behandlungsserien wurde zwar schon 1961/62 behandelt, aber erst 1977 publiziert (Brandrup und Vangaard 1977). Hierbei handelte es sich um einen schweren emotional verarmten intellektualisierten zwangsneurotisch Gest√∂rten mit eindeutig psychischer Symptomgenese. Die Symptomatik war so ausgepr√§gt, dass der Patient zum Zeitpunkt des Behandlungsbeginns arbeitsunf√§hig war, keine √∂ffentlichen Verkehrsmittel benutzen konnte und mehr als den halben Tag mit der Durchf√ľhrung seiner Zwangsrituale (z.B. 200-250x H√§ndewaschen tgl.) besch√§ftigt war. Dieser wurde nun im Laufe von 15 Monaten mit 57 w√∂chentlichen LSD-Sitzungen behandelt.
Die Erlebnisse w√§hrend der LSD-Sitzungen offenbarten die grundlegenden Entwicklungselemente dieser Pers√∂nlichkeit seit der fr√ľhen Kindheit, insbesondere Erlebnisse im Zusammenhang mit der ersten Reinlichkeitserziehung. Von besonderem Interesse scheint den Autoren die frappierende √úbereinstimmung der wiederkehrenden Affekte und Inhalte von Erlebnissen aus der fr√ľhen Reinlichkeitserziehung mit dem aus der Freud`schen Psychoanalyse bekannten Konzept der Bildung von Zwangssymptomen auf dem Hintergrund einer pathologischen Pr√§gung w√§hrend der fr√ľhen Reinlichkeitserziehung. ¬ĄIt is a fact of theoretical importance that his Symptoms disappeared simultaneously with the emergence of childhood memories of toilet training, rage, hate, protest, anxiety, helplessness in the face of motherly power, and feelings of being forced to suppress emotions and impulses to assert himself¬Ē (1977: 139). Nachdem nun diese und andere Erlebnisse vom Patienten sukzessive wiedererlebt und durchgearbeitet wurden, verschwanden seine Symptome vollst√§ndig und tauchten auch w√§hrend des 15-j√§hrigen Nachbeobachtungszeitraumes nicht wieder auf. In ihrer Schlussbemerkung zu der Kasuistik weisen die Autoren darauf hin, dass uns au√üer der LSD-Behandlung kein Mittel f√ľr die Behandlung starker neurotischer Zwangssymptomatik bekannt sei und von daher anzuregen sei, diese Behandlung durch entsprechend diagnostisch und therapeutisch ausgebildete Psychiater bei ausgew√§hlten Patienten auch in Zukunft sinnvoll anzuwenden (1977: 140).
Obwohl bis dahin keine Follow-up Studie der nur mit LSD-Sitzungen behandelten Patienten stattgefunden habe, schlussfolgert Geert-J√∂rgensen (1968: 198) aus seinen einzelfallbezogenen Erfahrungen: ¬ĄIn those patients who where not given systematized psychotherapy, amazing treatment results have been seen, particularly in the patients with severe sexual neuroses, anxiety-, and charakterneuroses¬ď.
Da der d√§nischen Arbeitsgruppe stetig klarer wurde, dass eine pr√§zisere Indikationsstellung sowie die genaue Ber√ľcksichtigung der Pers√∂nlichkeitsstruktur sowohl die Behandlungsresultate verbesserte als auch die Komplikationen stark verringerte, legte Vangaard (1965: 427ff.) - nachdem er Ende der f√ľnfziger Jahre in England bei Sandison schon 1961 erste Anhaltspunkte f√ľr die praktische Durchf√ľhrung der Behandlungen bekommen hatte - bei seinen sp√§teren Besuchen bei ihm im Powick-Hospital gro√üen Wert auf Indikationsstellung, Prognose und Ich-Struktur der Patienten und deren Beziehungen zu den empirisch erzielten Behandlungsresultaten. Er beobachtete w√§hrend seiner 4 Besuche dort 24 Patienten √ľber einen Zeitraum von drei Jahren. Auch in Powick wurden vor allem schwere chronifizierte Neurosen behandelt, fast alle ohne systematische Psychotherapie. Trotzdem konnten knapp die H√§lfte der beobachteten Patienten deutlich gebessert entlassen werden. Bei einem Strukturvergleich der gebesserten und ungebesserten Patientengruppen konnte er erstere Gruppe wie folgt charakterisieren:
¬Ą1. They where well adjusted in both the social sense and in their personal human relationships. ...
2. It was primarily they themselves who suffered from the inhibitions and frustrations which were a consequence of their condition.
3. The symptomatology in each single case was circumscribed, homogenous and stable.
4. none of them were addicted to drugs or alcohol.
5. None of them had a severely deviating personality, either as regards character or temperament.
6. None of them were manifest perverts.
7. None of them were psychotic and there was nothing in the habitual personality of these patients which might lead one to suspect potential psychosis ...
Consequently, in spite of disturbing symptoms the general personality integration of all these patients was on a comparatively high level, or in other words they possessed a fairly strong ego¬Ē (1965: 432f.). Der letzte Satz verweist schon auf die zentrale Bedeutung der Ich-St√§rke als Angelpunkt f√ľr Erfolg und Misserfolg psycholytischer Behandlungen. Insbesondere die F√§higkeit des Ichs einander widerstrebende Impulse innerer und √§u√üerer Art - die ja unter der abwehrmodifizierenden LSD-Wirkung stark intensiviert sein k√∂nnen - integriert zu halten, wird von Vangaard als wichtige Voraussetzung f√ľr den Heilerfolg angesehen. Als das bedeutsamste Charakteristikum der nicht oder kaum gebesserten Patienten macht Vangaard von daher vor allem unterschiedlich konfigurierte Formen von Ich-Schw√§che bzw. Ich-Deformierungen aus.
Mit Bezug auf zwei 1968 erschienene zusammenfassende Ver√∂ffentlichungen der d√§nischen Arbeitsgruppe um Geert-J√∂rgensen (1968; Hertz 1968) k√∂nnen deren Arbeitsergebnisse wie folgt zusammengefasst werden. W√§hrend der Jahre 1960-1968 wurden in der psychiatrischen Klinik der Kopenhagener Reichsuniversit√§t mehr als 400 Patienten mit insgesamt ca. 5000 LSD-Sitzungen behandelt. Grunds√§tzlich wurden nur Patienten zur LSD-Behandlung zugelassen, die an schweren neurotischen St√∂rungen litten und schon mehrere konventionelle Behandlungen erfolglos durchlaufen hatten. Insbesondere bei Charakter- und Angstneurosen sowie Psychopathien und Sexualneurosen konnten - bei sonst prognostisch aussichtslosen Patienten - gute Erfolge erzielt werden. Au√üerdem konnte das Indikationsspektrum im Laufe der Zeit genauer eingegrenzt werden, d.h. vor allem bestimmte Zwangsneurosen wie auch hysterische, psychotische und pr√§psychotische Konditionen als klare Kontraindikationen bestimmt werden. Zudem wurde herausgearbeitet, welcher Wert einer Beurteilung der gesamtem Pers√∂nlichkeitsstruktur f√ľr Therapieeignung und Heilungsaussichten zukommt. Ernstere somatische Komplikationen wurden in keinem Fall festgestellt. Die Autoren beobachteten aber h√§ufiger depressive Nachschwankungen, die bei suizidgef√§hrdeten Patienten in Einzelf√§llen zu einschl√§gigen Folgen f√ľhrten. Diese h√§tten seit der Etablierung pr√§ziserer Indikationsstellungen und strengerer Nachbeobachtung der Patienten jedoch vollst√§ndig vermieden werden k√∂nnen.
Kritisch ist anzumerken, dass die Evaluierung der Behandlungsergebnisse nur rudiment√§r geblieben ist und heutigen Anspr√ľchen in keiner Weise Gen√ľge tun kann. Diesbez√ľglich ist allerdings der damalige Standard der Psychotherapieforschung zu ber√ľcksichtigen. Zudem ist bei der Etablierung einer neuartigen experimentellen Behandlungsmethode, die dazu noch so wesensverschiedene Gebiete wie Psychopharmakologie und Psychotherapie zusammenbringt, mit speziellen Schwierigkeiten konfrontiert, welche die Ergebnisevaluierung weiter komplizieren (vgl. Pletscher & Ladewig 1994). Von daher entgegnete Geert-J√∂rgensen (1968: 196) auf das Statement der American Psychiatric Association von 1967 bez√ľglich der gem√§√ü wissenschaftlichen Standards bislang nicht widerspruchsfrei belegten Effizienz psycholytischer Behandlungen: ¬ĄBased on our long experience we cannot endorse this statement. We have seen so many cases that have been cured by hallucinogenic treatment. We do not admit that it is difficult to give scientific evidence of the curative value of a certain psychotherapeutic treatment and that a clinical evaluation has to suffice¬Ē.

Norwegen
In Norwegen wurden 1961 von Robak (1962: 1360ff.) erste LSD-Versuche im Modums Bad Nervensanatorium der Stadt Lier unternommen. Nachdem die Substanz dort zun√§chst unter klinischen Bedingungen an gesunden Freiwilligen getestet wurde, ging man schnell zu ihrer explizit psychotherapeutischen Anwendung √ľber.
Robak referiert in seiner Arbeit zun√§chst die in der Literatur geschilderten Wirkungen des LSD auf die Psyche, die er als Anregung der emotionalen Aktivit√§t, Tendenz zu Regressionen (in Haltung, Bewegung, Ausdruck und emotionalen Entladungen in regrediert kindlicher Grundverfassung) sowie einer Wiederbelebung verdr√§ngten Materials zusammenfassend beschreibt. W√§hrend fast alle seiner Versuchspersonen √ľber abstrakte Erlebnisse √§sthetischer Art berichteten, k√∂nne eine ausgepr√§gte Tendenz neurotischer Patienten beobachtet werden, Kindheitserlebnisse in detailgetreuer Eindringlichkeit zu erinnern.
Die meisten der Patienten empfanden den Rausch laut Robak als eher unbehaglich, obwohl auch als positiv empfundene Erlebnisse nicht selten seien. Wohler f√ľhlten sich die Patienten vor allem gegen Ende der Sitzungen, wenn sie die Richtung des Gedanken- und Erlebnisflusses anscheinend freier w√§hlen k√∂nnten.
Als m√∂gliche Gefahren der Behandlung mit LSD beschreibt Robak: a. die M√∂glichkeit der Induktion einer depressiven Reaktion mit Suizidtendenzen; b. die m√∂gliche Ausl√∂sung von Impulshandlungen durch Andr√§ngen unbewussten Materials; c. die Gefahr der Ausl√∂sung einer latenten Psychose und d. die Risiken bei ich-schwachen Patienten mit schweren Verdr√§ngungen, bei denen sich aus einer induzierten Furchtreaktion eine psychotische Entgleisung entwickeln k√∂nne. Dies geschehe jedoch nicht als direkte Folge der LSD-Wirkung, sondern vielmehr durch die Einwirkung begleitender Psychotherapie, die in solchen F√§llen entsprechend zur√ľckzunehmen sei.
LSD als psychotherapeutisches Hilfsmittel soll nach Robak in erster Linie die Selbsteinsicht des Patienten f√∂rdern. Grundlage daf√ľr sei die Beschleunigung der Prozesse in denen Patienten verleugnetes und verdr√§ngtes Material mit gro√üer Intensit√§t und emotionalem Engagement im inneren Erleben konfrontierten. In den Indikationsbereich der Methode w√ľrden haupts√§chlich chronifizierte Neurosen fallen, bei denen die konventionellen Behandlungsverfahren fehlgeschlagen seien oder bei deren spezifischer Symptomatik man mit den gew√∂hnlichen Methoden nicht ansetzen k√∂nne. Angesichts des experimentellen Charakters der Methode habe man sich allerdings von Beginn an auf die Therapie chronisch neurotisch Kranker beschr√§nkt. Deshalb seien die M√∂glichkeiten zur Behandlung anderer St√∂rungen nicht ausreichend sondiert worden. So habe auch er nur chronische Zwangs-, Angst- und Charakterneurosen sowie einige Alkoholiker zur Behandlung zugelassen.
Den routinem√§√üigen Ablauf der LSD-Behandlungen schildert Robak wie folgt. Nachdem andere Psychopharmaka eine Woche vor Behandlung abgesetzt w√ľrden, erhielte der Patient um 8.30 Uhr eine LSD-Dosis von 100 mcg. per os bzw. subkutan. Nach Eintritt der Wirkung lege sich der Patient bis mittags alleine in einem wohnlichen abgedunkelten Raum auf ein Bett. Der Therapeut macht w√§hrend der folgenden Stunden zwischen 3 und 5 Routinebesuche beim Patienten, deren Dauer je nach Bedarf von 5-60 Minuten variiere. Um 13-14 Uhr sei die Wirkung meist abgeklungen und die Patienten √§√üen zu Mittag. Am Nachmittag habe der Patient dann Gelegenheit mit anderen gleichzeitig behandelten Patienten zusammen zu sein. Er werde dazu angehalten seine Eindr√ľcke aus der Sitzung aufzuschreiben, die dann mit dem Arzt durchgesprochen und diskutiert w√ľrden. Zwischen den in der Regel w√∂chentlich stattfindenden LSD-Sitzungen vertieften Patient und Arzt die psychotherapeutische Bearbeitung des aufgetauchten Materials (1x t√§glich - 1x w√∂chentlich).

Robak hat auch Erfahrungen mit LSD als Adjuvans zu intensiver Gruppentherapie gesammelt. Bei der Durchf√ľhrung dieser Behandlungen folgte er √úberlegungen die Leuner (vgl. Leuner 1964; 1981) 1960 auf dem √§1. Europ√§ischen Symposion √ľber Psychotherapie unter LSD-25√§ in G√∂ttingen 1960 (vgl. Barolin 1961) referierte. Die Gruppen bestanden immer aus jeweils 3-5 Personen die gleichzeitig in LSD-Behandlung waren. Eine solche Gruppe sei jeweils nach der LSD-Sitzung f√ľr ca. zwei Stunden zusammen, wo jeder seine Erlebnisse schildern, kommentieren und in die gemeinsamen Diskussionen einbringen k√∂nne. Im Anschluss daran h√§tten die Patienten frei, bis die Gruppe am n√§chsten Morgen wieder zusammentreffe. Der Patient k√∂nne in der Gruppe seine intimsten und pers√∂nlichsten Probleme offenbaren und sie vermittle auch in schwierigen Zeiten therapeutischen Optimismus und schaffe st√ľtzende Solidarit√§t. Auch die positiven Behandlungsresultate spr√§chen f√ľr die gruppentherapie-unterst√ľtzte Behandlungstechnik.
Bis zum Mai 1962 behandelte Robak 24 Patienten, von denen bis dahin 15 die Behandlung abgeschlossen hatten. Die Patienten erhielten insgesamt 186 LSD-Behandlungen mit einer Durchschnittsdosis von 135 mcg. 10 der Patienten litten an Charakterneurosen, die anderen 5 unter Zwangsneurosen. Von diesen Patienten zeigten nach seinen Angaben etwa 50% trotz schwerer chronifizierter neurotischer Störungen nach der LSD-Behandlung deutliche Besserungen.
In einer Schlussbemerkung bezeichnet Robak LSD als brauchbares psychotherapeutisches Hilfsmittel, dessen Wirkungen lösende und akzelerierende Kraft im psychotherapeutischen Prozess besäßen.
Zwei Jahre nach Robaks vorl√§ufigem Bericht gibt Johnsen (1964b) als Grund f√ľr die Einf√ľhrung der psycholytischen Therapie an seiner Klinik die gro√üe Zahl therapieresistenter Patienten an. Zur genaueren Charakterisierung dieser Patientengruppe zitiert Johnsen den holl√§ndischen Psycholyse-Experte Arendsen Hein (1963), der 1963 drei markante Gruppen solcher therapieresistenten Patienten beschrieben hat:
1. Die emotionalen Analphabeten - Diese h√§tten keine Wahrnehmung der Beziehung ihrer Symptome zu ihren Gef√ľhlen, einen sehr reduzierten Kontakt zu sich selbst und mangelnde Introspektionsf√§higkeit (Psychopathen, psychosomatische Patienten).
2. Die rationalisierenden Intellektuellen - Diese neigten zur Verbalisierung, aber generierten ihre Einsichten ohne angemessene Gef√ľhle und zeigten dadurch keine wirkliche innere Teilnahme am psychotherapeutischen Prozess (haupts√§chlich Charakter- und Zwangsneurotiker).
3. Die stillen, stark gehemmten und verschlossenen Patienten - Diese h√§tten eine so starke und undurchdringliche Abwehr, dass jeder fruchtbare therapeutische Kontakt behindert sei, weil sie ihren Gef√ľhlen keinen Ausdruck verleihen k√∂nnten.
In Johnsens Klinik waren es vor allem die Schwierigkeiten mit schweren Zwangsneurosen und sexuellen Perversionen, die sie zur Anwendung der neuen Methode f√ľhrten. Seit Sommer 1961 verwendeten √Ąrzte der Klinik bei 200 Patienten LSD und Psilocybin in insgesamt ca. 1500 Sitzungen zur Unterst√ľtzung der Psychotherapie.
Die Anwendungs- bzw. Indikationsbereiche der Methode steckt Johnsen (1967: 333f.) aufgrund seiner Erfahrungen wie folgt ab:
1. LSD oder Psilocybin als Explorationshilfe zur Klärung diagnostischer Probleme am Beginn von Schizophrenien, endogenen Psychosen sowie schweren Neurosen. Zugleich könne aus den Sitzungen oft das weitere therapeutische Vorgehen abgeleitet werden.
2. Wichtigster Anwendungsbereich sei fraglos die Hilfe bei der Tiefenanalyse: Um Widerst√§nde zu √ľberwinden, Zeit zu sparen, dem Patienten emotionale Einsicht zu vermitteln und Abreaktionen zu beschleunigen.
3. Die Anwendung als ultima ratio bei den von Arendsen Hein charakterisierten Patientengruppen.
4. Benutzung von nur wenigen LSD- bzw. Psilocybinsitzungen in der Endphase einer konventionellen tiefenpsychologischen Behandlung zwecks Vertiefung der gewonnenen Einsichten (1967:335).
Bei der unter 2. genannten h√§ufigsten Anwendung, der Unterst√ľtzung einer Tiefenanalyse, h√§tten er und seine Mitarbeiter immer mit sehr kleinen Anfangsdosen begonnen. Mit zunehmender Erfahrung entschieden sie √ľber die Initialdosen jedoch fallabh√§ngig. Dass die erste Behandlung effektiv ist erscheint ihnen wichtig, um den Patienten zu ermutigen und vom Wert der Behandlung zu √ľberzeugen. Zugleich erfolge immer eine begleitende Behandlung mit Einzel- und Gruppenpsychotherapie (vgl. Johnsen 1964b: 385).
Die unter 3. genannten schweren Angst- und Zwangsneurotiker zeigten vielerlei produktive Regressionen auf fr√ľhe Kindheitserinnerungen, die bei den anderen Patientengruppen bedeutend seltener seien. Patienten wie Charakterneurotiker, sexuell gest√∂rte und Psychopathen zeigten dagegen meist tiefe emotionale Reaktionen mit ¬Ąkosmischen¬ď und ¬Ąmystischen¬ď Erfahrungen. Diese seien von gro√üer Bedeutung und Wichtigkeit vor allem f√ľr Patienten die ihre Emotionen bislang immer unterdr√ľckt gehalten h√§tten. Im Gegensatz zu zwangsneurotischen, narzisstischen und hysterischen Patienten, bei denen solcherart Erfahrungen kaum beobachtet w√ľrden, seien Alkoholiker, Psychopathen und Freiwillige anscheinend eher in der Lage sich in die Erfahrung bis zum erscheinen dieser Erlebnisformen einzulassen (vgl. auch Grof 1978: 120). ¬ĄThe severe characterneuroses, psychopaths, perverts and alcoholics, however, experience something new and creative under LSD treatment. The cosmic experience gives them a strength which is the point of departure for a new behaviour pattern: they achieve emotional contact with their own egos, they are able to discover new facets in themselves and to recognise powers in themselves which they have formerly ignored or denied the existence of¬Ē (Johnsen 1964b: 386).
Die erzielten Resultate wurden allerdings nicht mittels einer systematischen Nachuntersuchung eruiert, sondern basieren nur auf den pers√∂nlichen Eindr√ľcken der behandelnden √Ąrzte. Sie beschrieben in mehr als 60% der F√§lle deutliche Besserungen. Die 14 Zwangsneurotiker waren die schwersten der behandelten F√§lle mit z.T. jahrelangen Krankenhauskarrieren; von diesen wurden laut Johnsen 7 stark gebessert, w√§hrend 2 noch in Behandlung waren und 5 unver√§ndert blieben. Die 8 Alkoholiker wurden bis zum Zeitpunkt der Ver√∂ffentlichung noch nicht nachuntersucht.
Abschliessend bemerkt Johnsen (1964b: 387) im Hinblick auf die ungew√∂hnlich schwer erkrankten Patienten: ¬ďWe have undoubtly openend up new possibilities for these patients before whom we stood helpless¬Ē ... ¬ďFurthermore it is our impression that the use of psycholytica is a serious form of treatment which is not dangerous if carried out in a clinic with trained staff and given under the correct indications¬Ē.
In dem vier Jahre seiner therapeutischen Arbeit mit LSD, Psilocybin und dessen Derivat CZ 74 zusammenfassenden Artikel betont der in Johnsens Klinik arbeitende Psychiater Alnaes (1965: 397ff.) zun√§chst die besondere Bedeutung tiefgehender psychedelischer Erfahrungen f√ľr die existentielle Selbst- und Weltkonfrontation des Patienten. Diesen komme im Rahmen solcher Erfahrungen mit existentiellen Problemen wie der Frage nach der Bedeutung des Lebens, der Suche nach neuen Werten und neuer Lebensorientierung in Ber√ľhrung. Bei LSD-Behandlungen trete n√§mlich nicht nur unbewusstes Material aus pers√∂nlichen Konfliktfeldern zutage, sondern auch Erfahrungen aus ¬Ąarchetypischen¬ď und religi√∂sen Ebenen des innerpsychischen Erfahrungsspektrums, die f√ľr die Patienten oft weitreichende weltanschauliche Konsequenzen haben k√∂nnten.
An der Differenz des generierten Erfahrungsmaterials setzt f√ľr ihn auch die Unterscheidung von psycholytischer und psychedelischer Therapie an. Im Unterschied zur psycholytischen Therapieform, die eine Durcharbeitung pers√∂nlich-biographischen Konfliktmaterials in den Mittelpunkt stelle, determinierten die psychedelischen Verfahren (Verabreichung h√∂herer Dosen bei quasi-religi√∂ser Einstimmung des Patienten) den Wandel des Patienten weniger durch psychotherapeutische Manipulationen als durch die Erfahrungen selbst. Tiefgehende psychedelische Erfahrungen bes√§√üen meist mystisch-offenbarenden Charakter und k√∂nnten in kurzer Zeit langfristig wirksame Pers√∂nlichkeitswandlungen bewirken.
Was nun die Erfahrungen von Alnaes mit den von ihm behandelten Patienten angeht, so berichtet er, dass er bez√ľglich der Auswahlkriterien den konventionellen Vorgaben psycholytischer Therapie gefolgt sei. D.h. psychotische und pr√§psychotische Patienten seien genauso wie Ich-Schwache, infantile und hysterische Pers√∂nlichkeiten ausgeschlossen worden. Au√üerdem kam regelm√§√üig ein pers√∂nlichkeitspsychologischer Fragebogen zur Anwendung, der dem Behandler sowohl eine Feststellung relevanter Pers√∂nlichkeitsmerkmale (¬Ątrust in interpersonal relations, tolerance for regressive experiences, willingness to give up ego control, rigidity vs. Flexibility¬ď) erm√∂glichte als auch einen ersten Hinweis auf die zu verwendende Dosish√∂he geben k√∂nne.
10 der 20 Patienten erhielten laut Alnaes eine konfliktzentrierte analytische Psychotherapie. Sie durchliefen zwischen 10 und 60 Sitzungen mit einer Dosis von 100-200 mcg. LSD bzw. 10-30 mg Psilocybin und wurden begleitend mit Einzel- und Gestaltungstherapie (Malen) behandelt. Die √ľbrigen 10 Patienten wurden versuchsweise mit einer der psychedelischen Methode von Leary et al. (Leary 1964; Leary, Alpert & Metzner 1964) nachempfundenen Technik mittels nur weniger hochdosierter Sitzungen behandelt. Die Behandlungen erfolgten immer unter tagesklinischen oder station√§ren Bedingungen. Alnaes hebt hervor, dass die Verwendung hoher Dosen stets eine gr√ľndliche Vorbereitung des Patienten erfordere, wie auch die Einstellung des Patienten auf den religi√∂sen Cahrakter des zu erwartenden Erlebens. Als Grundlage diente Alnaes daf√ľr das Werk √ľber ¬ĄPsychedelische Erfahrungen¬ď von Leary, Albert und Metzner (1964). Ein √§u√üerst wichtiger Faktor sei bei dieser Behandlungsform die vertrauensvolle Beziehung zum Arzt und den Gruppenmitgliedern. Um Furcht und negative Reaktionen zu vermeiden, werden von Alnaes im Vorfeld der Erfahrung Praktiken des autogenen Trainings gelehrt, auf die der Patient dann u.U. w√§hrend der Sitzung zur√ľckgreifen k√∂nne. Als √§u√üeren Rahmen wurde dem Patienten ein wohnliches Zimmer mit Blumen und Kerzenbeleuchtung sowie ausgew√§hlter klassischer Musik zur Verf√ľgung gestellt, was bekannterma√üen der Erlangung archetypisch-existentieller Erfahrungen und Einsichten f√∂rderlich ist (Grof 1978; Bonny & Pahnke 1972). Die in Sitzungen mit psychedelischer Patientenvorbereitung und Dosierung gewonnenen Einsichten beziehen sich laut Alnaes vornehmlich auf die Beziehung von vorhergehender Ich-Konzeption und der auf einer tempor√§ren Ich-Verlust-Erfahrung basierenden neuartigen Ich-Konzeption. Die Wahrnehmung und Akzeptanz tieferer Realit√§tsdimensionen l√§sst auch die pers√∂nlichen Konflikte in einem anderen Licht erscheinen.
Der Zustand unmittelbar nach einer solchen Erfahrung sei gekennzeichnet durch gesteigerte Suggestiblit√§t und Erinnerung, was die psychotherapeutische Nacharbeit vertiefen helfe. ¬ĄUnder the `return`, the patient has a greater capacity to analyze and to integrate the experience, to became clear about his life ... and at the same time see the possibility of a change. It can give him an increased insight and clearness into the problems, help him to find a new meaning in a more realistic style of life¬Ē (Alnaes 1965: 403). F√ľr Alnaes verdankt die psychedelische Erfahrung ihren therapeutischen Wert einem direkten erfahrungsinduzierten Wandel im Wertekosmos der Person.
Der auf die Erfahrung folgende Tag wurde immer von jeglichen Verpflichtungen freigehalten, so dass dem Patienten Zeit zur Arbeit an sich selbst gegeben war.
Besondere Aufmerksamkeit richtete Alnaes auf die Frage, welche Patienten den gr√∂√üten Vorteil von der psychedelischen Behandlung hatten. Seiner Erfahrung nach machten Patienten bei denen keine psychedelischen Erfahrungen induziert werden konnten, bedeutend langsamere Fortschritte in der Therapie. Insofern sei zu fragen, ob nicht durch das Einflie√üen solch tiefreichender Erfahrungen auch die sonst bedeutend langwierigere psycholytische Kur intensiviert und abgek√ľrzt werden k¬Ēnne. Hierbei sei auch an das Prinzip der reciprocal inhibition zu denken, demzufolge ein Kontrastieren von wiedererlebtem traumatischen Erinnerungsmaterial mit gegenl√§ufigen positiven Erfahrungen gesundungsf¬Ērdernd wirken k¬Ēnne.

Schweden
√úber die Verwendung psycholytischer Therapie in Schweden liegt nur eine Publikation von Lennard Kaij (1963: 928ff.) vor, in welcher er zun√§chst ausf√ľhrlich √ľber seine Besuche im Powick-Hospital bei Sandison berichtet. Dort lernt er Mitte der f√ľnfziger Jahre die von Sandison und Mitarbeitern durchgef√ľhrte Form der LSD-Therapie kennen. Diese arbeitet mit der klassischen Team-Behandlung, d.h. einer psychiatrisch ausgebildeten Krankenschwester als permanenter Beisitzerin des Patienten und nur gelegentlichen Besuchen des Arztes w√§hrend der LSD-Wirkung. Nur gelegentlich erfolge nach den Sitzungen eine zus√§tzliche gruppentherapeutische Aufarbeitung des Erlebten. Der Therapeut verhielt nach Kaijs Beobachtungen √ľberraschend passiv und verharrte vorwiegend in einer observierenden Haltung. Er stellte kaum einmal Fragen von sich aus und gab dem Patienten auch keinerlei Interpretationen an die Hand.
Da Kaij in dem Abschnitt ¬ĄEigene Erfahrungen¬ď seine Vorgehensweise nicht weiter spezifiziert, ist davon auszugehen, dass er sich bei seinen Behandlungen im Wesentlichen an das Vorgehen von Sandison und Mitarbeitern gehalten hat. Was den Indikationsbereich der Methode angeht, √ľbernimmt er explizit die Ansichten von Sandison: Zwangsneurosen, Psychopathien und Sexualneurosen seien gut f√ľr die LSD-Behandlung geeignet.
Von 1957 an wurden in der psychiatrischen Klinik in Lund von Kaij psycholytische Behandlungen an elf vorwiegend zwangs-, angst- und charakterneurotischen Patienten durchgef√ľhrt. Es handelte sich auch hier wieder um schwer gest√∂rte Patienten mit negativer Prognose. Die Sitzungsh√§ufigkeit variierte zwischen 6 und 40, die Dosierung zwischen 50 und 700 mcg. Vor und nach den Sitzungen wurden die Patienten mittels einer verstehenden Psychotherapie behandelt.
Nach den Angaben von Kaij konnten s√§mtliche der behandelten Patienten gebessert werden, vor allem im Hinblick auf ihre, vorher stark eingeschr√§nkte, Arbeitsf√§higkeit. Leider bleiben seine diesbez√ľglichen Angaben rudiment√§r. Am Ende seiner Studie fasst er seine Erfahrungen dahingehend zusammen, dass die psycholytische Behandlung bei sachgem√§√üer Auswahl und Betreuung der Patienten praktisch risikolos sei.

3. Diskussion
Bei den im Vorstehenden geschilderten Studien handelt es sich um Darstellungen klinischer Projekte, in deren Rahmen zwar auch ambulante Patienten behandelt wurden, deren Psycholyse-Sitzungen sich aber immer innerhalb eines klinischen Rahmens abspielten. Die skandinavischen Forscher f√ľhrten die Psycholyse zun√§chst orientiert an den Vorgaben und Praktiken von Sandison et al. (Sandison 1954; Sandison & Spencer 1954; Sandison, Spencer & Whitelaw 1957) und Leuner (1959; 1962; 1963; 1964) in den klinischen Alltag ein. Zumeist begann man mit einleitenden Selbstversuchen und ging dann dazu √ľber, die M√∂glichkeiten der neuen Methode systematisch an Patienten zu erforschen. Da es w√§hrend dieser explorativen Phase zu einigen Zwischenf√§llen im Zusammenhang mit depressiven Nachschwankungen kam, wurden von den Forschern verschiedene Modifikationen des Verfahrens erarbeitet, die seine Handhabung in der Folge sicherer gestalteten. Neben einer Pr√§zisierung des Indikationsspektrums spielten dabei Ver√§nderungen des Behandlungsrahmens in Richtung einer freundlicheren Gestaltung der R√§umlichkeiten sowie die wachsende Erfahrung des sitzungsbetreuenden Personals eine nicht zu untersch√§tzende Rolle. Wegen der oben erw√§hnten Komplikationen im Zusammenhang mit depressiven Nachschwankungen im Anschluss an die halluzinogen-katalysierte Evokation psychischen Konfliktmaterials wurde die Behandlung ambulanter Patienten zuletzt nur noch unter teilstation√§ren Bedingungen (Patient √ľbernachtet in der Klinik) durchgef√ľhrt. Ein solcher teilstation√§rer Rahmen bietet die M√∂glichkeit einer mindestens 24-st√ľndigen Nachbeobachtung, womit nach den Angaben der Autoren in der Folgezeit solche Komplikationen vermieden werden konnten.
Obwohl zun√§chst von einigen der Forscher ein pharmakologisch orientierter Ansatz verfolgt wurde, den insbesondere Geert-J√∂rgensen mit seinen psychotherapieabstinenten LSD-Behandlungen √ľber Jahre fortf√ľhrte, erkennen die Autoren zunehmend die Bedeutung der psychotherapeutischen Durcharbeitung des Erlebten und bem√ľhen sich um eine Optimierung der psychotherapeutischen Begleitbehandlung. So haben die meisten Autoren mit den w√∂chentlichen bzw. 2-w√∂chentlichen Psycholyse-Sitzungen eine dichte psychotherapeutische Begleitbehandlung tiefenpsychologischer Richtung verbunden.
Nach einigen Versuchen mit Gruppen- und Einzeltherapie w√§hrend der LSD- bzw. Psilocybin-Wirkung, deren Ausgang sich jedoch eher unbefriedigend gestaltete, gehen die Autoren immer mehr dazu √ľber, dem Patienten w√§hrend der Wirkzeit der Substanzen nur vorsichtig supportiv zu observieren und die psychotherapeutische Durcharbeitung des Erlebten auf die Zeit nach Abklingen der Wirkung zu verlegen. Eine Ausnahme bilden hier die wenigen von Alnaes (1965) durchgef√ľhrten Behandlungen nach der psychedelischen Methode.
√úberblickt man die psychotherapeutischen Behandlungen, so kristallisiert sich die am Abend bzw. n√§chsten Morgen nach der Sitzung stattfindende Bearbeitung des Erlebten im Rahmen von gruppentherapeutischen Sitzungen - wie vordem schon von Sandison und Leuner praktiziert - als von den meisten Autoren f√ľr optimal erachtet heraus. Zus√§tzlich sollte nach Ansicht der Autoren dem Patienten - wo immer notwendig - auch das Angebot von Einzelgespr√§chen offenstehen.
Von den Indikationen her haben sich die Autoren auf ein Klientel negativ prognostizierter Charakter-, Angst- und Zwangsneurotiker sowie sexuelle Neurosen beschr√§nkt. Psychotiker und Borderline-F√§lle wurden genauso wie hysterische und infantile Pers√∂nlichkeiten von der Behandlung strikt ausgeschlossen. Ganz besondere Bedeutung f√ľr die Indikationsstellung verdient nach √ľbereinstimmender Meinung der Autoren auch die Gesamtstruktur der Pers√∂nlichkeit, wobei ausreichende Ich-St√§rke, feste Bindungen und gute soziale Integration den besonders geeigneten Patiententyp charakterisieren sollen.
Besondere M√∂glichkeiten bietet die psycholytische Behandlung nach Ansicht der Autoren insbesondere bei Patienten mit ausgepr√§gter neurotischer Abwehrstruktur im Rahmen chronischer neurotischer Entwicklungen. Hier k√∂nnten √ľber eine halluzinogen-induzierte tempor√§re Umstrukturierung neurotisch festgefahrener Abwehrformationen dissoziierte Pers√∂nlichkeitsanteile aktiviert und psychotherapeutisch reintegriert werden.
Neben dem Wiedererleben und Durcharbeiten traumatischer Erinnerungen und gegenwärtiger Konflikte sollte nach Meinung der Autoren auch auf den integrierenden und persönlichkeitswandelnden Effekt tiefgreifender psychedelischer Erfahrungen von religiös-existentieller Prägung nicht verzichtet werden, da diese in vielen Fällen geeignet seien, Selbsteinsichten zu vertiefen und auch den Therapiefortschritt z.T. enorm zu beschleunigen (vgl. Alnaes 1965).
Kritisch ist anzumerken, dass die referierten Autoren, trotz eines √ľberwiegend tiefenpsychologischen Therapieansatzes, das Problem der √úbertragung in der psycholytischen Therapie nicht ad√§quat gew√ľrdigt haben. Dies ist insofern bemerkenswert, als die durch das gesteigerte imagin√§re Erleben die √úbertragungsbeziehung w√§hrend psycholytischer Sitzungen stark intensiviert ist. Die Aktivierung und Ausgestaltung der √úbertragungsph√§nomene kann deren therapeutische Durcharbeitung oft stark beschleunigen, aber auch Probleme aufwerfen. Au√üerdem ist von den Autoren das Spektrum der durch Psycholytika induzierten Erfahrungen in seiner ph√§nomenologischen Eigenart - wo √ľberhaupt - leider nur sehr vage und unpr√§zise beschrieben worden.
Was die verabreichten Substanzen angeht, wird die optimale Durchschnittsdosis f√ľr psycholytische Behandlungen im Mittel mit 100-250 mcg LSD bzw. 10-30 mg Psilocybin angegeben. Dem Psilocybin bzw. seinem k√ľrzerwirkenden Derivat CZ 74 wird von den skandinavischen Autoren allerdings der Vorzug vor dem LSD gegeben, da es sich aufgrund seiner besseren klinischen Steuerbarkeit aufgrund k√ľrzerer Wirkungsdauer sowie geringeren vegetativen Nebenwirkungen komplikationsloser einsetzen lasse. Was die Applikationsform betrifft, favorisieren fast alle Autoren die Verabreichung per injectionem (intramuskul√§r bzw. subcutanr), da diese durch Verringerung von vegetativen Nebenwirkungen und Abk√ľrzung der Erwartungsspannung des Patienten Vorteile biete.
Zwischen 1960 und 1968 haben die skandinavischen Autoren insgesamt mehr als 500 Patienten mit der psycholytischen Methode behandelt.
Einen, angesichts der wissenschaftlichen Beweisnot heutiger Psycholyse-Therapeuten (vgl. Benz 1989; Pletscher & Ladewig 1994), besonders schwerwiegenden Kritikpunkt bei den skandinavischen Studien stellen die aus heutiger Perspektive mangelhaften katamnestischen Untersuchungen dar. Obgleich von allen Autoren √ľbereinstimmende Aussagen bez√ľglich der guten Wirksamkeit psycholytischer Behandlungen bei einer Vielzahl von F√§llen gemacht werden, erscheinen ihre katamnestischen Untersuchungen an verschiedenen Punkten problematisch. So ist etwa die auf viele der behandelten Patienten angewendete Diagnose ¬ĄCharakterneurose¬ď nicht ausreichend pr√§zise definiert worden und w√§re mindestens von derjenigen der ¬ĄPsychopathie¬ď wie auch den Symptomneurosen genauer abzugrenzen gewesen. Auch die Explikation der psychotherapeutischen Pr√§missen der einzelnen Forscher l√§sst bleibt unpr√§zise und l√§sst zu w√ľnschen √ľbrig. Weiterhin wurden die Katamnesen nur rudiment√§r dokumentiert und auch kaum auf systematischem Wege (Frageb√∂gen, unabh√§ngige Nachuntersucher usw.) ausgewertet. Ein weiterer Mangel ist darin zu sehen, dass sich die Kriterien f√ľr den Status √§gebessert√§ nirgends klar definiert finden.
Obgleich die evaluativen Studien der skandinavischen Autoren im historischen Kontext betrachtet werden m√ľssen und den damals √ľblichen Standards durchaus gen√ľge getan haben m√∂gen, erscheinen sie doch aus heutiger Perspektive mit derart gravierenden M√§ngeln behaftet, dass eine wissenschaftliche Auswertung ihrer Resultate bestenfalls Hinweischarakter haben kann. Gr√∂√üeres Interesse d√ľrften dagegen die von ihnen in klinischer Arbeit vollzogene Ausmessung des Komplikationsspektrums, die empirisch geleitete Eingrenzung des Indikationsbereiches sowie vor allem die Pr√§zisierung der Sicherheitsstandards psycholytischer Behandlungen beanspruchen.
Grunds√§tzlich sind angesichts des gestiegenen Niveaus psychotherapeutischer Evaluationsforschung in Zukunft exaktere und fundiertere Nachuntersuchungen w√ľnschenswert, wie sie von Mascher (1966), Leuner (1981; 1987; 1994a) und Schultz-Wittner (1989) sowie der Baltimore-Gruppe in Amerika (vgl. Yensen & Dryer 1995) bislang schon in Ans√§tzen realisiert wurden. Sollten genauere Untersuchungen die mehr anekdotisch zu wertenden positiven Ergebnisse der hier referierten Autoren best√§tigen, w√§re es denkbar, dass die Psycholyse in Zukunft eine M¬Ēglichkeit zur Behandlung einer nicht geringen Anzahl schwer gest√∂rter reaktiv psychisch Erkrankter darstellen k√∂nnte, und dies insbesondere bei Patientengruppen die mit den gew√∂hnlichen Methoden nur schwer oder gar nicht erreichen lassen (vgl. Leuner 1981). Au√üerdem k√∂nnte es angesichts des kostenintensiven Aufwandes langfristiger tiefenpsychologischer Behandlungsverfahren auch von Wert sein, ihr Potential f√ľr eine Effektivierung und Verk√ľrzung konventioneller tiefenpsychologischer Verfahren einer erneuten Pr√ľfung zu unterziehen.

4. English Summary
Psycholytic Therapy in the Scandinavian Countries. A Historical Review.
This article presents an historical review of the research in psycholytic therapy in Denmark, Norway and Sweden. Research groups in these countries began their work around 1960 with some self experiments and first attempts in treating psychoneurotically severe disturbed patients. They published between 1960 and 1968 more than 25 articles about clinical psycholytic work and participated in some international conferences on the subject. This little known research work is of interest insofar as it seems to have exemplary character for the phase of establishment of the clinical method and shows the interactions between the experimenters, the problems they encountered, and their successive solutions in modifying the treatment procedures.
Because of the lack of experience with these substances (LSD and Psilocybin) the researchers first employed it following the guidelines provided by the work of SANDISON (England) and LEUNER (Germany). This meant that the patients were treated in separate rooms, supported by a team of a permanently present nurse and a regularly visiting doctor.
Their research lead quickly to the conclusion that the main factor of treatment was not the medication itself; rather the psychotherapeutic treatments before and after the psycholytic session were as important as the sessions themselves in generating and directing the experience in the desired direction of selfdiscovery. The emergent material from the drug-sessions was worked through and integrated in ordinary psychotherapy in between the sessions. The researchers mainly used weekly to biweekly low-dose-sessions (100-200 mcg. LSD or 10-30 mg Psilocybin) with their patients in the context of a conventional psychotherapeutic framework. The participating physicans mentioned the ease in overcoming psychic resistance, the emergence of problematic psychic material, and the detailed recall of childhood events. The patients reported unusually deep insights into their own psychic functioning, the connections of their symptoms with traumatic events of their lives, and deep-reaching experiences of an "archetypical" or "mystical" character. These findings were also associated with severly disturbed neurotics with such strong intrapsychic defensive mechanisms that they were called "therapy-resistant" and unresponsive to conventional psychotherapeutic methods.
The patients included more than 550 severely disturbed individuals with diagnoses of character-, anxiety-, obsessional- and sexualneurosis.
In part because of these hard-core patient-problems the researchers were confronted in the first few years with some serious complications like one suicide, four suicide attempts and an unusual case of homicide in the course of their treatments. Analysis of these cases showed that they were mainly a consequence of the aftereffects of the sessions, when some patients developed a temporary kind of depressive reaction. Consequently they changed their treatment procedure for treating out-patients to a semi-clinic setting, where the patients spend the night after in the hospital, and could observed for a minimum of 24 hours. They developed more precise criteria for the indications for treatment which excluded psychotic, praepsychotic, hysteric and impulsive psychopathic patients. They also looked much more at the patient`s whole personality structure, which seemed to be a good indicator for complications and treatment success. After these changes they observed no complications like the above mentioned ones.
Some of the researchers performed original experiments which should be mentioned. KJAERBYE KRISTENSEN of Denmark experimented with additional Ritalin-medication which temporarily strenthened the LSD-effects and led to strong emotional involvement of the patients in their memories. Carefully used it could help to overcome the defensive patterns of even chronic neurotically structured patients, but it should not be used routinely.
MOGENS HERTZ of Denmark hypothesized that the neurotic behavior is mainly characterized by an equilibrium in the psyche of patients who were not allowed to experiment with new self and world concepts in learning to adjust to environmental circumstances. Altering consciousness by psychedelics or sensory deprivation could help the patient to come out of neurotically fixed patterns and learn again. In that way the LSD-experience is defined as a stress-reaction which brings up new insights and learning processes. This was demonstrated in study of the stress-hormone hydroxycortisol-levels during the course of the experience which were directly correlated to the content and intensity of the experience. Studies of the same type were also done by ALNAES and SKAUG of Norway.
EINAR GEERT-J√ĖRGENSEN, chief of the group in Denmark, performed some treatments with LSD and psilocybin without any psychotherapeutic treatment to find out the neurologic aspects of LSD-treatments. It was obviously harder for the patient to work through the experience without any professional help, but in some cases the results were astounishingly good. The order of emergence and content of psychic material in these patients mainly followed the lines shown by psychoanalysis - without any influence from psychotherapists!
RANDOLF ALNAES of Norway experimentally used the psychedelic treatment procedure as described by BLEWETT et al. and LEARY et al for some of his patients. He observed improvement in his patients and saw that deep-reaching psychedelic experiences could lead to long-term personality changes and an enormous treatment acceleration. He favours an approach which gives the patient both access to traumatic memories (psycholytic approach) and positive psychedelic experiences with existential insights to deepen and speed up the therapeutic process (psychedelic approach).
In regard to treatment results, the authors are all convinced of the power of the treatment with psycholytic substances, even in spite of some negative statements in the literature. The groups in Denmark and Norway made some catamnestic studies which presented some evidence of patient improvement in more than 60% of their severely disturbed patients which couldn`t be treated with conventional methods. These studies only reached the standards of psychotherapy-evaluation of the sixties, but this is more a historical fate than an direct deficit of their work. Nevertheless seen from the perspective of today these evaluations represent a very low level of evidence.
Experimental treatment-procedures are also confronted with special problems in treatment-evaluation because of the changes which have to be established with regard to the new problems, which may affect basic aspects of the treatment procedures, i.e. the evaluation outcome.
As a consequence of their experimenting, the authors concluded the optimal arrangement for psycholytic treatment was psychoanalytically-oriented Group-therapy after the experience to discuss and integrate the relived events and insights of the session. The patient should also be offered individual psychotherapy if necessary. In criticism, none of the authors made statements or discussed the special transference- and countertransference-problems involved in psycholytic therapy. These are an important part of the treatment and differ not structurally, but in intensity from those of conventional psychoanalytically-oriented treatments.
In regard to the substances used all authors preferred psilocybin or the short-acting psilocybin-derivate CZ 74 instead of LSD because of their shorter duration, lesser side effects, and their tendency to produce very few negative psychic reactions. They all favored intramuscular or subcutaneous injection as the mode of application for the substances because of fewer side effects and to reduce the tension of expectation in the patient.
The Scandinavian researchers contributed a good deal to establish psycholytic treatment procedures and strenghened the safety of the treatment in its routine clinical application. As GORDON JOHNSEN of Norway concluded: "... it is our impression that the use of psycholytica is a serious form of treatment which is not dangerous if carried out in a clinic with trained staff and given under the correct indications" (Johnsen 1964: 388). Like nearly all other research in this area, the Scandinavian research was halted in the beginning of the seventies, as a consequence of the upcoming bad publicity and the WHO-initiated law-changes regarding psychedelic substances.
In conclusion it seems that psycholytic therapy could be a serious and safe treatment, especially for severely disturbed neurotic patients who can`t be reached by conventional psychotherapy. It also may be a worthwhile method for accelerating and making more effective conventional psychoanalytic therapy, which could save costs. Therefore it could be of value to review the method without prejudices to find out the possible applications today and in the future.