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© Harry C. Kaene
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Bewusstsein und veränderte Bewusstseinszustände

Von Prof. Dr. med. Torsten Passie

Als Produkt einer hochentwickelten Hirnphysiologie dient das Bewusstsein in erster Linie der Erm√∂glichung komplexer zielorientierter Verhaltensstrategien aufgrund einer multimodalen und holistisch integrierten Perzeptionsf√§higkeit. Es vermittelt die integrierende Ber√ľcksichtigung einer Vielzahl von intra- und intersubjektiven Variablen sowie einer komplexen, die pr√§sente Gegenwart √ľbergreifenden Vielfalt von Umweltvariablen. Das Bewusstsein bef√§higt zur Widerspiegelung dieser Variablen und erm√∂glicht √ľber die Schaffung abstrahierter Umweltmerkmale mentale Operationsm√∂glichkeiten mit neugewonnenen abstrakten Merkmalskategorien.

Der Multidimensionalit√§t des Ph√§nomens Bewusstsein entspricht die Breite des Spektrums der Ans√§tze zu seiner Erforschung. Da Bewusstsein Merkmale aufweist, die sich auf stark pr√§reflexive Elemente der subjektiven Erfahrung beziehen und zugleich eine neuronale Grundlage als gesichert betrachtet werden darf, erscheinen sowohl auf subjektive Erfahrung fu√üende als auch naturwissenschaftliche Methoden zu seiner Erforschung legitim. Die Subjektseite des Bewusstsein wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert durch die deskriptiven Psychologien von Brentano (1874) und James (1890) sowie sp√§ter die philosophische Ph√§nomenologie (Edmund Husserl u.a.) Gegenstand der Forschung (Brecht 1949). Ausgehend vom systematischen Studium des in der unmittelbaren Erfahrung Gegebenen konnten eine Reihe von qualitativen Merkmalen des Bewusstsein genauer beschrieben, eingegrenzt und definiert werden. Von naturwissenschaftlicher Seite wurde Bewusstsein im fr√ľhen 20. Jhrdt. zun√§chst Thema bei der Untersuchung von Ausf√§llen bewusster Wahrnehmung in spezifischen Bereichen (Gesichtererkennung, K√∂rperwahrnehmung u.a.) bei Hirngesch√§digten (vgl. Prigatano & Schacter 1991) . Neuartige Untersuchungsmethoden k√∂nnen der Stoffwechsel des lebenden Gehirns abbilden (Positronen-Emissions-Tomographie (PET), funktionelle Magnetresonanztomographie fMRT)) und damit n√§here Aufschl√ľsse √ľber die funktionell an der Entstehung und Aufrechterhaltung des Bewusstsein beteiligten Hirnstrukturen bzw. hirnimmanenten Prozesse liefern. Eine einzelne anatomische Struktur, an welche Bewusstsein gebunden w√§re, konnte jedoch nicht gefunden werden. Auch deshalb wird davon ausgegangen, da√ü es sich beim Bewusstsein um ein globales Integrations- und √úbertragungssystem handelt, welches eine spezifische Synchronisierung gro√üer Verb√§nde von Hirnzellen voraussetzt, um die als Ganzheit erfahrene subjektive Erfahrungswelt zu erzeugen. Wichtig f√ľr die Erforschung des Bewusstseins sind auch die von philosophischer Seite gef√ľhrten metatheoretischen Diskurse √ľber die Konzeptualisierbarkeit von Bewusstsein, welche einer Eruierung funktionaler Eigenschaften zustreben, die oberhalb physischer Beschreibungsebenen objektive Zuschreibungskriterien liefern k√∂nnen ( Metzinger & Schuhmacher 1999).

Im psychiatrischen Feld wird Bewusstsein - im Anschlu√ü an Jaspers (1913) - nicht als Bewusstsein selbst definiert, sondern als ein eigent√ľmlicher Grad Klarheit, F√ľlle, Beweglichkeit, Ablaufstempo und Rangordnung des inneren Erlebens und der psychischen Funktionen verstanden. Das Ganze des bewussten Seelenlebens umschlie√üt nach diesem Definitionsversuch 3 verschiedene Aspekte: 1. die reale Innerlichkeit des Erlebens, die auch als Ich-Erleben oder Ich-Bewusstsein bezeichnet wird, d.h. die nach innen gerichtete Wahrnehmung, Vorstellung usw.; 2. das Gegenstandesbewusstsein, auch als Ph√§nomen der Subjekt-Objekt-Relation gefasst, d.h. die nach au√üen, auf Gegenst√§nde gerichtete Wahrnehmung; 3. das Selbstbewusstsein, d.h. das Wissen des Bewusstsein um sich selbst.

Obgleich die physiologischen Grundlagen des Bewusstseins von medizinischen Forschern erarbeitet wurden (Moruzzi & Magoun 1949, Hess 1925, 1952, Ebbecke 1959, Sperry 1968 u.a.), und ein großangelegter theoretischer Entwurf zu psychologisch-psychiatrischen Dimensionen des Bewusstseinsproblems aus der Feder eines der bedeutendsten europäischen Psychiater stammt (Ey 1967), ist das Thema Bewusstsein kein Zentralproblem medizinischer Wis­senschaften, sondern vornehmlich im Bereich von Psychologie und Philosophie zu verorten (vgl. Marcel und Bisiach 1988).

Anderes gilt im Bereich der vielf√§ltigen Zust√§ndlichkeiten des Bewusstseins, der sogenannten "Bewusstseinszust√§nde" und "Bewusstseinsst√∂rungen". Diese stellen ein traditionelles Gebiet medizinisch-psychiatrischer Forschung und Expertise dar (vgl. M√ľller 1879, Jahrreiss 1928, Rosenfeld 1929, Staub & Th√∂len 1961, Boor 1966, Neopil 2000) . In diesem Feld haben die medizinischen Wissenschaften eine zentrale Stellung was die Erforschung wie auch diagnostische und therapeutische Verwertung dieser Ph√§nomene angeht.

Bedingt durch eine mangelhafte Integration der Grundlagen¬≠forschung wird "Bewusstsein" im Kontext wis¬≠senschaftlicher Forschung noch immer - ohne ad√§quate Einbeziehung seiner vielgestaltigen Modifikationsformen - simplifizierend mit dem vage definierten Konzept eines idealisierten Tages-Wach-Bewusstseins mit einem Mittelma√ü an zentralnerv√∂ser Errregung gleichgesetzt. Die Abb. 1 vermittelt einen Eindruck davon, da√ü der Zustand eines ¬Ąmittleren Tages-Wach-Bewusstseins¬ď nur f√ľr ein eingegrenztes Segment menschlicher Selbst- und Umwelterfahrung pr√§sent ist.

Abb. 1: Tagesprofil der Bewusstseinszustände (modifiziert nach Thomas 1973)

Wie sich bei Durchsicht der Liter¬≠atur ersehen l√§√üt, wurde das komplexe Gebiet der ver√§nderten Bewusstseinszust√§nde und Bewusstseinst√∂rungen, obwohl in vielerlei Hinsicht mindestens potentiell verbunden mit den psychologischen und philosophischen Bem√ľhungen um das Bewusstsein¬≠sproblem (vgl. Guttmann und Langer 1992; Flanagan 1992), bisher haupts√§chlich von medizinisch-psychiatrischer Seite angegangen und seit dem Ende des 18. Jahrhunderts als Standardthema in psychia¬≠trischen Lehrb√ľchern diskutiert. Die 1991 erfolgte Einf√ľhrung der Schlagworte "Consciousness" und "Consciousness Disorders" im "Index Medicus" geht einher mit einer sich ver¬≠gr√∂√üernden Bedeutung von Bewusstseinszust√§nden und Bewusstseinsst√∂rungen im Rahmen psychologischer Bewusstseinstheorien (vgl. Underwood und Stevens 1979; Farthing 1992).


Abb. 2: Anteile verschiedener Bewusstseinszust√§nde an der Erfahrungswelt des Menschen  

Das normale Wachbewusstsein impliziert ein weites Spektrum subjektiver Erfahrungen, abh√§ngig von Faktoren wie physischem und sozialem Setting, Stimmungen und Erregungsniveau, der Befasstheit mit inneren oder √§u√üeren Stimuli oder dem inneren Erleben von Denkvorg√§ngen, Vorstellungen und Erinnerungen. Ver√§nderte Bewusstseinszust√§nde definierte in konsistenter Weise erstmals Tart: ¬ĄAn altered state of consciousness [ASC] for a given individual is one in which he clearly feels a qualitative shift in his pattern of mental functioning, that is, he feels not just a quantitative shift (more or less alert, more or less visual imagery, sharper or duller, etc.), but also that some quality or qualities of his mental processes are different. ¬Ö the existence of feelings of clear, qualitative changes in mental functioning that are the criterion of ASCs. ¬Ö For those who prefer a behavioristic approach an ASC is a hypothetical construct invoked when an S¬ís behavior (including the behavior of verbal report) is radically different from his ordinary behavior¬Ē (Tart 1969: 1f.). Diese Definition ist bis heute grundlegend geblieben. Eine erkl√§rende Erweiterung fand diese Definition durch Farthing (1992), der seinen Definitionsversuch in folgende Punkte gliedert:

  1. ASCs are not merely changes in the contents of consciousness;
  2. ASCs involve a changed pattern of subjective experiences, not merely a change in one aspect or dimension of consciousness;
  3. ASCs are not necessarily recognized by the individual at the time that they are happening; they may be inferred afterwards;
  4. ASCs are relatively short-term, reversible conditions;
  5. ASCs are identified by comparison to the individual’s normal waking state of consciousness;
  6. The essence of a state of consciousness is the individual’s pattern of subjective experience, not his or her overt behavior or physiological responses.


Neben den Veränderungen der subjektiven Erfahrung sind veränderte Bewusstseinszustände durch Veränderungen kognitiver Funktionen (Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis usw.), Verhaltensmodifikationen und bestimmten physiologischen Veränderungen (Erregungsniveau, EEG-Wellenmuster usw.) gekennzeichnet.

Tabelle 1 vermittelt einen √úberblick √ľber die subjektiven und objektiven Parameter, die w√§hrend eines ver√§nderten Bewusstseinszustandes abgewandelt sein k√∂nnen. 

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Alterations in
   Thinking
   Concentration
   Attention
   Memory
   Judgement
   Modes of thought (primary/secondary process thought)

Alterations of reflective awareness

Alterations in time sense (acceleration, standstill, slowing)

Qualitative and quantitative changes in controlling abilities (losing grip to reality/losing self-control)

Alterations of emotional expression/impressionability (detachment/involvement)

Alterations in body experience/body perception/body image/body-physiology-perception

Changes in self-perception
   Depersonalisation/derealisation
   Range of dissolution of boundaries (self/others, self/world)

Changes in ego-functions
   Observer function
   Control functions
   Integrative functions
   Intersubjectivity constituting functions
   Executive functions

Alterations in imagery abilities 

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Tabelle 1: Veränderte psychische und kognitive Funktionen bei veränderten Bewusstseinszuständen


1966 hat erstmals Ludwig in einer Synopsis versucht, ver√§nderte Bewusstseinszust√§nde systematisch in ihren allgemeinen Charakteristika sowie ihren individuellen und sozialen Funktionszusammenh√§ngen genauer zu definieren (Ludwig 1966). Tarts Begriff spezifizierte sp√§ter Dittrich im Rahmen seiner umfangreichen experi¬≠mentellen Untersuchungen als "Ver√§nderte Wach-Bewusstseinszust√§nde (VWB)¬ď (vgl. Dittrich 1985).

Schon vor den Arbeiten von Ludwig und Tart beginnend wurden Untersuchungen zum Vorkommen ver√§nderter Bewusstseinszust√§nde durchgef√ľhrt (Tab. 2). Diese zeigen, da√ü diverse ver√§nderte Bewusstseinszust√§nde ein h√§ufiges und regelm√§√üig anzutreffendes Ph√§nomen der menschlichen Erfahrungswelt darstellen und von daher nicht nur den Staus einer wissenschaftlichen Kuriosit√§t beanspruchen d√ľrfen. Sie k√∂nnen sogar die machtvollsten psychologischen Ph√§nomene sein, die dem Menschen erfahrbar sind. So kann eine f√ľnfmin√ľtige Erfahrung in einem ver√§nderten Bewusstseinszustand (etwa eine religi√∂se oder eine Nah-Todeserfahrung) die habituelle Ausrichtung, Wertorientierung und den ganzen Lebensweg einer Person gravierend ver√§ndern (vgl. z.B. Atwater & Ring 1985). Auch das Heilungspotential, die kulturbildende Funktion, die pathologischen Aspekte im Rahmen psychopathologischer Syndrome und der Anpassungswert ver√§nderter Bewusstseinszust√§nde erscheinen f√ľr den wissenschaftlichen Bearbeiter von Bedeutung.

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Art der Bewusstseins-
veränderung
Population

Anteil positiver Antworten Literatur

Depersonalisation

Studenten

23 %
46 %

Roberts 1960
Dixon 1963

Hypnoseartige Zustände

Studenten
Normalprobanden

40-60 %
80-90 %
Shor 1960
As et al. 1965

Mystische Zustände

Studenten



29 %
30-40 %
28 %
45 %



Kokoszka 1992/3
Taft 1969
Palmer 1979
Greeley & McCready 1979

¬ďSuperficially altered states of consciousness¬Ē

Studenten
Normalprobanden


81%
72-89%
81,8 %
Kokoszka 1992/3
Shor 1960
Suita 198

Religiöse Erfahrungen




Repräsentative Normalpopulationen
Kirchgänger




36,4 %
30-35%
50%
30-35 %




Hay & Morisy 1978, Hay 1979
Hardy 1970, Back & Bourque 1970, Greeley 1975
Wuthnow 1976
Glock & Stark 1965

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Tabelle 2: Übersicht zur Häufigkeit des Vorkommens veränderter Bewusstseinszuständen in Normalpopulationen.

Eine √úbersicht √ľber die ¬Ąn√∂tigen Reizmittel¬ď (Terminus von W. James 1902) zur Induktion ver√§nderter Bewusstseinszust√§nde stellte Dittrich (1990) zusammen (Tab. 4).

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1.Pharmakologische Stimuli
a. Halluzinogene I. Ordnung
b. Halluzinognene II. Ordnung
  
a. Herabgesetzte Variabilität des Wahrnehmungsfeldes bei herabgesetzter oder normaler Intensität

Sensorische Deprivation i.w.S.
Sensorische Deprivation i.e.S.
Perzeptive Deprivation
Hypnagoge und hypnopompe Zustände
Hetero- und autohypnotische Techniken
Heterohypnotische Verfahren
Authypnotische Entspannungsverfahren
Meditationsverfahren
  
b.Erhöhte Rhythmizität oder Variabilität des Wahrnehmungsfeldes
 Intensive Rhythmizit√§t des Wahrnehmungsfeldes
(Rhytmische Photostimulation, Leistungssport Joggen)
Erhöhte Variabilität des Wahrnehmungsfeldes bei normaler oder erhöhter Intensität
(unterbrochene Verlaufsgestalten bei hochstrukturiertem, extrem variablen Material, Kombination von Reiz√ľberflutung mit Physischen √úbungen n. Ludwig
und Lyle)
  
c.

Weitere Techniken zur Auslösung von ABZ

Einzelstimuli
(exzessive Masturbation, Orgasmus, Fasten, Respiratorisches Biofeedback, Lesen von Geschichten, Hören von Musik, Schlafentzug, Asketisches Wachen (n. Ernst Benz), Burking, Hyperventilation, Carbon Dioxide Therapy)
Kombination verschiedener Verfahren
(Schlafentzug vor Halluzinogenapplikation, Hypnodelische Therapie n. Levine und Ludwig, Kombination von Fasten, Reizentzug und Meditation bei religiösen Praktiken)

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Tabelle 3: ¬ĄReizmittel¬ď zur Ausl√∂sung ver√§nderter Bewusstseinszust√§nde nach Dittrich (1990)

Kritische Exkurse zu kulturhistorischen Aspekten der Begegnung des Menschen mit veränderten Bewusstseinszuständen, die im Abendland von einem Prozeß kultureller Assimilation bis zur neuzeitlichen Ausgrenzung gekennzeichnet ist, lieferten Nitzschke (1974) und Lenk (1983). Geographisch-klimatische Zusammenhänge von Mentalitätsformen und Bewusstseinseinszuständen belegte Hellpach (1955). Aussichten auf eine produktive kulturelle Integration eines Spektrums veränderter Bewusstseinszustände zeigte Crook (1980).

1.2. Kulturelle und medizinische Bedeutung veränderter Bewusstseinszustände

Wie weltweite ethnologisch-anthropologische Studien zeigen (Tab. 4), ist davon auszugehen, das institutionalisierte kul¬≠turell integrierte Formen einer intendierten Erzeugung und Nutzung spezifischer BZ ubiquit√§r verbreitet sind und wegen ihrer gro√üen Bedeutung im Kontext traditioneller medizinischer und re¬≠ligi√∂ser Praktiken und Vorstellungskomplexe als bedeutende anthropologische Konstante betrachtet werden m√ľssen (vgl. Prince 1968; Bourguignon 1973).

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Anzahl
untersuchter
Gesellschaften
Anzahl mit
institutionalisierten
veränderten BZ
Anzahl ohne
institutionalisierten
veränderten BZ
Afrika s√ľdlich der Sahara11494 (82%) 20 (18%)
Mittelmeerraum4435 (80%)9 (20%)
Osteurasien6561 (94%) 4 ( 6 %)
Pazifik-Inseln8681 (94%)5 ( 6%)
Nordamerika120116 (97%)4 ( 3%)
S√ľdamerika5950 (85%) 9 (15%)
Gesamt488437 (90%)51 (10%)

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Tabelle 4: Institutionalisierte Formen veränderter Bewusstseinszustände: Vorkommen in den ethnographischen Hauptregionen (nach Bourguignon 1973)

Auch das - vordem kaum vermutete - breite Vorkommen, das f√ľr einige deutlich vom "mittleren Tages-Wach-Bewusstsein" abwe¬≠ichende (nicht selten psychologisch tiefgreifende) Erfahrungen in spezi¬≠fischen ver√§nderten BZ innerhalb der Normalpopulation nachgewiesen werden konnte (vgl. Tab. 2) vermittelt Hinweise auf deren - bislang nur wenig wahrgenommene - Bedeutung in der Erfahrungswelt des Menschen. Im Unterschied zum westlichen Kulturkreis haben weite Teile (fern-)√∂stlicher Kulturen im Rahmen uralter Traditionen eine ausgepr√§gte Kultivierung von bewusstseinsver√§ndernden meditativen und schamanistischen Praktiken entwickelt (vgl. Dobkin de Rios und Winkelman 1989; Tart 1975b, West 1988). Auch im Bereich der modernen Medizin und Psychotherapie werden bes¬≠timmte Formen von Bewusstseinszust√§nde seit langem genutzt (vgl. Dittrich & Scharfetter 1987). 

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Biofeedback
Imaginative Psychotherapieverfahren
Hypnose, Auto­genes Training, Meditationsverfahren
"Freie Assoziation" in der Tiefenpsychologie
"Transpersonale" Therapieverfahren
Reduced environmental stimulation (REST)
Narko­analyse
Psycholytische Therapie

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Tabelle 5: Einige moderne medizinische Anwendungen ver√§nderter Bewusstseinszust√§nde  

Hinzuweisen ist auch auf die jahrtausendealte Tradition der Heilanwendung bestimmter Bewusstseinszust√§nde im Rahmen schamanistischer Prak¬≠tiken (Eliade 1958, Walsh 1992). √úberdies wurden im Zusammenhang mit der Erforschung und theo¬≠retischen Konzeptualisierung von Bewusstseinszust√§nden innovative Forschungshypothesen, insbesondere zur √Ątiologie der Psychosen, generiert (vgl. z.B. Ludwig 1975; Kempe 1980; Hermle et al. 1988, Pletscher & Ladewig 1994).

Wie die gr√∂√üeren Konferenzen und Sammelb√§nde zum Thema Bewusstseinszust√§nde bzw. Bewusstseinsst√∂rungen verdeutlichen (Tart 1969, Prince 1968, Zinberg 1977, Resch, Dittrich & Scharfetter 1987, Staub & Th√∂len 1962, Dittrich et al. 1993/94), existieren vielf√§ltige Bez√ľge des Themas zu Nachbardisziplinen wie Neurologie, Neurophysiologie, Neuropsychologie, Psychophysiologie, Biochemie, Psychopharmakolo¬≠gie, experimentelle Psychologie, Neuro- und Kognitionswis¬≠senschaften wie auch zu Ethnologie, Anthropologie, Religionspsy¬≠chologie u.a.

Der Medizin k√∂nnte im Hinblick auf die Vermittlung der diversen Perspektiven bzw. Betrachtungsebenen aus mehreren Gr√ľnden eine in¬≠tegrative Schl√ľsselfunktion zukommen: 1. Die Erforschung der mul¬≠tifaktoriellen psychophysiologischen √Ątiologie (und Nutzung) der verschiedenartigen BZ und BS erfordert stets medizinische Grundlagenkenntnisse; 2. die Medizin hat durch die langw√§hrende Auseinandersetzung mit verschiedenartigen Bewusstseinsver√§nderungen im Zusammenhang mit organischen und psy¬≠chiatrischen Erkrankungen breite Erfahrungen bei der Beschreibung, Beurteilung und diagnostischen Bewertung dieser Ph√§nomene; 3. die Medizin hat seit langem Grundlagenforschung zu Bewusstseinsver√§nderungen betrieben; 4. die Medizin verf√ľgt √ľber eine lange Tradition in der therapeutischen Anwendung bestimmter Bewusstseinszust√§nde; 5. die Medizin hat mit ihrem Spektrum spezial¬≠isierter Einzeldisziplinen am ehesten die M√∂glichkeit zur Integra¬≠tion einer Vielfalt von Aspekten bei der Beforschung, Beschreibung und theoretischen Konzeptualisierung dieser komplexen Ph√§nomene.

Neuere Versuche von medizinischer Seite, die Bedeutung von Bewusstseinszust√§nde f√ľr die psychiatrische Diagnostik und Theoriebildung auszumessen, stammen von dem Schweizer Psy¬≠chopathologen Scharfetter (Scharfetter 1986, 1991, 1992). Die Bedeutung von Bewusstseinsver√§nderungen im Rahmen psycho¬≠tischer Erkrankungen ist bisher nur sehr unvollkommen untersucht, obwohl hierzu insbesondere die schon seit langem be¬≠triebenen und j√ľngst wiederaufgenommenen Forschungen zu den Hal¬≠luzinogen-induzierten Modellpsychosen interessante Anregungen liefern d√ľrften (vgl. Beringer 1927, Leuner 1962, Hermle et al. 1988, Pletscher & Ladewig 1994, Vollenweider 2001, Vollenweider 2001).

Im Rahmen eines mehrj√§hrigen Forschungsprojektes an der MHH mit dem Titel ¬ĄPsychophysiologische Korrelate ver√§nderter Wachbewusstseinszust√§nde¬ď wurden verschiedene Projekte entworfen und durchgef√ľhrt. Um die in der vorliegenden Schrift angef√ľhrten Studien aus diesem Projektzusammenhang wie auch nicht angef√ľhrten bzw. noch in Arbeit und Planung befindlichen Untersuchungen in diesem Kontext sinnvoll einordnen zu k√∂nnen, sollen an dieser Stelle kurz die Intentionen, experimentellen Studien, integrierenden und theoretischen Arbeiten sowie die weiteren Planungen umrissen werden.

Das Projekt stellt sich zur Aufgabe eine Reihe subjektiver, neurokognitiver und physiologischer Korrelate von einigen ver√§nderten Bewusstseinszust√§nden zu untersuchen (vgl. Abb. 3). Obgleich nur eine kleine Anzahl verschiedener ver√§nderter Bewusstseinszust√§nde untersucht werden k√∂nnen, d√ľrfen als direktes Resultat neue Ergebnissen bez√ľglich der einzelnen erhobenen Parameter erwartet werden. In einem zweiten Schritt k√∂nnen dann Beziehungen zwischen diesen Parametern eruiert und dargestellt werden. Darauf basierend werden in einem n√§chsten Schritt R√ľckschl√ľsse auf die grunds√§tzliche Charakteristik der jeweiligen Zust√§nde, ihre Einordnung in einer Systematik von Bewusstseinszust√§nden sowie ihre spezifischen √Ątiologien auf verschiedenen Erkl√§rungsebenen m√∂glich. Desweiteren k√∂nnten Erkenntnisse √ľber die psychotherapeutischen Potentiale einiger dieser Zust√§nde gewonnen und diese gezielter einsetzbar werden.



Abb. 3: Mögliche Ansatzpunkte zur Untersuchung veränderter Bewusstseinszustände

Bedauerlicherweise sieht sich die Erforschung ver√§nderter Bewusstseinszust√§nde auch mit komplexen Schwierigkeiten konfrontiert, wie sie partiell schon in den Abschnitten 3.1. und 3.3. dieser Arbeit beschrieben wurden. So k√∂nnen etwa die in Abb. 3 angef√ľhrten multiplen Herangehensweisen naturgem√§√ü teilweise nur sehr begrenzt, teils sogar gar nicht angewandt werden. Wie soll etwa w√§hrend eines rituellen Tanzes, der zur Induktion eines ver√§nderten Bewusstseinszustandes f√ľhren soll, eine PET-Untersuchung oder einen neuropsychologische Testung durchgef√ľhrt werden? Demzufolge wird unser Bild von verschiedenen ver√§nderten Bewusstseinszust√§nden stets mit einer Anzahl von Limitierungen behaftet sein.