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© Rainer Neuefeind
 

Psilocybin in der Psychotherapie

1. Einleitung
Die Verwendung von Halluzinogenen oder als "Psycholytika" (Sandison) bezeichneten Substanzen wie Meskalin und LSD im Rahmen moderner psychotherapeutischer Verfahren reicht bis in die f√ľnfziger Jahre zur√ľck und wurde zun√§chst haupts√§chlich von der Verwendung des LSD gepr√§gt (vgl. Abramson 1960; 1967; Passie 1997). Erst zu Beginn der sechziger Jahre wurde das kurz zuvor in mexikanischen Pilzen entdeckte und kurz darauf synthetisierte Psilocybin (4-phosphoryloxy-N,N-dimethyl- tryptamin) (Hofmann et al. 1958; 1959) unter dem Namen Indocybin Sandoz in diese Verfahren einbezogen. Das praktisch nur in Europa verwendete Psilocybin wurde vor allem als Hilfsmittel zur Aktivierung unbewu√üten Materials im Rahmen tiefenpsychologischer Behandlungen eingesetzt ("Psycholyse"). Dieses Verfahren nutzt die Eigenschaft halluzinogener Substanzen eine Stimulation der Affektivit√§t und einen traumartigen Erlebnisflu√ü bei klarem Bewu√ütsein und gutem Erinnerungsverm√∂gen zu erzeugen. In diesem k√∂nnen unbewu√üte Konflikte und Erinnerungen erlebt und psychotherapeutischer Bearbeitung zug√§nglich gemacht werden. Aber nicht die pharmakologischen Effekte erzeugen die therapeutische Wirkung, sondern vielmehr erst die langfristige therapeutische Durcharbeitung des freigelegten Materials. Mittels dieser pharmakologisch unterst√ľtzten Methode konnten sogar vordem als therapieresistent betrachtete Patientengruppen psychotherapeutisch behandelt werden.

Das Psilocybin und sein kurzwirkendes Derivat CZ 74 (4-hydroxy-N-di√§thyltryptamin) (Hofmann 1959; Leuner et al. 1965; Baer 1967a,b) zeichnen sich - nach √ľbereinstimmenden Beobachtungen der Autoren - durch Eigenschaften wie kurze Wirkungsdauer, geringe neurovegetative Nebenwirkungen, wenig Depersonalisationserleben und Angstprovokation sowie eine stabiler positive T√∂nung des affektiven Erlebens aus. Da es somit einen schonenderen und besser steuerbaren Rauschablauf als das vorher dominierende LSD bietet, erscheint es als Mittel der Wahl f√ľr zuk√ľnftige Arbeiten mit der psycholytischen Therapie (vgl. Leuner 1968, 1981).
Bez√ľglich ihres Einsatzes in der Psychotherapie werden hier vier Verfahrensweisen dargestellt, mit denen etwa 1500 Patienten behandelt wurden. In der Diskussion werden √Ąhnlichkeiten und Differenzen von traditionellen und modernen Anwendungsformen herausgearbeitet.


2. Fr√ľhgeschichte des Psilocybingebrauches
In dem Monumentalwerk des spanischen Franziskanerpaters Bernhardino de Sahagun aus dem Jahre 1598 mit dem Titel "Historia general de las cosas de Nueva Espana" finden sich Beschreibungen von Eingeborenen der neuen Welt, die während religiöser Feste bestimmte berauschende Pilze zu sich nahmen. Diese Rituale erschienen den inquisitorischen Geistlichen der alten Welt als Teufelswerk. Die Eingeborenen vernahmen dagegen in der Wirkung der Pilze eine direkte Wirkung Gottes und bezeichneten ihn von daher als "Teonanacatl", den "göttlichen Pilz" (Wasson 1958). In der gleichen Quelle finden sich Hinweise, daß die Pilze nicht nur zu religiösen Festen, sondern auch von Medizinmännern im Rahmen von Heilbehandlungen verwendet wurden. Die Einnahme der Pilze verlieh ihnen demnach gewisse seherische Kräfte, die es ihnen ermöglichten, sowohl die Ursachen von Krankheiten zu erkennen als auch Wege zu ihrer Heilung zu weisen.
Im Rahmen derartiger schamanistischer Heilbehandlungen werden sowohl psychologische als auch soziale Konfliktsituationen der Patienten behandelt. Die therapeutischen Sitzungen vollziehen sich meist in Gegenwart auch von Verwandten des Patienten, die selektiv in den Verlauf der Behandlungszeremonie einbezogen werden. Die Pilze werden dabei oft auch alleine vom Heiler zu diagnostischen Zwecken gegessen. Aber auch die gemeinsame Einnahme mit dem Patienten sowie gelegentlich auch mit anwesenden Verwandten scheint recht h√§ufig vorzukommen. Letzeres geschieht, um nicht nur Charakter und Ursachen der Erkrankung zu diagnostizieren, sondern die Sensibilisierung im ver√§nderten Bewu√ütsein zugleich f√ľr heilerische Katharsis und Beeinflussung zu nutzen (Wasson 1980; Passie 1985, 1987). Durch die Einbeziehung von Familienangeh√∂rigen und Verwandten gewinnt das Geschehen au√üerdem wichtige psychodramatische Akzente.
Die ersten modernen psychopharmakologischen Untersuchungen des Psilocybins wurden schon in den Jahren 1958 bis 1960 vorgelegt (Delay et al. 1959a,c; R√ľmmele 1959; Quetin 1960). Berichtet wurde √ľber ein den bekannten Halluzinogenen LSD und Meskalin nahestehendes Wirkungsbild mit traumartigen Erlebnisabwandlungen, Steigerungen des sensorischen Erlebens bis zu Illusionen und Pseudohalluzinationen, ausgepr√§gter Introversionsneigung, Syn√§sthesien, Ver√§nderungen des Raum-, Zeit- und K√∂rpererlebens, Depersonalisationserscheinungen sowie einer unspezifischen Verst√§rkung affektiver Qualit√§ten. Besonders erw√§hnt wird auch das h√§ufige Wiedererleben affektbesetzter Erinnerungen mit ausgepr√§gter emotionaler Beteiligung, welches besonders pr√§gnant bei neurotischen Versuchspersonen beobachtet wurde (Delay et al. 1959b,c,; 1961; 1963; Quetin 1960).
Während der sechziger Jahren folgten Untersuchungen unter verschiedenen Gesichtspunkten durch Forscher unterschiedicher Nationalität (mit z.T. erheblichen Probandenzahlen (Leary 1961ff.; Salgueiro 1964)). Diese konnten die oben geschilderten psychopharmakologischen Wirkungen, die gute Steuerbarkeit des Rauschzustandes und die physiologische Ungefährlichkeit des Psilocybins bestätigen (Malitz et al. 1960; Hollister 1961; Heimann 1961; Sercl et al. 1961; Rinkel et al. 1961; Nieto Gomez 1962; Leuner 1962ff; Aguilar 1963; Perez de Francisco 1964; Reda et al. 1964; Keeler 1965; Metzner et al. 1963; 1965; Da Fonseca et al. 1965; Steinegger et al. 1966; Flores 1966; Dubansky et al. 1967a,b; Fischer et al. 1970).


3. Klinisch-psychotherapeutische Anwendung
Geschichte der psycholytischen Therapie
Schon im Zusammenhang mit umfangreichen Forschungen zu halluzinogenen Substanzen in der ersten H√§lfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere dem Meskalin (vgl. Passie 1995a), wurde auf ihre langtradierte Anwendung in indigenen Heilungsritualen des mittel- und s√ľdamerikanischen Raumes hingewiesen (Beringer 1927; LaBarre 1938). Insofern lag es nahe, ihre Brauchbarkeit zur Unterst√ľtzung psychotherapeutischer Behandlungen zu pr√ľfen. Doch erst Experimente mit dem 1943 entdeckten hochwirksamen Halluzinogen LSD (Lysergs√§uredi√§thylamid) (Stoll 1947) gaben den Ansto√ü, diese Substanzen bei der Psychotherapie neurotischer Patienten anzuwenden. Erste Behandlungsversuche f√ľhrten Busch et al. (1950) und - im Kontext des psychoanalytischen Verfahrens - Frederking (1953/54; 1954) durch. Vor allem aber wurde man durch die von der englischen Gruppe um Sandison et al. (1954ff.) berichteten Zustandsbesserungen neurotischer Patienten nach einmaliger LSD-Verabreichung auf das Potential dieser Substanzen zur F√∂rderung psychotherapeutischer Behandlungen aufmerksam.
Einige Forscher hatten zun√§chst einen pharmakologischen Effekt f√ľr die therapeutische Wirkung verantwortlich gemacht. Es wurde aber schnell deutlich, da√ü es sich bei den beobachteten Besserungen keineswegs um pharmakologisch induzierte Ver√§nderungen handelte, sondern die hervorgerufenen Erlebnisse sich ohne Einbindung in eine l√§ngerfristige psychotherapeutische Behandlung wenig ergiebig strukturierten und zudem schnell verfl√ľchtigten. Letztlich wurde den beteiligten Forschern immer klarer, da√ü es sich bei diesen Substanzen nur um Hilfsmittel zur F√∂rderung unbewu√üten Materials und vertiefter Selbsteinsicht im Kontext aufdeckender psychotherapeutischer Verfahren handeln kann.
     
Mechanismen psycholytischer Psychotherapie
Eine Brauchbarkeit zur Unterst√ľtzung von Psychotherapie besitzen Psycholytika wie LSD und Psilocybin durch ihre Eigenschaft einen traumartigen Erlebnisflu√ü bei weitgehend klarem Bewu√ütsein und gutem Erinnerungsverm√∂gen hervorzurufen. In diesem k√∂nnen vordem verdr√§ngte unbewu√üte Konflikte und Erinnerungen aktiviert und lebhaft wiedererlebt werden. Ausserdem wird h√§ufig eine Lockerung psychischer Abwehrmechanismen sowie eine Beg√ľnstigung psychotherapeutisch wertvoller regressiver Erlebnisweisen ("Altersregression") beobachtet. Die Stimulation der Affektivit√§t l√§√üt sowohl vergangene als auch aktuelle Gef√ľhlsbeziehungen deutlicher erlebbar werden. Auch die √úbertragungsbeziehung erf√§hrt eine Intensivierung, die bis zu illusion√§ren Gesichts- und Gestaltverkennungen des Arztes gehen kann. Dem Patienten wird dadurch mit aller Deutlichkeit der projektive Charakter wom√∂glich infantiler √úbertragungen vor Augen gef√ľhrt.
Weiteres Kennzeichen des Erlebens unter geringen Dosen von Psycholytika ist eine eigent√ľmliche Distanz mit der der Erlebende bzw. ein "reflektierender Ich-Rest" (Leuner) dem ver√§nderten Erleben gegen√ľberzustehen vermag. Dies garantiert die stete Einsicht des Patienten in den k√ľnstlichen Ursprung seiner Erlebnisver√§nderungen. Au√üerdem gelingt es ihm aus einer Beobachterperspektive, nach dem Prinzip eines Weitwinkelobjektives, weit auseinanderliegende innerseelische Fakten wie Remineszenzen, menschliche Gef√ľhlsbeziehungen oder fehlerhafte charakterliche Einstellungen miteinander in Sinnzusammenhang zu bringen. Dabei sind mehrere Bewu√ütseinsbereiche gleichzeitig angesprochen, so da√ü eine breite Integration unbewu√üten Materials gelingt. Der Betreffende kann so eine F√ľlle introspektiver Einsichten in neurotische Fehlhaltungen gewinnen. Deren √úberzeugungscharakter ist durch die ausgepr√§gte emotionale Beteiligung ausgesprochen gut, so da√ü der therapeutische Proze√ü betr√§chtlich intensiviert, beschleunigt und zugleich vertieft wird.
Aufgrund der genannten Wirkungen erschien einer nicht geringen Zahl von Therapeuten mittels der psycholytischen Methode eine Erweiterung des Indikationsspektrums der Psychotherapie auch auf vordem f√ľr unbehandelbar erachtete schwere und chronifizierte Neurosen m√∂glich. Die meisten Patienten dieser Gruppe sind gekennzeichnet durch rigide Abwehr- und Verdr√§ngungsmechanismen, mangelnde zwischenmenschliche Beziehungsf√§higkeit und eine Unf√§higkeit unbewu√ütes Material durch die √ľblichen Methoden der "freie Assoziation", das Traumleben usw. hervorzubringen. Eine aufdeckende psychotherapeutische Behandlung ist von daher stark behindert bzw. verunm√∂glicht. In der durch Psycholytika anregbaren traumartigen Erlebnisver√§nderung erkannten deshalb viele Psychotherapeuten ein probates Mittel um auch dieses schwierige Klientel erfolgreich psychotherapeutisch zu behandeln (Arendsen Hein 1963).
Im Laufe der folgenden zehn Jahre wurde die Anwendung von Halluzinogenen in der Psychotherapie schwerer neurotischer St√∂rungen international gepr√ľft, weiterentwickelt und als klinisches Verfahren etabliert (vgl. z.B. Sandison et al. 1954ff.; Leuner 1962ff.; Ling et al. 1963; Hausner et al. 1963ff.; Grof 1967ff.; vgl. auch Abramson 1960, 1967; Passie 1995b, 1997).
Vor der Einf√ľhrung des Psilocybins dominierte der Einsatz von LSD. Die ersten Experimente zur psychotherapeutischen Verwendung des Psilocybins datieren jedoch schon aus den Jahren nach seiner Entdeckung und synthetischen Reindarstellung 1958-61. Zuerst wurde nur die einfache psychopharmakologische Wirkung auf einzelne neurotische Patienten - ohne psychotherapeutische Vorbereitung und Nachbearbeitung der Erlebnisse - untersucht (Delay et al. 1959ff.; Vernet 1960; Quetin 1960; David et al. 1961; Duche 1961, Sercl et al. 1961). Erste Behandlungen mit Psilocybin im psycholytischen Setting berichtete Leuner (Barolin 1961: 468; Leuner 1962), der mit seiner Arbeitsgruppe an der G√∂ttinger Universit√§tsklinik bis in die achtziger Jahre mehr als 150 neurotische Patienten langfristig mit Psilocybin bzw. seinem kurzwirkenden Derivat CZ 74 behandelte (Leuner 1981, 1987, 1995; Fernandez Cerdeno et al. 1967a,b).
Als Vorteile des Psilocybins gegen√ľber dem LSD wurden die k√ľrzere Wirkungsdauer, weniger neurovegetative Nebenwirkungen, geringere Neigung zu Depersonalisationserlebnissen, eine stabiler positive T√∂nung des Erlebens und eine geringere Bedr√§ngnis beim Wiedererleben von Konflikten und traumatischem Material beschrieben. Dies lasse das Erleben unter Psilocybin insgesamt schonender und weniger konfrontativ verlaufen als beim LSD.     

Die einzelnen Verfahren
Zur Beschreibung der Anwendungen von Psilocybin in der Psychotherapie bietet sich eine Unterteilung der Verfahren nach Rahmenbedingungen und therapeutischem Vorgehen an:

  1. A. Psychoanalytische Individualtherapie mit eingeschobenen ambulanten oder stationären psycholytischen Einzelsitzungen und deren Nachbearbeitung im psychoanalytischen Einzelsetting.
  2. B. Ambulante oder stationäre psychoanalytische Einzeltherapie mit regelmäßigen psycholytischen Einzelsitzungen im stätionären Rahmen und gruppentherapeutischer Nachbereitung des Erlebten (als Variationsform: "stationäre Intervallbehandlung").
  3. C. Tiefenpsychologische Gruppentherapien mit eingestreuten psycholytischen Gruppensitzungen und anschließender Durcharbeitung in der Gruppe.
  4. D. Gruppentherapeutische Vorbereitung und (hochdosierte) Verabreichung der Substanzen im supportiven stationären Gruppensetting mit "psychedelischer" Methodik und Zielsetzung.

AuthorMethodeRitual-
charakter
Intendierte
Erfahrung
Sitzungs-
anzahl
DosisPatienten-
anzahl
Andere
Substanzen
Leuner (1962 et seq.)A/B+Aktivierung unbewußter Konflikte und Erfahrungen10-30150LSD / CZ-74
Gnirss (1963 et seq.)A+"10-3025---
Aldhadeff (1963)A+"1-515LSD
Hausner et al. (1963 et seq.)B+"1-35einige HundertLSD
Massoni et al. (1964)A+"Some92LSD
Derbolowski (1966)B+"1-1565LSD
Fernandez-Cerdeno (1967)A+"7-30?LSD
Berendes (1979/80)A+"??LSD / DPT
Johnsen (1967)B+"1-312LSD / CZ-74
Kristensen (1963)B+"5-1020---
Geert-Jörgensen (1968)A/B+"5-15150LSD
Cwynar (1966)?+"9-1211---
Clark (1967/68)A+"2-520LSD
Rydzynski et al. (1978)A/B+"12-1531LSD
Hollister et al. (1962)A (?)+"?18LSD / Mescaline
Fontana (1961 et seq.)C++"1-10250LSD / Mescaline
Alnaes (1965)D+++Psychedelic ego transcendence2-520LSD / CZ-74
Leary et al. (1965 et seq.)D++"2-340---
Roquet et al. (1981)D+++"
and selfconfrontation
5-10950LSD /Mescaline
/ Ketamine


Zu A.:
Es handelt sich hierbei um die in erster Linie von Sandison et al. (1954ff.), Leuner (1959ff.), Hausner et al. (1963ff.), Ling et al. (1963) und Grof (1967ff.) bis zur klinischen Anwendungsreife entwickelte Methode der Anwendung von psycholytischen Substanzen im Verlauf von psychotherapeutischen Einzelbehandlungen. Den Rahmen dieses 1960 von Sandison erstmals als "Psycholyse" bezeichneten Verfahrens (vgl. Barolin 1961) bildet die psychoanalytische Einzelbehandlung mit zus√§tzlichen w√∂chentlichen bis monatlichen psycholytischen Sitzungen. Die Erlebnisse aus den psycholytischen Sitzungen werden dann in drogenfreien Zwischensitzungen anhand von Protokollen und Erinnerungen durchgearbeitet. Fast immer geht den ersten psycholytischen Sitzungen eine mehrmonatige psychoanalytische Vorbehandlung voraus. Zur Anwendung kommen bei diesem Verfahren niedrige Dosen von LSD (50-150mcg) oder Psilocybin (3-15mg). In den ersten Sitzungen wird mit einer Schwellendosis begonnen und sukzessive bis auf jene Dosis gesteigert, bei welcher der Patient die produktivsten Erlebnisverl√§ufe zeigt. Bei ad√§quater Dosierung sollte psychodynamisches Erlebnismaterial sowie eine Intensivierung der √úbertragungsbeziehung im Vordergrund stehen. W√§hrend der Sitzungen bietet die permanente Anwesenheit des Therapeuten bzw. eines sog. Hilfstherapeuten (meist eine speziell geschulte Schwester) sch√ľtzenden Beistand, ohne jedoch interpretierend in den Erlebnisverlauf einzugreifen. Gelegentliche Besuche des behandelnden Arztes im Behandlungsraum erg√§nzen die Betreuung. Die Rahmenbedingungen der Sitzungen sind so angelegt, da√ü der Patient sich m√∂glichst unbefangen den auftretenden Erlebnissen hingeben kann. Deren Interpretation und und Integration bleibt den drogenfreien Zwischensitzungen vorbehalten. Zur diskreten Stimulation des Erlebens wird von fast allen Autoren eine Abdunkelung des Behandlungsraumes und das Abspielen leiser Musik empfohlen. Mit dieser Methode wurden in den sechziger Jahren Behandlungserfolge mit Psilocybin bei mehreren hundert neurotischen Patienten berichtet (Fontana 1961; Heimann 1962; Leuner 1962ff.; Alhadeff 1963a, 1963b; Hausner et al. 1963ff.; Stevenin et al. 1962; Gnirss 1963, 1965; Kristensen 1963; Geert J√∂rgensen et al. 1964, 1968; Massoni et al. 1964; Cwynar et al. 1966; Derbolowsky 1966; Johnsen 1967; Fernandez Cerdeno et al. 1967a; Clark 1967/68; Berendes 1979/80).
Als geeignete Hauptindikationen werden Charakter-, Angst- und Zwangsneurosen, neurotische und reaktive Depressionen, Perversionen und Sexualneurosen angegeben. Kontraindikationen w√ľrden hysteriforme Neurosen, Psychosen, Borderline-F√§lle sowie konstitutionell infantile und Ich-schwache Personen darstellen.  

Zu B.:
Diese Verfahrensweise wurde zunächst von Sandison et al. (1954ff.) entwickelt und an einer größeren Zahl von Patienten mit LSD erprobt. Die weitere Etablierung der Methodik - bei hauptsächlicher Verwendung von Psilocybin - wurde während der sechziger Jahre von psychoanalytisch orientierten Therapeuten wie Fontana (1961ff.), Derbolowsky (1966), Hausner et al. (1963ff.), Geert Jörgensen et al. (1964ff.), Gnirss (1965), Johnsen (1967), Alnaes (1965) und vor allem Leuner (1962ff.) geleistet.
Im wesentlichen folgt auch dieses Verfahren den unter A. beschriebenen Pr√§missen. Auch hier werden die in w√∂chentlichen bis monatlichen Abst√§nden vom Therapeuten bzw. Hilfstherapeuten begleiteten psycholytischen Einzelsitzungen in einen tiefenpsychologischen Behandlungsrahmen integriert. Zur Abwicklung der Sitzungen werden die Patienten f√ľr mehrere Tage in einer Klinik bzw. Tagesklinik aufgenommen. Unterschiede zu der unter A. beschriebenen Verfahrensweise bestehen darin, da√ü die Patienten jeweils vor und nach den zeitlich parallel in Einzelzimmern stattfindenen psycholytischen Sitzungen zur tiefenpsychologischen Interpretation und Durcharbeitung in einer Gruppensitzung zusammenkommen. Hierbei kann der sensibilisierte psychische Zustand w√§hrend der abklingenden Wirkung und die Aufgeschlossenheit unter dem Eindruck des in der Sitzung Erlebten f√ľr die Nachbearbeitung genutzt werden. Im Anschlu√ü daran wird meist eine M√∂glichkeit zur Gestaltungstherapie (Malen, Formen von Tonmasse u.a.) geboten, wo die Patienten ihren Erlebnissen k√ľnstlerischen Ausdruck verleihen k√∂nnen. Am n√§chsten Tag finden nochmals einzel- und gruppentherapeutische Sitzungen statt, um die weitere Integration des Erlebten zu f√∂rdern. Eine bew√§hrte Variante dieses Verfahrens stellt die von Leuner (1963ff.), Derbolowsky (1966), Fontana (1961, 1963), Geert J√∂rgensen et al. (1964ff.), Alnaes (1965) und Johnsen (1967) benutzte Methode der "station√§ren Intervallbehandlung" dar. Hierbei werden 5-6 Patienten, die sonst ambulant in psychoanalytischen Einzeltherapien behandelt werden, in regelm√§√üigen Abst√§nden f√ľr nur 2-3 Tage zur station√§r aufgenommen und nach dem oben skizzierten Verfahren behandelt. Dieses Vorgehen vereinigt die Vorteile einer l√§ngerfristigen ambulanten Psychotherapie mit den M√∂glichkeiten einer Intensivierung und Vertiefung durch psycholytische Sitzungen. Au√üerdem wird die Sicherheit des Verfahrens durch die gute √úberwachungsm√∂glichkeit w√§hrend und nach den Sitzungen erh√∂ht.  
 
Zu C.:
Die Anwendung von Psilocybin und LSD in tiefenpsychologischen Gruppentherapiesitzungen hat vor allem Fontana (1961, 1963) an mehr als 240 Patienten erprobt.Nachdem eine feste Gruppe von 7-8 Patienten √ľber mehrere Monate 1-2x w√∂chentlich gruppentherapeutisch gearbeitet hat, wird ihnen die Durchf√ľhrung von einigen psycholytischen Gruppensitzungen angeboten. Zu den Sitzungen kommen die Teilnehmer in geeigneten Klinikr√§umen zusammen und erhalten eine niedrige Dosis Psilocybin (8-12mg) oder LSD (50-150mcg). Ohne das eine Gruppeninteraktion gefordert w√§re, soll sich jeder Teilnehmer m√∂glichst unbefangen dem eigenen Erleben hingeben. Allein ihren Bed√ľrfnissen gem√§√ü sollen die Teilnehmer miteinander in Kontakt treten. Als Sitzungsbegleiter fungieren der jeweilige Gruppentherapeut und ein zus√§tzlicher Co-Therapeut, der aber nur bei auftauchenden Problemen in das Geschehen einzugreifen hat. Mit einer √§hnlichen Methode arbeiteten in j√ľngster Zeit auch die Schweizer Psycholyse-Therapeuten (Benz 1989; Styk 1994; Gasser 1995). Besondere Vorteile des Verfahrens sehen die Anwender in der gruppendynamischen Aktivierung und Intensivierung von √úbertragungsph√§nomenen und einem dem Patienten erm√∂glichten Beobachten und Verstehen eigener Abwehrmechanismen. Au√üerdem biete die Gruppe dem Einzelnen eine tragende Struktur und vermindere damit √Ąngste und Isolation. Fontana (1963: 944) beschreibt die Dynamik einer sorgf√§ltig vorbereiteten psycholytischen Gruppensitzung als "... comparable with that of a musical group, in that the melodies and rythms of each one serve to form a collective rythm and a complete melody not interfering with the individual melodies". Trotz der in Gruppensituationen besonders intensivierten √úbertragungsreaktionen seien - bei sorgf√§ltiger Vorbereitung - w√§hrend solcher Sitzungen keine Steuerungsschwierigkeiten aufgetreten (Fontana 1963; Styk 1994; Gasser 1995). Die von Johnsen (1964) berichteten Schwierigkeiten bei der Gruppenapplikation von Psycholytika: gesteigerte Konfusion der Gruppendynamik und Beeintr√§chtigung des Selbsterlebens beim einzelnen Patienten, sind wohl eher auf die simple √úbertragung gruppentherapeutischer Interaktionsanforderungen auf psycholytische Sitzungen zur√ľckzuf√ľhren. Eine Nachbearbeitung der Erlebnisse aus den Sitzungen findet im Gruppenrahmen und - wenn erforderlich - auch in Einzelgespr√§chen statt.
Fontana (1963: 944) sieht die speziellen Indikationen f√ľr eine derartige Gruppenbehandlung bei Charakterneurosen (Verdeutlichung sonst ichsynton erlebter Abwehrmechanismen), bei Hypochondrien (eine oft unter Psycholytika erlebte Dissoziation von Psyche und Soma mache deren Zusammenwirken erfahrbar), bei Adoleszenten (intensive Konfrontation mit spezifischen Konfliktmustern der Lebensphase: Beziehungen zur √§u√üeren Welt und L√∂sung aus der Mutterbeziehung). Ansonsten gilt der Indikationsbereich f√ľr die unter A. und B. beschriebenen Verfahren.  
Timothy Leary

Timothy Leary (1930-2001)
Pionier der Psilocybinforschung an der Harvard Universit√§t (USA)  

Zu D.:
Die Verwendung von hochdosierten Psilocybingaben in Gruppensitzungen zur Induktion religi√∂ser Erlebnisse mit pers√∂nlichkeitsver√§ndernder Wirkung geht auf die in der Einleitung beschriebenen indianischen Rituale bei der Verwendung des Peyotl-Kaktus (Meskalin) und des Teonanacatl-Pilzes (Psilocybin) zur√ľck. Die Gruppe um Leary (Leary 1961ff.; Leary et al. 1963; Metzner et al. 1963, 1965) und auch Pahnke (1962) erforschten in naturalistischen Settings (Natur, Privatwohnungen, Kirchen) an mehr als hundert gesunden Freiwilligen die Wirkungen hochdosierter Psilocybinsitzungen. Aufgrund ihrer Beobachtungen empfanden sie es als naheliegend, die tiefgreifenden Abwandlungen des Selbst- und Welterlebens unter Psilocybinwirkung zur F√∂rderung therapeutisch wirksamer Selbsteinsicht bei verhaltensgest√∂rten Probanden (Gef√§ngnisinsassen) einzusetzen. Man verfolgte dabei die Hypothese, da√ü - bei unterst√ľtzendem Setting und entsprechender Einstimmung der Probanden - ".. Psilocybin ... produces a state of dissociation or detachment from the roles and games of everyday interaction. ... This can provide insight and perspective about repetetive behaviour or thought patterns and open up the way for the construction of alternatives" (Leary et al. 1965: 64; vgl. auch Selbstschilderungen von Teilnehmern: Swain 1963: 240ff.; Castayne 1968). Das von Leary et al. am Concord Prison in Massachusettes initierte Projekt sollte im Kontext eines 6-w√∂chigen Programmes zur Verhaltens√§nderung neben regelm√§√üigen gruppentherapeutischen Sitzungen (unter Pr√§missen der Transaktionsanalyse) f√ľr jeden Probanden zwei Psilocybinsitzungen von "einsichtsf√∂rderndem Charakter" in einer Kleingruppe beinhalten. Nach der Auswahl der Probanden wurden diese √ľber Sinn und Zweck des Programmes sowie √ľber die Wirkungen des Psilocybins aufgekl√§rt. Nach einigen vorbereitenden Gruppensitzungen wurde in speziell hergericheteten R√§umen des Gef√§ngniskrankenhauses an eine zuerst 5-10, sp√§ter nur noch 5 Personen (4 Probanden, 1 Psychologe) umfassende Gruppe in der ersten Sitzung 20-30mg, in der zweiten Sitzung 50-70mg Psilocybin verabreicht. Im Anschlu√ü an die - gem√§√ü den Autoren - meist von intensiven Erlebnissen und Selbsteinsichten gepr√§gten Sitzungen wurden diese in Gruppendiskussionen nachbesprochen. Trotz dieser Nachbearbeitung wurden einige depressive Nachschwankungen und Schwierigkeiten bei der psychischen Integration der "psychedelischen" Erlebnisse beobachtet (Leary et al. 1965: 65). Nach den Autoren wurde bei katamnestischen Erhebungen eine deutlich reduzierte R√ľckfallquote, insbesondere was das erneute Begehen krimineller Akte angeht, bei Teilnehmern der Studie gefunden (Leary et al. 1968; vgl. auch DOBLIN).
Einen dem Vorgehen von Leary et al. nicht unverwandten gruppentherapeutischen Ansatz verfolgte der Norweger Alnaes (1965). Er wollte einer Gruppe von 20 psychoneurotischen Patienten, durch einige in einen tiefenpsychologischen Gruppenproze√ü eingestreute hochdosierte Psilocybinsitzungen (20-50mg), mittels einer "psychedelischen" Erfahrung von Selbsttranszendenz tiefere Einsichten in eigenes Erleben und Verhalten erm√∂glichen. Bei der Vorbereitung und Durchf√ľhrung seiner Experimente folgte er ma√ügeblich den von Leary et al. (1964) entworfenen Konzepten zu psychedelischen Erfahrungsformen. Nach einer Vorbereitung des Patienten in psychotherapeutischen Einzelsitzungen wurde den Patienten im Gruppensetting unter supportiven √§u√üeren Bedingungen (angenehm gestaltete Behandlungsr√§ume mit Bildern, Kerzenlicht und Musik) Psilocybin bzw. dessen Derivat CZ 74 verabreicht. Am Nachmittag nach der Sitzung wurden die Erlebnisse im Gruppenrahmen durchgesprochen und interpretiert. Alnaes berichtet von guten Besserungen seiner Patienten, ohne allerdings eine genauere Evaluierung zu leisten.
In anderer Weise verwendete der mexikanische Psychiater Roquet Psilocybin und andere psycholytische Substanzen. Nachdem er seit 1967 bei deren Verwendung zun√§chst den Behandlungsrichtlinien von Leuner (1962ff.) gefolgt war, integrierte er zunehmend bestimmte Praktiken indianischer Heiler und kombinierte sie mit modernem technischen Instrumentarium zu einer eigenen Methodik (Roquet et al. 1975, 1981 YENSEN). Nach einer sorgf√§ltigen Vorbereitung der Patienten durch tiefenpsychologische Gruppen- bzw. Einzeltherapie werden diese im Laufe eines Behandlungsplanes einer Sequenz von Erfahrungen mit verschiedenen halluzinogenen Pflanzen bzw. Substanzen im Gruppenrahmen ausgesetzt (Villoldo 1977: 50). Die Gruppen bestehen aus jeweils 6-35 Patienten. Am Tag der Sitzung finden sich die Teilnehmer morgens zu Entspannungs√ľbungen zusammen, um danach in einem mit speziellem Bildmaterial von existentieller Bedeutung sowie moderner Beleuchtungstechnik ausgestatteten Raumes im Institut von Roquet die Substanzen einzunehmen. Nach dem Einsetzen der Wirkung werden die Teilnehmer starken sensorischen Reizen (Ger√§usche, Musik, Filme, Dias) ausgesetzt, die mittels ihres Bedeutungsgehaltes w√§hrend des sensibilisierten psychischen Zustandes der Teilnehmer ausgepr√§gte emotionale Reaktionen hervorrufen. Dieses bewu√üt erzeugte "sensorische Bombardement" f√ľhrt zu einer starken psychischen Irritation, die meist von einem Zusammenbruch innerpsychischer Abwehrstrukturen und mentaler Konzepte begleitet ist. Die konfrontative Anlage des Verfahrens zielt auf die Evokation und Stimulation pers√∂nlicher und transpersonaler psychischer Konflikte, die dann mittels anschlie√üender Psychotherapie in die bewu√üte Pers√∂nlichkeit integriert werden sollen.
Roquet et al. (1981: 98) behandelten mit diesem Verfahren vor allem Charakterneurosen (83%), Sexualneurosen und Drogenabh√§ngige. Bei der Behandlung von mehr als 950 Patienten wurden gem√§√ü einer wissenschaftlichen Nachuntersuchung bei ca. 80% der Behandelten deutliche Besserungen beobachtet (Roquet et al. 1981: 103ff.).   


4. Diskussion
Das erst Ende der f√ľnfziger Jahre als Inhaltsstoff von mittelamerikanischen Pilzen entdeckte und kurz darauf synthetisierte Psilocybin wurde schon kurz nach seiner Entdeckung intensiv auf seine pharmakologischen, somatischen und psychischen Wirkungen am Menschen untersucht. In den folgenden Jahren wurden umfangreiche Erfahrungen durch Forscher in aller Welt gesammelt (vgl. Passie 1995c). Die Anwendung des Psilocybins in der Psychotherapie zeigte, da√ü das Psilocybin eine Eignung zur Unterst√ľtzung psychotherapeutischer Behandlungen - vor allem nach der in Europa √ľblichen "psycholytischen" Methode - besitzt.

In diesem Kontext konnten auch seine spezifischen Wirkqualitäten im Unterschied zum LSD genauer herausgearbeitet werden. Die das Psilocybin auszeichnenden Eigenschaften sind demnach:

1. eine w√ľnschenswerte k√ľrzere Wirkungsdauer;
2. geringere neurovegetative Nebenwirkungen;
3. weniger Depersonalisationserleben;
4. seltenere Angstprovokation;
5. eine stabil positive Tönung des affektiven Erlebens

(Fontana 1961: 97; Kristensen 1963: 178f.; Fisher 1963: 211; Alhadeff 1963a: 245; Massoni et al. 1964: 129; Clark 1967/68: 22; Rydzynski et al.: 81). Daraus ergibt sich das Bild eines - im Vergleich zu LSD - sanfteren sowie besser erinnerbaren und integrierbaren Erlebniswandels bei guter Steuerbarkeit des Rauschverlaufes (Gnirss 1963; Leuner 1968; 1995). Vorteilhaft ist auch die nur kurze Wirkungslatenz bei intramuskulärer Applikation, was die Erwartungsspannung des Patienten vermindern hilft (die LSD-Wirkung entfaltet sich dagegen auch bei intramuskulärer Injektion erst nach ca. 30 Min. (Leuner 1981: 257; Pahnke 1967: 640)).
Zwei weitere Argumente die f√ľr eine Verwendung des Psilocybins bzw. seines Derivates CZ 74 (4-hydroxy-N-di√§thyltryptamin) bei psycholytischen Therapieverfahrenangef√ľhrt wurden, sind das Wegfallen des Suggestivhintergrundes durch ihre geringe Bekanntheit in der √Ėffentlichkeit und ihre erschwerte chemische Herstellbarkeit.
Von Interesse f√ľr zuk√ľnftige Arbeiten mit der psycholytischen Therapie k√∂nnte, wie schon erw√§hnt, auch das von Leuner et al. (1965) und Baer (1967a,b) klinisch gepr√ľfte sowie von Leuner
(1967ff.), Johnsen (1967) und Alnaes (1965) psychotherapeutisch eingesetzte Psilocybin-Derivat CZ 74 sein. Dieses hat eine Wirkungsdauer von nur ca. 3 Stunden und ist fast v√∂llig frei von somatischen Nebenwirkungen. Ein verwandtes Tryptaminderivat mit einer Wirkungsdauer von 2-4 Stunden, n√§mlich DPT (Dipropyltryptamin) wurde w√§hrend der letzten Forschungsprojekte der Baltimore-Gruppe (USA) von Grof (1972/73; Grof et al. 1973) und Soskin (1975; Soskin et al. 1973) als Alternative zur Verwendung von LSD untersucht. Auch f√ľr ambulante psycholytische Behandlungen schienen den Autoren diese kurzwirkenden Substanzen gut geeignet (Leuner et al. 1965: 473).
Mindestens die unter A., B. und C. geschilderten Verfahren bei denen Psilocybin bzw. sein Derivat CZ 74 psychotherapeutisch eingesetzt wurden, sind stark von den Pr√§missen und Verfahrensweisen der Freudschen und Jungschen Psychoanalyse gepr√§gt. Die Psychoanalyse arbeitet schon von je her mit Methoden, die geeignet sind, traumatische Ereignisse und unbewu√üte Konflikte in der Pers√∂nlichkeitsentwicklung aufzudecken bzw. bewu√üt zu machen. Die hierbei von der Psychoanalyse angewandten Methoden sind die Hypnose, die Traumdeutung, die "Aktive Imagination" (nach C. G. Jung), die "freie Assoziation" und das Erleben im Tagtraum (auch als "katathymes Bilderleben" nach Leuner). Von daher konnte die Verwendung von Psycholytika, welche introspektives Erleben f√∂rdern und unbewu√ütes Material aktivieren k√∂nnen, bei psychoanalytisch orientierten Therapeuten auf fruchtbaren Boden fallen. Sie hat sich deshalb in diesen Kreisen schnell als experimentelles Verfahren etabliert. Zudem reichte die Aktivierung unbewu√üter Konflikte und traumatischer Erinnerungen in psycholytischen Sitzungen weit tiefer als mit konventionellen Methoden (vgl. Grof 1978). Dazu kommt die Beobachtung, da√ü die von Psycholytika erzeugten Altersregressionen bis in das erste Lebensjahr zur√ľckreichen k√∂nnen und den Patienten eine √§usserst lebhaftes und realistisches Wiedererleben weit zur√ľckliegender Erfahrungen erm√∂glichen, was deren therapeutische Durcharbeitung stark beg√ľnstigt (Leuner et al. 1967b). Somit schien man ein probates Mittel zur Intensivierung und Beschleunigung der traditionellen tiefenpsychologischen Verfahren gefunden zu haben, welches die Behandlungsdauer betr√§chtlich abk√ľrzen kann. Zudem konnten mittels der pharmakologischen Aktivierung unbewu√üten Materials auch vordem als therapieresistent geltende Patienten f√ľr psychotherapeutische Arbeit aufgeschlossen werden (Arendsen Hein 1963; Leuner 1981). Aufgrunddessen wurde von vielen Therapeuten und Forschern f√ľr diese Substanzen eine vielversprechende Zukunft in der Psychotherapie vorausgesehen. Diese fand aber angesichts des Ende der sechziger Jahre aufkommenden massenhaften Gebrauchs der Substanzen durch Laien ein j√§hes Ende durch das Verbot seitens der WHO (vgl. Leuner 1981: 17ff.).
Im Folgenden sollen einige Betrachtungen zum Vergleich der traditionellen und modernen Anwendungsformen von Psycholytika angestellt werden. In der modernen Psychotherapie wurden die Substanzen weit √ľberwiegend im Einzelsetting bzw. in Kleingruppen mit nachfolgender Durcharbeitung und Interpretation genutzt, was einige Verwandtschaft zu traditionellen Verwendungsformen aufweist (vgl. Wasson 1980; Rosenbohm 1991). Bei den schamanistischen Heilbehandlungen sollen gleicherma√üen unbewu√üte Konflikte und krankheitsbezogene Erinnerungen stimuliert, als Krankheitsursachen erkannt, und mit Hilfe des Schamanen interpretierend aufgearbeitet werden. W√§hrend die klassischen Psycholyse-Therapeuten den Patienten auffordern, sich den auftauchenden Erlebnissen einfach hinzugeben und sich bem√ľhen nicht in den Rauschablauf einzugreifen, nutzen viele der indigenen Heiler den sensibilisierten Zustand ihrer Patienten auch zu pr√§gnanten suggestiv-kathartischen Interventionen. Das in Europa entwickelte psycholytische Verfahren mit niedrigdosierten Seriensitzungen nutzt dagegen weniger suggestive und psychodramatische M√∂glichkeiten der Behandlung, sondern hebt vielmehr auf die Aktivierung und Durcharbeitung unbewu√üter Konflikte und Erinnerungen ab. Daf√ľr geeignetes Material tritt bei einer im Vergleich zu traditionellen Anwendungen sehr niedrigen Dosierung vor allem in Gestalt von Traumfragmenten auf. Diese Traumfragmente haben nachweislich pers√∂nlichkeitsbezogenen Charakter (Leuner 1962) und k√∂nnen von daher sinnvoll in einen tiefenpsychologischen Therapieproze√ü integriert werden. Das psychodramatische Moment fehlt bei dieser Methode und die Stimulation/Manipulation des Erlebens beschr√§nkt sich auf das Abspielen leiser Musik in abgedunkelten R√§umen. Die Ichfunktionen bleiben aufgrund minimaler Dosierung und Stimulation gro√üenteils erhalten und erlauben dem Patienten eine Beobachterperspektive. Ein weiterer Unterschied zu traditionellen Verwendungen stellt auch die serienm√§√üige Verabreichung beim psycholytischen Verfahren dar. W√§hrend dabei die Patienten einer Folge von 10-70 w√∂chentlichen bis monatlichen Sitzungen ausgesetzt werden, herrschen bei der traditionellen Verwendung einzelne konfliktzentrierte Sitzungen mit starken psychodramatischen Elementen vor. Obwohl auch bei indigenen Heilern Folgesitzungen nicht ganz selten sind, ist doch die um ein aktuelles Krankheitsgeschehen zentrierte Anwendung die Regel. Um schon in solchen kurzzeitigen Interventionen einschl√§gige Wirkungen erzielen zu k√∂nnen, werden auch suggestive, psychodramatische und religi√∂se Aspekte der induzierten Erlebnisver√§nderungen genutzt. Die leitenden Schamanen greifen auch viel pr√§gnanter und massiver in den Verlauf des Sitzungsgeschehens ein, als dies bei den modernen Psycholyse-Therapeuten der Fall ist. Diese leisten Interpretationshilfe und therapeutische Durcharbeitung praktisch ausschlie√ülich in drogenfreien Zwischensitzungen. Auch die von Schamanen genutzte Einbeziehung von Familienmitgliedern und Verwandten in die Sitzungen verst√§rkt wahrscheinlich eine durchgreifende Wirkung vereinzelter Interventionen. Die Ichfunktionen sind durch die h√∂here Dosierung und die seltenere Verabreichung im schamanistischen Kontext starken Fluktuationen ausgesetzt. Im Unterschied zu den Schamanen konzentrieren sich die Psycholyse-Therapeuten mit ihren Seriensitzungen auf die Behandlung chronifizierter neurotischer Erkrankungen. Diesen liegen meist strukturelle Pers√∂nlichkeitsverformungen zugrunde, deren Behandlung nur durch l√§ngerfristige Psychotherapie erfolgversprechend ist (Leuner 1981). Unterschiede von traditionellen und modernen Verfahrensweisen lassen sich auch bez√ľglich der Tageszeit finden, zu der die Sitzungen abgehalten werden. W√§hrend bei den indigenen Heilern die Sitzungen den Nachtstunden vorbehalten sind, verabreichen die klassischen Psycholyse-Therapeuten die Substanzen vormittags, um den Nachmittag f√ľr eine Nachbesprechung nutzen zu k√∂nnen.
Die unter D. dargestellten Verfahrensformen schlie√üen allerdings in verschiedener Hinsicht unmittelbar an die religi√∂s-kultischen Verwendungen halluzinogener Substanzen an. Es wird dabei direkt auf religi√∂s-ekstatische Erlebnisse abgezielt, wie sie bei entsprechender Pr√§paration der Teilnehmer unter h√∂heren Dosen von Psycholytika h√§ufig zu beobachten sind (Leary et al. 1963). Solcherart Erfahrungen gehen oft mit Konversionserlebnissen von pers√∂nlichkeitsver√§ndernder Wirkung einher. Dieser Effekt wurde vor allem von Pahnke (1962) wissenschaftlich belegt und kam in dem von amerikanischen LSD-Therapeuten entwickelten Konzept der "Psychedelischen Therapie" zum tragen (Chwelos et al. 1959; Savage 1962; Sherwood et al. 1962). Das den Probanden dabei gebotene Setting schlie√üt in vielen Aspekten an Praktiken und Rituale traditioneller indigener Kulte an: Abgedunkelte und speziell pr√§parierte R√§umlichkeiten, quasi-religi√∂se Vorbereitung und Einstimmung der Teilnehmer, Schaffung einer Geborgenheit vermittelnden Gesamtatmosph√§re, musikalische Begleitung und Beg√ľnstigung einer starken Verinnerlichung der Erlebnisse (Savage et al. 1967; Lipp 1990; Heim et al. 1958; LaBarre 1938). Eine psychodynamische Interpretation und Durcharbeitung der Erlebnisse findet im Gegensatz zur pycholytischen Methode nicht statt. Ein weiterer Unterschied ist darin zu sehen, da√ü die klassischen psychedelischen Therapiesitzungen meist im Einzelsetting bzw. sehr kleinen Gruppen veranstaltet wurden. Die traditionelle vorwiegend religi√∂s inspirierte Verwendung findet dagegen stets in einem rituell strukturierten Gruppensetting statt (vgl. LaBarre 1938; Myerhoff 1980). W√§hrend im Einzelsetting der Verlauf des Erlebens ma√ügeblich von der Therapeut-Patient-Beziehung gepr√§gt wird, ist bei traditionellen indianischen Gruppenritualen der Rauschzustand durch die rituelle Struktur und die gesamte Gruppe ausgesteuert. Die Nacharbeit beschr√§nkt sich im traditionellen Setting auf eine gemeinsame Diskussion der jeweiligen Erlebnisse. √Ąhnlich wie bei den traditionellen Anwendungen werden auch bei der psychedelischen Therapie nur wenige l√§ngerfristig vorbereitete Sitzungen mit h√∂herer Dosierung durchgef√ľhrt (Savage et al. 1965; Grof 1981).
Einer sachgerechten Nachbeobachtung der Teilnehmer (wegen m√∂glicher Nachschwankungen) werden sowohl die traditionellen Heiler mittels n√§chtlichem Setting und erneuter Zusammenkunft am n√§chsten Tage gerecht, als auch die Psycholyse-Therapeuten mit ihrer Bevorzugung eines st√§tion√§ren bzw. teilstation√§ren Settings (Klinik o. Tagesklinik). Einen schon von Grof (1967) vorgeschlagenen Ansatz, Vorteile des psycholytischen und psychedelischen Verfahrens miteinander zu verbinden, verfolgten von den dargestellten Autoren Alnaes (1963), und Roquet et al. (1981) wie auch j√ľngst die Psycholyse-Therapeuten in der Schweiz (Styk 1994; Gasser 1995). Diese Autoren bem√ľhten sich sowohl um die Beg√ľnstigung "psychedelisch-mystischer" Erfahrungsformen in einem dem traditionellen stark angen√§herten Setting (Gruppensitzungen mit h√∂herer Dosierung, n√§chtliche Einnahme, rituelle Struktur, naturnahe Settings u.a.) als auch um eine l√§ngerfristige therapeutische Aufarbeitung psychodynamisch-biographischer Erlebnisbestandteile.
√úberblickt man die historische Entwicklung der Verfahrensweisen zur Nutzung von psycholytischen Substanzen in der modernen Psychotherapie, so ist eine zweigleisige Entwicklung zu beobachten. Zum einen die Entwicklung der psycholytischen Methode in Europa, die die M√∂glichkeiten der Evokation unbewu√üten Materials durch Psycholytika in hergebrachte tiefenpsychologische Behandlungsverfahren einbaute. Und zum anderen die Entwicklung der psychedelischen Methode, die in vielem unmittelbar an die traditionellen Settings und Vorgehensweisen ankn√ľpft und quasi-religi√∂se Erlebnisse von mystischer Selbsttranszendenz zur Grundlage therapeutischen Wirkens machte.

Was die Behandlungsergebnisse der geschilderten Anwendungen des Psilocybins in der modernen Psychotherapie angeht, soll hier nur auf die katamnestischen Untersuchungen von Mascher (1966), Schulz-Wittner (1989), Leuner (1994) und der Baltimore-Gruppe (vgl. Yensen et al. 1995) verwiesen werden. Diese Autoren konnten - in √úbereinstimmung mit vielen anderen - √ľber eine deutliche Besserung bei etwa 65% der behandelten meist schweren und chronifizierten Neurosen berichten. Ein Teil dieser Evaluierungen erscheint allerdings problematisch, weil sie vor allem w√§hrend der sechziger Jahre (als noch viel mit psycholytischen Substanzen geforscht wurde) durchgef√ľhrt wurden und somit nur den damaligen Standards der Psychotherapie-Evaluation gen√ľge tun. Aus heutiger Perspektive erscheinen sie von daher mit z.T. gravierenden M√§ngeln behaftet (vgl. Pletscher et al. 1994). Weitere Untersuchungen bzw. √úberpr√ľfungen der damals als vielversprechend gewerteten

Behandlungserfolge mit heutiger Methodik sind unter Einhaltung mindestens folgender Pr√§missen w√ľnschenswert:

1. Spezifikation der Diagnosen nach DSM IV/ICD-10;
2. Gebrauch standardisierter Instrumente zur Erfassung der Psychopathologie;
3. Spezifikation der Therapeuten und Environment betreffenden Variablen;
4. Operationalisierung der Outcome-Variablen und
5. Einf√ľhrung von Kontrollgruppen.

"... It is hoped that with a better methodology and standardization and, hopefully, with international cooperation, a protocol on psychotherapeutic / psychopharmacological procedures will allow this work to continue" (Ladewig 1994: 228). In diesem Sinne wurde von Mitgliedern der Schweizerischen √Ąrztegesellschaft f√ľr Psycholytische Therapie (SAEPT) in den letzten Jahren der Plan f√ľr eine wissenschaftliche Untersuchung zur Wirksamkeit einer durch Psilocybin unterst√ľtzten Psychotherapie erarbeitet. Diese Untersuchung sieht eine psycholytische Behandlung einer von depressiven Patienten vor und ist als randomisierte dreifach-blinde Studie konzipiert. Sie geht in ihrer wissenschaftlichen Konzeption noch deutlich √ľber die oben genannten Forderungen hinaus. Erst von dieser aufwendigen und grundlegenden Untersuchung ist eine sichere Antwort auf die Frage nach einer besonderen Effektivit√§t der psycholytischen Behandlung zu erwarten. Allerdings weisen die Ergebnisse einer retrospektiven Befragung unter Patienten, die w√§hrend der Jahre 1988-1993 eine legale psycholytische Therapie durch √Ąrzte der SAEPT erhalten haben, eine gro√üe Zufriedenheit mit der Behandlung, deren Ergebnissen und ein erstaunlich geringes Gefahrenpotential hin (GASSER 1999).