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Imaginationserleben und halluzinogene Substanzen

Die Entwicklungsbeziehungen von
Katathymem Bilderleben (KB) und psycholytischer Therapie

Von PD Dr. Torsten Passie


Ăśbersicht
1. Einleitung
2. Anfänge und Entwicklungen des KB
3. Anfänge und Entwicklungen der Psycholyse,
4. Die hypnagoge Funktionsmatrix als gemeinsamer Nenner von KB und Psycholyse
5. Die Entwicklungsbeziehungen von KB und Psycholyse
6. Fazit


Zusammenfassung

Der historische Kontext in welchem das Katathyme Bilderleben (KB) bzw. die Katathym-imaginäre Psychotherapie (KIP) entstanden ist, soll in dem Vortrag nach einer weitgehend unbekannten Seite hin ausgeleuchtet werden. Aus dem „Bildstreifendenken“ wie es Ernst Kretschmer verstand, entwickelte Leuner die Vorstufen des Experimentellen katathymen Bilderlebens. Simultan kam es zu ersten Versuchen, dieses durch den Einsatz psycholytischer Stoffe (LSD, Psilocybin) zu intensivieren und zu vertiefen. Aufgrund der besonderen Eigenschaft dieser Stoffe eine tagtraumartige, imaginationsträchtige, gefühlsintensivierte und dennoch voll erinnerbare Bewusstseinslage zu erzeugen, wandte sich Leuner konsequent der Erforschung dieser Stoffe zu. Er entwickelte und etablierte daraus in internationaler Kooperation die psycholytische Therapie. Dieser sollte jedoch, trotz zunächst großer internationaler Resonanz, aufgrund widriger Zeitumstände keine größere Zukunft erwachsen. Aufgrund seiner umfangreichen Forschungen wurde Leuner damals zum renommierten Experten und führte im Rahmen seiner Universitätsabteilung Forschungen sowohl zum KB als auch zur Psycholyse bis zu seiner Emeritierung fort.
In dem Beitrag werden die - sich ĂĽber einen Zeitraum von mindestens zwei Jahrzehnten erstreckenden - steten Wechsel- bzw. Entwicklungsbeziehungen von KB und Psycholyse dargestellt.


1. Einleitung
Aus den Überlegungen zum „Bildstreifendenken“ wie es Ernst Kretschmer verstand, entwickelte Leuner die Vorstufen des Katathymen Bilderlebens. Schon in seinen ersten Veröffentlichungen zum KB empfahl er bei schwierigen Fällen „für die Einleitung des Versenkungszustandes“ die intravenöse Gabe eines Barbiturates, um die nach der initialen Sedierung regelmäßig auftretende Exzitationsphase therapeutisch im Sinne des KB zu nutzen. Seit 1956 unternahm er Versuche, das KB durch den Einsatz psycholytischer Stoffe wie LSD oder Psilocybin zu intensiveiren und vertiefen. Aufgrund der besonderen Eigenschaft dieser Stoffe eine tagtraumartige, gefühlsintensivierte und dennoch voll erinnerbare Bewusstseinslage zu erzeugen, wandte sich Leuner konsequent der Erforschung dieser Stoffe zu. Er entwickelte und etablierte daraus in internationaler Kooperation die psycholytische Therapie. Dieser sollte jedoch, trotz zunächst großer internationaler Resonanz (vgl. Abramson 1960; 1967), aufgrund widriger Zeitumstände keine größere Zukunft beschieden sein. Aufgrund seiner umfangreichen Forschungen wurde Leuner damals zum führenden Experten und führte im Rahmen seiner Universitätsabteilung Forschungen sowohl zum KB als auch zur Psycholyse bis zu seiner Emeritierung fort.

Der historische Kontext in welchem das KB entstanden ist, soll in diesem Vortrag nach einer weitgehend unbekannten Seite hin ausgeleuchtet werden. Es sollen die - sich über einen Zeitraum von mindestens drei Jahrzehnten erstreckenden - steten Entwicklungsbeziehungen von KB und Psycholyse aufgezeigt werden. Zur Verdeutlichung der nahen Verwandschaft sind die Modalitäten beider Verfahren in Tabelle 1 einander systematisch gegenübergestellt.

 

ModalitätKB/KIPPsycholyse
Rahmen


Liegende Position
Reizabschirmung
Begleiter
Liegende Position
Reizabschirmung
Begleiter
Vorgabe



Suggestionen
Bildvorgaben



Substanz, Fokusbildung
Gesteigertes
Erregungsniveau
Bewusstseinszustand

Hypnoid

Ăśberwache
Hypnagogie
Emotionalität

Psychologische
GefĂĽhlsaktivierung
Physio-psychologische
GefĂĽhlsaktivierung

Begleitung


Mitgelenkte
Selbsterfahrung



UnterstĂĽtzte, aber
ungelenkte,
eigendynamische
Selbsterfahrung
Therapeutenkontakt



Naher Kontakt
Geringe Absorption
Oszillierender
Kontakt
Teils starke
Absorption
RegressionenLeichte bis
mittelstarke
Regressionen
Mittelstarke bis
starke
Regressionen
Grundeinstellung

Partiell
aktiv/passiv
Vorwiegend
passiv
Struktur der
Erlebnisinhalte
Gesteuert durch
tdySt
Gesteuert durch
tdySt

Tabelle 1 Vergleich verschiedener Modalitäten von KIP und PsycholyseIn der Tabelle 2 folgt eine weitere Übersicht, um die historisch parallel laufende Entwicklung von KB und Psycholyse zu verdeutlichen.

 

 

1948Erste Versuche zum "Bildern"
1954 1. Publikation zum KB
1955



„KB als klinisches
Verfahren


1955


Barbiturate zur UnterstĂĽtzung
des KB der
Psychotherapie“
1956 Beginn der
LSD-Versuche
1957

„Symboldrama, ein
nicht-analysierendes…“
1958

Kretschmer-Festschrift
(KB + LSD)
1958

Kretschmer-Festschrift
(KB + LSD)
1959

1. Publikation zur
Psycholyse
1960

Göttinger
LSD-Therapie-Symposium
1962


Habilitation: „Die
experimentelle
Psychose“
1963

2. und 3. Publikation
zur Psycholyse
1964

„Das assoziative
Vorgehen im KB“
1965


Einführung d. stationären
Intervalltherapie
GrĂĽndung der EPT*
1967

Internat. Kongress
LSD-Psychotherapie
1970


1. Auflage
„Katathymes
Bilderleben“

1974

GrĂĽndung der AGKB**
und der IGKB***
197?

Anerkennung des KB
als Verfahren der TP
1981Buch „Halluzinogene“
1985


„Lehrbuch des
Katathymen
Bilderlebens“
1986 Emeritierung Prof. Leuner
1993


Wiederaufnahme
systematischer
Psycholyse-Behandlungen
2004 Kongress
„50 Jahre KB“

 

 

* Europäische Gesellschaft für Psycholytische Therapie (EPT)
** Arbeitsgemeinschaft Katathymes Bilderleben (AGKB)
*** Internationale Gesellschaft fĂĽr Katathymes Bilderleben (IGKB)

Tabelle 2 Ăśbersicht zu historischen Entwicklungen von KP/KIP und Psycholyse



1. Anfänge und Entwicklungen der KIP
Leuner studierte und arbeitete zunächst in der Marburger psychiatrischen Klinik und wurde dort erstmals durch die in der „Medizinischen Psychologie“ Kretschmers aufgezeigten psychodynamisch relevanten „psychischen Abbildungsvorgänge“ im „hyponoischen Bewusstseinszustand“ (Kretschmer) auf die Phänomene der von Kretschmer als „Bildstreifendenken“ bezeichneten imaginativen Vorgänge aufmerksam.

Historische Ursprünge zurückverfolgend, stieß er auf die umfangreichen Untersuchungen des Psychoanalytikers Herbert Silberer (1909, 1912) zu Symbolisierungsprozessen in hypnagogen und hypnopompen Bewusstseinszuständen sowie die Studien über „Das vorbewußte phantasierende Denken“ (so der Titel der Monographie) durch den Psychoanalytiker Julius Varendonk. Zudem wurde ihm die Arbeit des Schweizer Neuropsychiaters Frank bekannt, der schon 1913 im Rahmen seiner „psychokathartischen Methode“ der Psychotherapie auf das Einhergehen abreaktiver Entladungen mit spontan auftauchenden bildlichen Phantasievorstellungen aufmerksam wurde (Frank 1927). Anfang der dreißiger Jahre führte der Internist Happich (1932) dann systematische Studien zu imaginativen Vorgängen durch, die allerdings keine therapeutischen Zielsetzungen verfolgten.

Im Jahre 1948 begann Leuner mit eigenen weitgespannten Experimenten zu imaginativen Bildvorstellungen (Leuner 1977). Die ihn damals primär beschäftigende Grundfrage war: Was kann getan werden um die zufällige, unvorhersagbare Qualität spontaner Phantasien, die zu einem Zeitpunkt auftreten oder auch nicht auftreten, zu eliminieren? Die Untersuchungen von Silberer und Happich schienen Wege zu weisen, wie systematisch stabile Phantasien induziert und aufrechterhalten werden können, um die sie lenkenden Gesetzmäßigkeiten zu studieren. Diesen Arbeiten folgend versuchte er systematisch eine Bewusstseinslage zu erzeugen, die auf der Schwelle kurz vor dem Einschlafen eintritt und dem Auftreten „hypnagoger Imaginationen“ besonders förderlich ist. Zu dieser Zeit erkannte er die Techniken des von J.H. Schultz entwickelten „Autogenen Trainings“ als brauchbar für die Induktion derartiger Bewusstseinszustände. Da diese Techniken aber eine längere Trainingszeit erforderten und somit nicht jedem zur Verfügung standen, beschränkte er sich in der Folge auf einfache Suggestionen von Ruhe und Entspannung, die mit deutlich geringerem Aufwand zu einem „hypnoiden Zustand“ führten. Ein großer Schritt – so Leuner (1977: 76f.) – wurde dann mit der Instruktion des Probanden, sich bei geschlossenen Augen etwas imaginativ vorzustellen und dieses „innere Bild“ willentlich aufrechtzuerhalten, erreicht. In der Folge dieser Übung schien ein sich selbst vertiefender „Kreisprozeߓ (Leuner) zu entwickeln, da der Proband durch die Vertiefung in die bildlichen Vorstellungen zumeist auch zu einer Vertiefung des Entspannungszustandes gelangte, was dann wiederum zu einem Deutlicher- und Farbigerwerden der imaginativen Vorstellungsbilder führte. Auf Anregung von Günter Krapf (Wilke 2005) wurde dann von Leuner – zunächst zum Zweck der Vereinfachung – der „Blumen-Test“ eingeführt, bei dem den Probanden vorgegeben wird sich initial eine Blume vorzustellen. Damit war das Prinzip der begleiteten Imagination eingeführt. Als Unterschiede zu „normalen Imaginationen“ erkannte Leuner, neben der stärkeren Farbigkeit und Tiefendimension der Imaginationen, eine stärkere - weniger lenkbare - Autonomie der Vorstellungsbilder in der hypnagogen/hypnoiden Bewusstseinslage. Zudem kommt es eher zu einem spontanen Auseinanderhervorgehen von Imaginationen. Diese können – so Leuner – sowohl der Logik des Tageswach-Bewusstseins als auch der des Traumbewusstseins (wo ja gewöhnliche Kausalitäten außer Kraft gesetzt sein können) folgen. Als letztes prinzipielles Element wurde in der Frühentwicklung des KB nach der „Bildvorgabe“ noch die protektive und supportive Präsenz des Therapeuten und dessen gezielte Mitlenkung bzw. Intervention eingeführt.




Grafik 1 Historische EntwicklungsbezĂĽge von KB/KIP und Psycholyse


Soweit die historische Entwicklungsskizze zum KB, die allerdings noch nicht die – später darzustellenden – Forschungen zur psychodynamischen Kausalität und inneren Dynamik der Imaginationen beinhaltet.

2. Anfänge und Entwicklungen der Psycholyse

In der Publikation zur „Grundlegung und Methode“ des KB aus dem Jahre 1955 findet sich die Empfehlung, in Fällen wo die Erreichung einer KB-geeigneten Bewusstseinslage schwierig oder nicht möglich erscheint, ein kurzwirkendes Barbiturat intravenös oder auch per os zu verabreichen. Mit diesem „Hilfsmittel“ sei ein entsprechender „Versenkungszustand, im Anschluss an eine kurze Schlafphase, schnell und sicher zu erreichen“ (Leuner 1955, 201). Somit dürfte Leuner schon sehr frühzeitig (zunächst wohl im Anschluß an die damals recht populäre so genannte „Narkoanalyse“ mit Barbituraten) (Kranz 1950; Fervers 1951) Pharmaka als potentielle Mittel zur Unterstützung der KB-Behandlung erkannt haben.

Psychoaktive Stoffe wie Meskalin und LSD (Lysergsäurediäthylamid) waren zu Anfang der fünfziger Jahre dafür bekannt, einen veränderten Bewusstseinszustand zu erzeugen, der Ähnlichkeiten mit Träumen und hypnagogen Zuständen besitzt (Stoll 1947). Allerdings resultierte aus den umfangreichen Arbeiten Kurt Beringers (1927) mit Meskalin die Aussage, dass die traumartigen Imaginationen keine nachvollziehbaren Beziehungen zur Psychodynamik der Person besitzen (vgl. Passie 1992/93).

Auf der Suche nach Möglichkeiten, den imaginationsträchtigen hypnagogen Bewusstseinszustand stabil zu halten und die Imaginationsfähigkeit zu intensivieren stieß Leuner auf die – initial als Eidetika, später als Psycholytika bezeichneten – oben genannten Substanzen. Aus Leuners Texten ist zu entnehmen, dass der Beginn seiner Forschung mit Psycholytika in das Jahr 1956 an der Universität Marburg fiel (Leuner 1962: V). Als Beweggründe für die Aufnahme derartiger Forschungen beschreibt er mit Bezug auf das KB: „Ein empfindlicher Nachteil dieser … Methoden liegt nun darin, dass die katathymen Bilder in der Regel nur in der Gegenwart des Arztes in wirkungsvoller Weise provoziert werden können. In dem Bestreben, die Psychotherapie im Rahmen der Klinik noch weiter zu rationalisieren, d.h. mit einem Minimum an ärztlichem Aufwand eine möglichst große Zahl von Patienten zu behandeln, und ferner in der Absicht auch die schweren und schwersten Fälle chronischer Neurosen … der erfolgreichen Behandlung zuzuführen, drängte sich der Gedanke auf, die Bilderlebnisse medikamentös zu erzeugen“ (Leuner 1959, 94f.). dabei verweist er auf die vorhergehenden therapeutischen Versuche des Psychoanalytikers Walter Frederking (1948; 1953/54), die in der psychoanalytischen Fachzeitschrift „Psyche“ veröffentlicht wurden. „Wir wiederholten diese Versuche … Diese Kranken legten sich unter der Wirkung des Präparates im abgedunkelten Zimmer still auf die Couch und erlebten – von der Umwelt völlig abgeschirmt – szenische Bildreihen mehr oder weniger zusammenhängender Art. Hinsichtlich der Plastizität der Bilderlebnisse, ihrer Farbigkeit und der unmittelbaren emotionalen Beteiligung trugen sie den Charakter von Halluzinationen“ (Leuner 1959, 95). Schon damals stellte Leuner auch die Frage, inwieweit diese Art der Behandlung eine Gefahr für die Patienten darstellen könnte (etwaige toxische Schädigungen oder traumatische Erlebnisse sowie Gefahren der Auslösung einer Psychose), die man allerdings aufgrund des Kenntnisstandes (unter kontrollierten Bedingungen und geeigneter Patientenauswahl) schon damals weitgehend negieren konnte.

Im Unterschied zur Aussage Beringers, die auftretenden Erlebnisse hätten keine Beziehung zur Biographie und Psychodynamik der Person, kommt Leuner zu einer gänzlich anderen Schlussfolgerung: „Das Ergebnis der erfolgreichen Psychotherapie und der [in Leuner 1962] ... durchgeführten subtilen Einzelanalysen lassen keinen Zweifel offen, daß sämtliche subjektiven Erlebnisse unserer Patienten … unmittelbare Projektionen eigener affektiver Zuständlichkeiten im Sinne emotionaler Komplexe sind ...“ (Leuner 1959, 97). Die Wirkung der Psycholytika versteht er dabei als „Aktivatoren der bis dahin schlummernden oder sich jedenfalls nur larviert und symptomatisch äußernden affektiven Komplexe“. Die vordergründig unverstehbaren Erlebnisformationen „… erweisen sich als Ausdruck der durch das Rauschmittel überhöhten, formal umgeprägten und verzerrten Symptomatik der geläufigen neurotischen Affektreaktion oder psychosomatischen Symptome“. Charakteristisch erscheint ihm zudem eine therapeutische Ich-Spaltung dahingehend, dass die Probanden stets um das „Künstliche ihres Zustandes“ wissen. Prägend ist dafür auch die Tatsache, dass „gerade im LSD-Rausch häufig biographische Remineszenzen … aus der frühen Kindheit realistisch nacherlebt werden“. „Die damit verbundene Aufhebung von Verdrängungen führt zur Abreaktion und damit zur abschließenden Aufarbeitung der betreffenden traumatischen Erlebnisse“ (Leuner 1959, 97f.). Zum Teil kommt es noch während des veränderten Erlebens zu einer lebhaften Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Der Patient behält dabei in der Regel die Fähigkeit, aus dem psychotiform überhöhten Erleben für ihn bisher völlig unzugängliche Einsichten zu gewinnen und Schlüsse zu ziehen. „Die Patienten können bei entsprechender Dosierung vom Arzt angesprochen werden und vermögen unmittelbar Auskunft über das Erlebte zu geben. Diese halluzinierten Inhalte stehen dem „Symboldrama“ im EkB am nächsten, sofern sie sich kontinuierlich als eine Szene entwickeln“ (Leuner 1959, 99). So sieht Leuner sich durch die Versuche mit dem KB wohl vorbereitet, den subjektiven Bedeutungsgehalt dieser und anderer szenischer Bilderlebnisse zu erkennen. Aufgaben des Therapeuten sieht er, neben der sichernden Funktion bei der Rahmengebung, in der helfenden Unterstützung bei subjektiv bedrängenden Situationen und der direkten Analyse im Sinne von Rosen (1964) zur Klärung von Zusammenhängen.

Als psychotherapeutisch wirksame Faktoren der (anlässlich eines Symposiums 1960 in Göttingen von Sandison als „Psycholyse“ oder „psycholytische Therapie“ bezeichneten (Barolin 1960)) halluzinogen-unterstützten Psychotherapie beschreibt Leuner die folgenden:

  • Die Objektwerdung der Affektkomplexe in den halluzinatorischen Bilderlebnissen.
  • Die Verstärkung und Ăśberhöhung der Ăśbertragung bei erhaltenem „reflektierendem Ich-Rest“ (Leuner).
  • Das Hervortreten intrapsychischer Abwehrmechanismen mit groĂźer Evidenz fĂĽr die Patienten.
  • Die produktive Gestaltung der halluzinierten Szenen wie im Symboldrama des EkB.
  • Die starke affektive Abreaktion, insbesondere bei der Wiedererweckung traumatisierender Kindheitserinnerungen.
  • Die spontane Gewinnung von Einsichten und analytischen Erkenntnissen unter den gelockerten Assoziationen.

Die psycholytische Therapie vereinigt demnach in unsystematischer Durchmischung alle geläufigen tiefenpsychologischen Behandlungsaspekte. Entgegen dem ersten Anschein ist es jedoch nicht so, dass sich die therapeutische Wirksamkeit wie von selbst entfaltet, sondern – so Leuner – „ganz im Gegenteil werden bei dieser Form der Psychotherapie die höchsten Anforderungen an tiefenpsychologische Kenntnis und klinische Erfahrung gestellt“ (Leuner 1959, 101). So muß der Therapeut in der Lage sein in das veränderte Erleben des Patienten miterlebend einzusteigen und in der Symbolik der auftauchenden Erlebnisfolgen „wie in einem offenen Buch zu lesen“.

Schon in den Anfangsjahren der Psycholyse entwickelte Leuner im Rahmen seiner Habilitationsschrift „Die experimentelle Psychose“ die Grundlagen zum Verständnis der Gesetzmäßigkeiten des Erlebnisverlaufes unter der Wirkung von Psycholytika. Neben der Charakterisierung eines „psychotoxischen Basissyndroms“ endeckte er so genannte „transphänomenale dynamische Steuerungssysteme (tdySt)“, welche die auseinander hervorgehenden thematischen Inhalte des subjektiven Erlebnisfeldes bestimmen. Auf deren interessante Implikationen kann hier leider nicht weiter eingegangen werden. Von Bedeutung ist allerdings im thematischen Zusammenhang mit dem KB, dass er dieses Konzept zunächst im Bezug auf die Psycholyse entwickelt hat, aber später seine Gültigkeit auch im Rahmen des KB finden konnte.

In den Jahrzehnten von 1960-1985 wurde von ihm in internationaler Kooperation die psycholytische Therapie als ein klinisches Verfahren der Psychotherapie etabliert, dann allerdings aufgrund sich verändernder Zeitumstände („Drogenmissbrauchswelle“; negative Presse und Illegalisierung der Substanzen) trotz hunderter von wissenschaftlichen Publikationen und diverser internationaler Kongresse über diese Therapieform (vgl. Passie 1997) keine größere Verbreitung zukommen sollte (Leuner 1981; 1997). In Rahmen seiner Universitätsabteilung führte Leuner jedoch die Forschungen zur psycholytischen Therapie noch bis zu seiner Emeritierung 1986 weiter. Danach wurde die Psycholyse von ihm nur noch vereinzelt im Rahmen ambulanter Behandlungen angewendet.




Diagramm 1 Anzahl wissenschaftlicher Publikationen ĂĽber die halluzinogen-unterstĂĽtzte Psychotherapie in den Jahren 1953-1995. Jahr des Verbotes der Substanzen war 1967 (nach Passie 1997).


3. Die hypnagoge Funktionsmatrix als gemeinsamer Nenner von KB und Psycholyse
Nach der Rezeption diverser Arbeiten zu Symbolisierungsvorgängen in hypnagogen Zuständen experimentierte Leuner, wie oben geschildert, mit verschiedenen Methoden zur Induktion von imaginationsträchtigen hypnagogiformen Bewusstseinszuständen. Zur Charaktierisierung dieser Zustände bezog er sich auf die damals aktuellen Forschungen Klaus Conrads (Leuners Vorgesetzter zunächst in Marburg, später in Göttingen) zu den symptomatischen Psychosen. Um den Bewusstseinswandel bei symptomatischen Psychosen näher zu beschreiben, entwickelte Conrad den Begriff des „protopathischen Bewusstseinswandels“ (Conrad 1948). Dieser entspricht in seinen wesentlichen Merkmalen dem hypnagogen Zustand; weist allerdings diesen, typischerweise in der Einschlafphase auftretenden, Zustand als in einem Kontinuum von minimaler hypnagogiformer Bewusstseinsveränderung (etwa im Sinne eines zeitweiligen primärprozeßhaften Denkens im gewöhnlichen Tagtraum) bis zu den ausgeprägten Bewusstseinstrübungen schwerer symptomatischer Psychosen liegend, aus (Conrad 1960).

Conrads Auffassung nach ist der protopathische Bewusstseinswandel durch eine funktionale Rückbildung der Hirntätigkeit mit passiver Einengung des Bewusstseinsfeldes, Abbau des abstrahierenden und zielgerichteten Denkens zugunsten eines emotionalen Bilderdenkens mit gelockerter Assoziationsstruktur sowie einer Verminderung der Ich-Aktivität und Umgebungswahrnehmung gekennzeichnet. Die Durchlässigkeit gegenüber affektiven Regungen ist zumeist vermehrt.

Die diesbezüglichen Untersuchungen an den beim KB und unter psycholytischen Stoffen auftretenden Erlebnisveränderungen führten Leuner zu der zusammenfassenden Feststellung, „… daß die Erlebnis- und Reizgrundlage für die Manifestationen hypnagoger Visionen und ihrer autosymbolischen Inhalte die gleiche protopathische Bewusstseinslage darstellt, die wir mit Conrad als eine Folge des charakteristischen Bewusstseinswandels der experimentellen Psychose ermittelten“ (Leuner 1962, 115). Als charakteristischen Unterschied des hypnagogen Erlebens unter der Wirkung psycholytischer Stoffe sieht er lediglich die stark aktivierende Einwirkung der Stoffe auf die Affektivität und die Sinnesfunktionen im Sinne einer „Steigerung der inneren Reizproduktion“. Diese vermittle die eigenartige Intensität des hypnagog-halluzinatorischen Erlebens und die zeitweilige Okkupation der Probanden durch seine Inhalte. Der pharmakogenen Aktivierung der Affektivität stellt er die Gefühlsaktivierung durch „psychogenetischen Affektdruck“ im KB an die Seite. „Alle im Rahmen der hypnagogen Visionen (Einschlaferleben, autogenes Training, Wachtraum, eKB [=experimentelles katathymes Bilderleben]) registrierten Phänomene gehorchen als autosymbolische Darstellungen [in denen sich eine generelle Ausdruckstendenz der Psyche manifestiert] den Regeln der Projektion. … In der Projektion manifestieren sich einerseits charakterliche Grundhaltungen der Persönlichkeit …; andererseits aber projizieren sich auch im Sinne autosymbolischer Darstellungen aktuelle Konfliktlagen …“ (Leuner 1962, 116). Auch an anderer Stelle bezeichnet Leuner die „offenbare“ Identität von hypnagogem und dem während des KB auftretenden Bewusstseinzustand (Leuner 1985, 44).

Als Ergebnis seiner Untersuchungen zu diversen hypnagogiformen Bewusstseinsveränderungen fasst Leuner zusammen: „Hinsichtlich dieses Wandels an der Basis der psychischen Grundstruktur … bestehen zwar quantitative, aber sicher keine grundsätzlichen funktionellen Unterschiede zwischen dem Einschlaferleben, dem hypnagogen Zustand und der Halluzinose im Rausch“ (Leuner 1962: 140). Somit geht Leuner davon aus, dass im psychischen Apparat eine hypnagoge Funktionsmatrix bereitliegt, die durch diverse Bedingungen aktiviert werden kann.


4. Die Entwicklungsbeziehungen von KB und Psycholyse
Leuner selbst hat in seinen Arbeiten zum KB und zur Psycholyse, insbesondere in den Jahren von 1955 bis 1965, immer wieder auf Parallelitäten der Verfahren und ihres Hintergrundes hingewiesen. Insofern darf – zumindest was die Person Leuners angeht – von einem gemeinsamen, sich gegenseitig befruchtenden Entwicklungszusammenhang ausgegangen werden.

Welche Entwicklungsbeziehungen lassen sich nun, neben der historischen Parallelität, konkret zeigen? Bei einer kritischen Sondierung lassen sich diesbezüglich mindestens fünf Bereiche ausmachen:

A.     Die (schon geschilderte) Grundlagenforschung zur
        hypnagogen Funktionsmatrix
B.     Das so genannte „assoziative Vorgehen“ im KB
C.     Die dynamischen Mechanismen der Symbolentstehung
        und -wandlung
D.     Die Struktur der Verlaufsformen des Erlebens
E.     Die Gesetzmäßigkeiten der inhaltlichen Strukturierung
        des Erlebens

Zu B.: Es lässt sich hier zwanglos anknüpfen an die obige Darstellung zur Entwicklung des KB. Hatte Leuner durch die Bildvorgabe und den sich im weiteren Sitzungsverlauf entfaltenden aufkumulierenden Entspannungszustand den ersten wichtigen Entwicklungsschritt auf das KB hin gemacht, so wurde er durch die Experimente mit Psycholytika auf eine neue Idee gebracht. Diese entsprang der Fragestellung: „Was erfolgt, wenn sich der Therapeut … bei dem einmal in Gang gesetzten Symboldrama [=KB] völlig passiv verhält, d.h. … die katathymen Bilderlebnisse in freier assoziativer Aneinanderreihung … aus sich selbst heraus, entwickeln lässt … Mit anderen Worten, wir versuchten, den Prozeß der freien Assoziation der Psychoanalyse auf die Ebene des „BildBewusstseins“ zu übertragen. Dabei konnte erwartet werden, dass – wie dort – sich spontan sich anreicherndes assoziatives Bildmaterial nach Art eines selbststeuernden Prozesses den Kern des dynamischen Komplexes umkreist und „langsam, fast unfehlbar, die pathogene Lage in ihrer reinsten Ausbildung“ (Freud) findet. Diese Erwartung hat sich weitgehend bestätigt, wenn auch Abwehrvorgänge zeitweilig dazwischentreten können“ (Leuner 1964, 197). Auch diese Abwehrvorgänge werden heute allerdings als unverzichtbarer Teil des Suchprozesses betrachtet. Grundlegend für die therapeutischen Wirkungen durch das „assoziative Vorgehen im Symboldrama“ (so auch der Publikationstitel) sind für Leuner bestimmte dynamische Abläufe, über deren Entdeckung schreibt: „Sie sind uns zuerst im Rahmen der psycholytischen Therapie … in der klinischen Arbeit begegnet und haben das therapeutische Vorgehen im Symboldrama wesentlich bereichert“ (Leuner 1964, 197; mit Verweis auf Leuner 1963a, 1963b; Leuner et al. 1962).


Zu C.: Wenden wir uns nun der Untersuchung der dynamischen Mechanismen oder auch „KB-typischen Funktionen“ (Leuner) zu. Ausgehend von den Studien Silberers über den so genannten Autosymbolismus (Silberer 1909; 1912) versuchte Leuner zunächst „Seelische Abbildungsvorgänge als Phänomene der Psychodynamik“ (so der Titel seines Beitrages in der Festschrift für Ernst Kretschmer) zu erweisen und in ihren regelhaften Beziehungen zur biographischen Prägung der Person aufzuzeigen. Sein Anliegen in dieser Arbeit ist es „… von Beobachtungen über eine vergleichende Ausweitung der eKB-typischen Funktionen auf andere psychopathologische Zustandsbilder zu berichten“ (Leuner 1958, 179). Er kommt in dieser mit vielen Beispielen unterlegten Studie zu folgendem Resultat. Am Beispiel der LSD-induzierten Zustände „ … kann exemplifiziert werden, dass die eKB-typischen Abläufe wie … [Aufzählung wie Tabelle] in den Halluzinationen der toxischen Psychose in der gleichen Weise wie im normalpsychologisch erzeugten eKB finden ließen …“ (Leuner 1958, 183).

 

KB-typische FunktionenKBPsycholyse
Wandlungsphänomen:
subjektive Einsicht in den
Bedeutungsgehalt fĂĽhrt zur
Ă„nderung des symbolischen
Ausdrucksgehaltes
X



X



Synchrone Wandlung:
Ă„nderung der symbolischen
Darstellung durch
Umstrukturierung des
affektiven Hintergrundes
X




X




Wandlungsphänomen nach
Operation am imaginierten Bild
X

X

Polarität optisch-szenischer Inhalte:
Gegensatzspannung verschiedener
Figuren/Gehalte
X


X


Tabelle 2 Vergleich dynamischer Funktionen bei KB/KIP und Psycholyse (nach Leuner 1958)



Zu D.: Zu den Verlaufsformen des Erlebens ist zu sagen, dass Leuner diese im Bezug auf das KB erst zu einem viel späteren Zeitpunkt als in der psycholytischen Therapie zusammenfassend dargestellt hat. Zunächst hat er im Rahmen der Grundlagenforschung mit Psycholytika aufgrund empirischer Erfahrungen drei typische Verlaufsformen des Erlebens definiert:

  1. die kontinuierlich-szenische, auch quasi-normale, Verlaufsform
    Diese ist charakterisiert durch szenische Trugwahrnehmungen vor geschlossenen Augen, die eng mit einem adäquaten affekt- und sinnerfüllten emotionalen Erleben integriert sind und in einem kontinuierlichen Erlebnisstrom dahinfließen. Die Inhalte und Szenen sind seelische Projektionsvorgänge und zeigen individuelle biographische Sinnbezogenheit. Das Erleben besitzt eine kontinuierliche Folge und regt die Personen zu sinngemäßen Reaktionen und Reflexionen an.
  2. Die stagnierend-fragmentarische Verlaufsform
    Sie ist charakterisiert durch ein Auseinanderfallen von Inhalt und Affekt und eine Auflösung der kontinuierlichen verstehbaren Erlebnisfolge. Diese wird durch eine psychoseartige Fragmentierung des Erlebens bzw. seiner Inhalte ersetzt. Es erscheinen Einzelelemente ganzheitlicher Gegenstände, die beziehungslos nebeneinanderstehen und Einsprengungen inhaltsloser Emotionen (z. B. emotionale Leere, Erregungszustände).
  3. Die extrem-psychotische Verlaufsform
    Diese stellt eine Steigerungsform der stagnierend-fragmentarischen Verlaufsform dar und ist durch eine völlige Fragmentierung des Erlebens gekennzeichnet. Sie beruht auf einer massiven Übersteuerung durch eine massive Steigerung der inneren Reizproduktion, die mit normalen psychischen Reaktionsmustern nicht mehr verarbeitet werden kann. Deshalb treten erregungsaufbrauchende regressive Symptome wie Motilitätsstörungen oder Instinkthandlungen an die Stelle normalpsychologischer Mechanismen. Es kommt zu abnormen Verstimmungen, Verwirrtheit bis zu einer Stagnation des Bewusstseinstroms im katatonen Syndrom. Der „reflektierende Ich-Rest“ ist aufgehoben und die Person kann aufgrund der völligen Absorption durch das innere Erleben nicht mehr zu den Erlebnisinhalten Stellung nehmen.

Diese Verlaufsformen des Rauscherlebens sind klinisch gut voneinander abgrenzbar und werden in erster Linie durch die Größe der Dosis determiniert; obgleich unter entsprechendem Affektdruck einer andrängenden Erlebnisformation auch ein – mindestens temporärer - Wechsel von der ersten in die zweite Verlaufsform möglich ist.

Im KB hat Leuner in seinem groĂźen Lehrbuch erst in den 80er Jahren mehrere Verlaufsformen unterschieden:

   1. Märchenhaft-lyrische Verlaufsform
   2. Abschweifende Verlaufsweise
   3. Fragmentierte Verlaufsform

Ohne dass im Rahmen dieses Beitrages auf Einzelheiten der Verwandtschaft von Konzepten dieser Verlaufsbeschreibungen eingegangen werden kann, lässt schon der Gleichklang einiger Bezeichnungen ahnen, dass Leuner auch im Bezug auf die Verlaufsformen strukturelle Ähnlichkeiten zwischen beiden Verfahren gesehen hat. Im Bezug auf die Konzeptualisierung der Verlaufsformen ist aufgrund der Chronologie der Publikationen davon auszugehen, dass Leuner zunächst an den prägnanter in Erscheinung tretenden Verläufen unter Psycholytika das Konzept der Verlaufsformen entwickelt und dieses später auf die typischen Verläufe des KB hin übertragen und erweitert hat.


Zu E.: Eine Leuner lange und tiefgehend beschäftigende Frage war die nach den Gesetzmäßigkeiten des (mehr oder weniger spontanen) Auftretens, Bleibens und Verschwindens bestimmter innerer Bilder, Szenen; oder besser „thematischen Komplexe“. Konnte im KB zunächst oft noch eine tiefenpsychologische Dynamik zugrunde gelegt werden, so war im Bezug auf die eigenartige Determination der Bilder und szenischen Erlebnispassagen unter Wirkung von Psycholytika zwar auch eine Gesetzmäßigkeit erkennbar, aber mit den damals zur Verfügung stehenden Erklärungsmodellen nicht nachvollziehbar zu machen. Somit stellte die Psycholyse das Ausgangsproblemfeld für die Konzeptualisierung der Verlaufsformen dar.

Ausgehend vom Verständnis der Autosymbolisierungsvorgänge als Ausdruck treibender emotionaler Kräfte, genauer: eines - durch Silberer und Kretschmer evident gemachten - gespannten dynamischen Systems, eines unerledigten, auf Abschluß bzw. Erledigung drängenden Bedürfnisses. Allerdings wird nicht das gespannte System selbst bewusst erlebbar, sondern vielmehr tritt das symbolhafte Bild stellvertretend … in das Bewusstsein: Die sich symbolisch darstellende Emotion bleibt häufig transphänomenal, d.h. auch über das Andrängen und Verschwinden eines Bildes hinaus bestimmend für die Ausgestaltung des thematischen Erlebnisfeldes. Diesen im Kern durch einen affektiven Komplex zusammengehaltenen themenzentrierten Entfaltungsvorgang sieht Leuner als durch ein transphänomenales Steuerungssystem (tdySt) determiniert. Diese Steuerungssysteme seien biographisch gewachsene dynamische Strukturen, vergleichbar etwa den “Komplexen” Bleulers und Freuds, in denen biographische Erfahrungen im Sinne einer Speicherung um einen zumeist Fokus kristallisationsartig gespeichert seien. Die tiefsten Kerne solcher Erinnerungskomplexe seien durch bestimmte Gefühlsqualitäten geprägt. Durch die Zunahme der “inneren Reizbildung” (Leuner) unter Psycholytika werden diese Erinnerungskomplexe erneut aktiviert und drängen in Gestalt von Remineszenzen, symbolischen Trugwahrnehmungen und Übertragungsphänomenen zum Ausdruck. Beobachtungen aus Seriensitzungen zeigen, dass durch diesen Vorgang energetischer Entladung das jeweilige Steuerungssystem seine determinierende Kraft verliert und ein neues Steuerungssystem mit anderen Erlebnisinhalten an seine Stelle tritt. Diese Aktivierung, Symbolisierung und energetische Aufbrauchung der determinierende Kraft der tdySt macht einen Großteil der therapeutischen Wirksamkeit psycholytischer Behandlungen aus (Leuner 1967; 1981; Grof 1983).

Nachdem Leuner in seiner Habilitationsarbeit über „Die experimentelle Psychose“ (1962) diese Zusammenhänge im Bezug auf die Erlebniswelt unter Psycholytika entwickelt und empirisch untermauert hatte, begann er auch in den Szenefolgen des KB nach entsprechenden determinierenden Strukturen Ausschau zu halten. Diese dürften sich allerdings in dem weniger gelenkten „assoziativen Vorgehen“ im KB, wie er es seit 1964 zu propagieren begann, unverfälschter als im klassisch gelenkten KB aufzufinden sein. So schreibt er denn auch den Inhalten des „assoziativen“ KB eine Determination durch die tdySt zu. „Wir finden hier die dynamischen Verhältnisse des von uns gekennzeichneten „transphänomenale Steuerungssystems“ tdySt demonstriert, das für die Selektion des jeweiligen Erlebnismaterials verantwortlich ist“ (Leuner 1964, 197).

Fazit
Wie sehr Leuner bis an sein Lebensende der psycholytischen Therapie verbunden geblieben ist und ihr therapeutisches Potential geschätzt hat, kommt nicht zuletzt dadurch zum Ausdruck, dass er sie seit 1957 ohne Unterbrechung bis direkt vor seinem Tod 1996 praktiziert hat (Leuner 1997). Zudem begründete er zunächst 1965 die „Europäische Gesellschaft für Psycholytische Therapie (EPT) und 1985 das „Europäische Collegium für Bewusstseinstudien (ECBS)“, welches sich als internationale wissenschaftliche Vereinigung sowohl der Erforschung der psycholytischen Stoffe wie auch deren therapeutischer Anwendung verschrieben hat (Passie 1997).

Trotz dieses andauernden Interesses hat er sich (laut eigener Aussage unter dem Druck der negativen Presse Ende der sechziger Jahre) eindeutig auf die Etablierung des KB als psychotherapeutische Methode konzentriert (Leuner 1996). Mit der klaren Separierung der beiden Methoden fällte er eine quasi politische Entscheidung dahingehend, dass er „im Stillen“ an seiner klinischen Abteilung weiter die Psycholyse anwendete, aber sich (mindestens bis zur Gründung des ECBS 1985) im öffentlichen Raum in erster Linie nur noch als Nestor der KIP und Verbreiter des Respiratorischen Biofeedbacks (vgl. Barolin 2001) profilierte. Nur so ist zu erklären, dass sich in seinen Arbeiten zum KB (seit den sechziger Jahren) praktisch keinerlei Hinweise auf die Forschungen zu psycholytischen Stoffen oder der Psycholyse finden (vgl. Leuner 1985, Index).

Betrachtet man jedoch die oben angeführten Zusammenhänge, so wird deutlich, dass es eine ständige und befruchtende Beziehung zwischen der Entwicklung von KB und psycholytischer Therapie gegeben hat. Grafik 2 zeigt diese Wechselbeziehungen und deutet durch die Pfeilrichtung an, welches Verfahren für die jeweiligen Konzepte die wesentlichen Anstöße gegeben hat. So wird deutlich, daß der Einfluss der Forschungen Leuners zur Psycholyse einen großen, wenn nicht wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des KB gehabt hat.

 

Graphik 2 Entwicklungsbeziehungen von KB/KIP und Psycholyse (die Richtung der Pfeile weist auf die Richtung der Beeinflussung hin)