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© Rainer Neuefeind
 

Aktuelles aus Forschung und Therapie

1. Renaissance der Halluzinogenforschung
Wie schon an anderer Stelle dieser Website beschrieben, handelt es sich bei der Humanforschung mit halluzinogenen/entaktogenen Stoffen um ein von Forschern seit Ende der sechziger Jahre verlassenes und seitdem diskriminiertes Forschungsgebiet. Projekte zur Grundlagenforschung und sämtliche therapeutischen Anwendungen wurden damals gestoppt und kaum ein Wissenschaftler traute sich noch ein derartiges Forschungsprojekt zu beantragen.
Erst seit Ende der achtziger Jahre kam es zu Ansätzen, diese Forschung neu zu etablieren. Dabei spielten fünf Entwicklungen eine bedeutende Rolle:

1. Das Bekanntwerden einer neuen Klasse psychoaktiver Stoffen mit einem neuartigen Wirkungsspektrum. Diese sogenannten Entaktogene oder auch Empathogene lassen sich von ihren pharmakologischen Wirkungsmechanismen klar von den bekannten Halluzinogenen unterscheiden (Nichols et al. 1986). Die bekanntesten Stoffe dieser Gruppe werden heute unter der Bezeichung „Ecstasy-Gruppe“ (dazu gehören MDA, MDMA, MDE etc.) zusammengefasst (Gouzoulis et al. 1996). Sie erzeugen ausgeprägte Veränderungen des psychischen Erlebens, die von Euphorie, intensiviertem inneren Erleben, vergrößerter Selbstakzeptanz, ausgeprägter Kommunikationsfähigkeit, vermehrtem zwischenmenschlichem Näheempfinden und einer Steigerung der Empathiefähigkeit gekennzeichnet sind. Dabei bleiben – im Unterschied zu den klassischen Halluzinognen – die Ich-Funktionen praktisch vollständig erhalten (Peroutka et al. 1988). Diese Stoffe wurden aufgrund ihrer gut steuerbaren und psychotherapeutisch hilfreichen Wirkungen seit 1978 von einer größeren Zahl Psychotherapeuten, vor allem in den USA, in der psychotherapeutischen Arbeit eingesetzt (Adamson et al. 1988). Seit Mitte der achtziger Jahre kam es aufgrund verschiedener Umstände zu einer massenhaften Verbreitung dieser Stoffe im Rahmen der sich im Kontext damit entwickelnden sogenannten „Techno“-Jugendbewegung, die diese Stoffe als Hilfsmittel für ekstatische Tanzrituale verwendet (Collin/Godfrey 1998).

2. Die Entwicklung neuer neurochemischer und neurobiologischer Untersuchungsmethoden. Dazu gehören zum einen die Entdeckung und genauere Lokalisation und biochemische Charakterisierung der für die Funktion des Gehirns zentralen Neurotransmittersysteme bzw. der ihnen zugehörigen Rezeptorgruppen. Zum anderen neue High-tech Untersuchungsmethoden, die mit aufwendigen Apparaturen eine Darstellung des Stoffwechselgeschehens am lebenden Gehirn ermöglichen wie die Positronen-Emmissionstomographie (PET) und die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT).

3. Die auf Veranlassung einiger bekannter amerikanischer Wissenschaftler initiierte Neusondierung der wissenschaftlichen Forschungsmöglichkeiten mit Halluzinogenen, die sich auch in einigen wissenschaftlichen Symposien niederschlug (vgl. NIDA-Buch). Da alle Halluzinogene/Entaktogene mit den zentralen Neurotransmittersystemen, die auch das „normale“ psychische Funktionieren steuern, interagieren, kann über diese Stoffe das Funktionieren psychischer Prozesse im Gehirn weitergehend charakterisiert werden. Dies hat auch Bedeutung für die Erforschung psychiatrischer Erkrankungen wie Depressionen und Psychosen (Schlichting 1997).

4. Aufgrund der massenhaften Einnahme dieser Stoffe im Rahmen von subkulturellen Jugendbewegungen (hauptsächlich LSD und Präparate der sogenannten „Ecstasy-Gruppe“) stellte sich die Frage nach Ursachen und Folgen insbesondere des Ecstasy-Gebrauches (LSD ist nicht toxisch). So konnte schon Ende der achtziger Jahre der Nachweis geführt werden, dass diese Präparate bei häufigerer Einnahme (mehr als 1x im Monat) und/oder Überdosierungen (mehr als 125 mg MDMA) zu Schädigungen von Zellen des durch sie hauptsächlich beeinflussten Neurotransmittersystems (Serotoninsystem) führen (Ricaurte et a. 1988, McCann et al. 1998, kritisch dazu: Gouzoulis et al. 2002, Baggott et al. 2001). Ein besonderes Problem wirft die Kombination dieser Stoffe mit Tanzveranstaltungen auf, wo es durch ein generell gesteigertes körperliches Erregungsniveau zu Krampfanfällen und durch Flüssigkeitsdefizit („zuwenig trinken“) zu Nierenschädigungen kommen kann. Gelegentliche Einnahme in korrekter Dosierung bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr führt gemäß aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen dagegen nicht zu Schädigungen (Thomasius et al. 2000). Da sich der Gebrauch der Stoffe, trotz des gesetzlichen Verbotes 1986, in seiner Ausbreitung nicht hat begrenzen lassen, wurde die Erforschung der etwaigen toxischen Nebenwirkungen zu einem akzeptierten wissenschaftlichen Forschungsgebiet.

5. Durch die neu aufgekommenen Entaktogene bekam die therapeutische Anwendung im Sinne der psycholytischen Therapie einen neuen Anstoß. Dies fand in der Gründung der auf die legitime medizinische Anwendung von MDMA gerichteten amerikanischen „Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS)“ und der „Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie (SÄPT)“ und seinen Ausdruck. Zwischen 1988 und 1993 erhielten einige Mitglieder der SÄPT Bewilligungen zur therapeutischen Anwendung im Rahmen von Psychotherapien (vgl. Styk 1994). Beide Organisationen engagieren sich für die Initiierung und Unterstützung wissenschaftlicher Forschung sowie die Aufklärung der Öffentlichkeit.

2. Aktuelle Forschungen im deutschsprachigen Raum

Im deutschsprachigen Bereich sind fĂĽnf Forschergruppen im Bereich der Halluzinogen/ Entaktogenforschung nennenswert. Deren Arbeitsgebiete sollen hier kurz charakterisiert werden.
Anmerkung: Die jeweils angegebene Literaturverweise berücksichtigen nur einige der wichtigsten Veröffentlichungen der Autoren.

1. Die Gruppe um den heute als Chefarzt der Göppinger Klinik Christophsbad tätigen Privatdozenten Dr. med. Leo Hermle. Sie erforschte an der Freiburger Universitätsklinik in der Tradition des berühmten Heidelberger Meskalinforschers der zwanziger Jahre, Professor Kurt Beringer, zuerst die Auswirkungen von Meskalin auf die Entwicklung psychoseartiger Symptome („Modellpsychosen“) und einige Parameter der Hirnfunktion (EEG, Wechselwirkungen der Hirnhälften u.a.) (Hermle et al. 1992). Im Anschluß daran wurden von ihnen die körperlichen und psychischen Wirkungen eines klassischen Entaktogens (Methylendioxyethylamphetamin, kurz MDE) in aufwendigen Projekten genauer untersucht (Hermle et al. 1993, Hermle et al. 1993, Gouzoulis et al. 1993). Auch dessen Pharmakokinetik und Verstoffwechselung im Körper wurde (in Zusammenarbeit mit der Universität Tübingen, Prof. K.-A. Kovar) genauer charakterisiert. Ähnliches wurde von ihnen auch für das Halluzinogen Psilocybin geleistet (Holzmann 1995). Während der neunziger Jahren kam es zur Dreiteilung der Forschergruppe:

2. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer wurde auf den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Universität Ulm berufen und forscht unter anderem zur neuropsychologischen Charakterisierung von Psilocybin-Wirkungen (Spitzer et al. 1996). Außerdem wurde in Zusammenarbeit mit PD Dr. Hermle die Wirkung der voneinander separierten rechtsdrehenden und linksdrehenden Moleküle des MDE sowohl auf einzelne neuropsychologische Parameter als auch den Gehirnstoffwechsel untersucht (Spitzer et al. 2001).

3. Frau Privatdozentin Dr. Euphrosyne Gouzoulis integrierte sich in die Arbeitsgruppe unter Prof. Dr. Henning Sass an der Universität Aachen. Sie führte eine umfangreiche, durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie geförderte, Untersuchung zur vergleichenden Charakterisierung von Halluzinogenen (Psilocybin), Entaktogenen (MDE) und Amphetaminen (Methamphetamin) durch. Die Substanzenwirkungen wurden im Bezug auf körperliche, psychische, neuropsychologische und Wirkungen auf den Gehirnstoffwechsel untersucht (Gouzoulis et al. 1998a, b). Weiteres Thema waren die systematische Aufklärung der wissenschaftlichen Öffentlichkeit über die Charakteristik der Entaktogene, ihrer möglichen Nebenwirkungen und neurotoxischen Risken (Gouzoulis et al. 1996, 2002, Hermle et al. 1996).

4. Die Gruppe um den an der Züricher psychiatrischen Universitätsklinik tätigen Privatdozenten Dr. Franz Vollenweider. Diese Gruppe untersucht seit den achtziger Jahren mit Einsatz aufwendiger technischer Apparate die Veränderungen des Hirnstoffwechsels (PET) und der geistigen Funktionen (Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis etc.) unter dem halluzinogenen Anästhetikum Ketamin, dem klassischen Halluzinogen Psilocybin und auch – hierin weltweit einzigartig – dem MDMA (Vollenweider et al. 1997 ff., Gamma et al. 2000). Dabei konnten sowohl die psychischen als auch die kognitiven Wirkungen dieser Substanzen sehr genau charakterisiert werden. Auch die Pharmakokinetik und Verstoffwechselung einiger Substanzen im Körper war Forschungsgegenstand (Hasler et al. 1997). Besonderes Augenmerk richteten die Forscher auf die Beziehungen von Veränderungen im Hirnstoffwechsel und Veränderungen der kognitiven Funktionen wie auch des psychischen Erlebens. Sie konnten diesbezüglich wesentliche Zusammenhänge aufzeigen und ein neuartiges neurophysiologisches Modell der veränderten Wechselwirkungen unterschiedlicher Teile des Gehirns (Modell der CTSC-Loops) entwickeln (Vollenweider et al. 2001). Diese Modelle halten auch für die Erforschung psychiatrischer Erkrankungen wie Depressionen und Schizophrenien wichtige Aufschlüsse bereit. Derzeit laufende Forschungen beschäftigen sich mit speziellen neuropsychologischen Experimenten zu Veränderungen von Gedächtnisfunktionen unter Psilocybin- und MDMA-Wirkung.

5. Die Gruppe um Prof. Dr. Dr. Hinderk M. Emrich an der Medizinischen Hochschule Hannover. Es wurden bzw. werden Untersuchungen mit dem halluzinogenen Anästhetikum Ketamin und mit Psilocybin durchgeführt. Die Gruppe verfolgt neben neuropsychologischen Studien (u.a. zu Synästhesien) ein neuentwickeltes Experiment, welches über die Beeinflussung der Wahrnehmung einer optischen Illusion („Hohlmasken-Modell“) die Entstehung und Verarbeitung von Wahrnehmungen im Gehirn untersucht (Schneider et al. 1999). Zudem könnten darüber auch subklinische, d.h. von den Versuchspersonen selbst nicht bemerkbare, Effekte der Stoffe gemessen werden. Einige Mitarbeiter der Gruppe publizieren auch über die Geschichte der Halluzinogen/Entaktogenforschung und therapeutische Anwendungsmöglichkeiten (Passie 1993 ff.). Zudem arbeiten sie an Plänen für eine spezifische Therapieanwendung von Entaktogenen.

6. Die Schweizerische Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie wurde 1985 gegründet. Einige ihrer Mitglieder besaßen von 1988-1993 eine Ausnahmebewilligung für die Verwendung von Halluzinogenen und Entaktogenen im Rahmen psychotherapeutischer Behandlungen. Die Gruppe ist nach wie vor aktiv. Nachdem sich in entsprechenden Nachuntersuchungen ihrer Patienten eine verschwindend geringe Komplikationenrate und deutliche Anhaltspunkte für eine heilende Wirkung gezeigt haben (Gasser 1997), strebt sie danach, erneut eine Bewilligung für den therapeutischen Einsatz zu erlangen. Vorraussetzung dafür ist, nach Ansicht ministerieller Stellen, ein sich auf hohem Niveau bewegendes begleitendes Forschungsprojekt zur objektiven Beurteilung des Behandlungserfolges und der Risiken. Die Planung für ein solches Projekt ist weit fortgeschritten und soll demnächst zur Umsetzung kommen. Außerdem beitreibt die Gruppe eine begrenzte Öffentlichkeitsarbeit zur Aufklärung über die psycholytische Therapie. (Styk 1994)

Wer an einer vollständigeren Auflistung und Darstellung der aktuell laufenden Forschungsprojekte zu Halluzinogenen/Entaktogenen weltweit, insbesondere auch im Hinblick auf therapeutische Anwendungen, interessiert ist, kann sich im Internet unter www.maps.org und unter www.heffter.org informieren.