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© Harry C. Kaene
 

Erfahrungen mit der psycholytischen Behandlung

RĂĽckblickendes Interview eines Patienten (P)
         

P: „Sie meinen jetzt bezogen auf die Psycholyse, was sie mir gebracht hat?“

A: „Genau, wo Sie Besonderheiten sehen in dem Verfahren gegenüber anderen Psychotherapieformen, die Sie probiert haben.“

P: „Als ich hier zur Behandlung kam, wollte ich in die Psycholyse. Ich wußte schon ziemlich gut über mich Bescheid, was so gelaufen ist in meiner Vergangenheit und was nicht günstig war. Damit habe ich mich schon Jahre beschäftigt. Ich wußte, dies war ungünstig und das war ungünstig. Na, und ich dachte mir, in der Psycholyse und bei Herrn Leuner, da bist du gut aufgehoben. Gerade, weil mein Erleben war, dass da ein sehr frühes Defizit war, ganz früh. Dass da ein Mangel war und dass das mit meinen Depressionen und Ängsten zu tun hat, Ängste vor dem Alleinsein durch Kontaktverlust, z.B. dass ich jemanden verliere oder mich bei Veränderungen stets sehr schwer tat. Von daher dachte ich, dass die Psycholyse das geeignete Verfahren ist, damit zu arbeiten und das vielleicht aufzulösen. Und ich denke, das ist zum guten Teil gelungen.
Es waren für mich jedoch kaum neue Erkenntnisse. Deshalb ist es nicht so, dass ich ein Aha-Erlebnis hatte. Ich wußte schon Bescheid, was mit mir los ist. Nur kam ich an die Affekte nicht ran. Das Bescheidwissen reicht nämlich nicht aus. Durch das Wiedererleben dieser frühen Entbehrungen und Ängste habe ich auch diesen Mangel wieder erlebt, diesen Wunsch nach der Mutter. Das kam ein-, zweimal sehr stark. Lange Zeit war das Alleinsein ein Thema, auch im KB (Katathymes Bilderleben = psychotherapeutische Imaginationstechnik). Herr Leuner hat mich dann mal als kleiner Schuljunge nach Hause geschickt und ich sollte beschreiben, wie die Atmosphäre war und was ich da erlebt habe. Es war niemand da, ich war alleine. Das war schon irgendwie eine Sache, die mich sehr geprägt hat. Und ich denke, das hat sich ein bißchen aufgelöst. Ich kann es noch nicht einschätzen, inwieweit sich das auf mein Erleben im Alltag positiv ausgewirkt hat. Ich denke, das war das Wichtigste, warum ich eigentlich hier hergekommen bin, weil ich kein Vertrauen hatte.“

A: „Sie stellen Wiedererleben dieser Gefühle in den Vordergrund das. Ist Ihnen das vorher nicht gelungen?“

P: „Überhaupt nicht. Da bin ich nicht rangekommen, da die Dinge so früh lagen. Ich habe dann Herrn Leuner geschrieben, als ich einen Studienplatz in Giessen bekam. Ich fühlte mich in der Stadt so verloren, wie man sich nur verloren fühlen konnte. Es war sehr, sehr schlimm. Ich dachte: Das ist nicht normal. Ich wollte so schnell wie möglich in Situationen gelangen, wo ich eine gewisse Geborgenheit fühlte. Mir war schon klar, da fehlt was, sonst ist so ein Erleben nicht möglich. Andere Leute, die gehen damit spielerisch um, die freuen sich, wenn sie in Giessen, Marburg, Amsterdam einen Studienplatz kriegen und können neue Erfahrungen machen.“

A: „Worin sehen Sie den therapeutischen Wert des Wiedererlebens von diesen Gefühlen?“

P: „Insbesondere darin, dass jemand da war wie Herr Leuner, der zu mir kam und dieses Vakuum ausgefüllt hat. Auch wenn es Phasen gab, wo ich alleine war in den Sitzungen. Aber er kam jede Stunde rein und fragte: „Wie ist es denn?“ Dass er dann da war mit seiner Art, so ganz einfühlsam und dass ich deshalb nicht wieder diese Leere erlebt habe, sondern wußte: Hier bin ich aufgehoben, hier bin ich geborgen. Auch wenn nicht direkt jemand im Zimmer war, aber ich wußte, das Umfeld ist gut.“

A: „Haben Sie die Übertragung als intensiviert erlebt in der Psycholyse?“

P: „Es war schon eine Vaterübertragung. Ich kann mich noch entsinnen, da lag ich da so auf der Liege und er saß auch drauf. Ich guckte ihn an und dachte: Mensch, der erinnert dich sehr an deinen Vater, so von der Seite, der Kopf. Das war eindeutig. Im Gegensatz zu meinem Vater habe ich aber sehr positive Erfahrungen mit ihm gemacht: dieses Verständnis, dieses Einfühlsame, dieses Offensein. Man konnte mit seinen Anliegen kommen. Das kannte ich alles nicht. Das war eine sehr wichtige Erfahrung. Das hat er auch so verstanden und sich auch richtig verhalten.“

A: „Wenn Sie noch etwas sagen können über die Beziehung der Psycholyse-Erlebnisse zum Traum, zum Nachtraum. Wo unterscheiden sie sich von den Träumen, wo haben sie Parallelen?“

P: „Das ist eine schwierige Frage. Zum Nachtraum: Es sind Ähnlichkeiten, auf jeden Fall. Der Nachtraum ist natürlich bedeutend bildhafter. In der Psycholyse sind die Emotionen stärker und nicht die bildhafte Erinnerung. Es ist aber schon sehr vergleichbar. Der Nachtraum ist natürlich nicht gleich therapeutisch wirksam. Das ist wohl der Unterschied. Es kommt in Nachträumen immer mehr in symbolhafter Form, indirekter. Ich wußte dagegen immer genau Bescheid, z.B. jetzt bist du ganz regressiv. Ich wußte immer, was los war, das war auch ein Trost und eine Sicherheit, das angenehme und unbedrohliche der Psycholyse gewesen.“

A: „War es lenkbarer?“

P: „Die Erlebnisse entstanden immer in sehr kontrollierbarem Umfang. Ich wußte immer, wo ich war und was ich machen konnte. Wenn ich wollte, wußte ich, ich konnte jederzeit dieses Erlebnis beenden und konnte ein Stück Brot essen. Ich war darin nicht gefangen. Im Traum ist man da eher gefangen, dann erlebt man das halt was kommt und nur, wenn es dramatisch wird, wacht man vielleicht auf. Hier war es sehr gut verträglich. Da stimme ich auch Herrn Leuner zu, da gibt es ja eine innere Distanz, die das für einen bekömmlich regelt.“

A: „Können Sie noch etwas sagen über die transpersonalen Erlebnisse? Sie haben zu mir gesagt, dass Sie die z.T. wieder vergessen haben. Die haben sie damals aber sehr beeindruckt und auch sehr klare Erkenntnisse gebracht. Wie schätzen Sie deren Bedeutung ein?“

P: „Ich schätze schon, dass die eine Bedeutung für mich haben. Ich sagte ja, ich bin mehr Menschenfreund geworden und verständnisvoller. Ich verstehe mehr, was die Leute antreibt, was in ihnen vorgeht und dass die Bedürfnisse der Menschen letztendlich gar nicht so verschieden sind. Allerdings mußte ich einsehen, dass sie sich in sehr unterschiedlicher Weise zeigen und da sehr viele Irrtümer sind. Nach diesen Erlebnissen war ich immer sehr angeregt, existenzphilosophische Betrachtungen anzustellen. Es war ein sehr fruchtbarer Ausgangspunkt dafür.
Wir leben in einer Kultur, wo wir einfach großen Wert legen auf das Hier und Jetzt und die materielle Welt. Alles andere ist untergeordnet. Ich habe aber erlebt, dass die innere Welt eine unheimlich große Wichtigkeit hat. Genauso wichtig erschien es mir dort hinzureisen, weil da auch Plätze sind, die von großer Bedeutung sind, um das Hier besser zu verstehen, so dass das Ich auch davon profitieren kann. Ich merkte auch, dass ich mich wieder an kleinen Sachen freuen konnte. Heute scheint es ja so, dass sich viele Menschen nur noch an extremen Sachen freuen können. Einen Spaziergang oder mit jemandem ein schönes Gespräch führen, oder einfach mit jemandem übereinstimmen oder einfach nur lächeln oder so, dass das irgendwie eine schöne Sache ist, das kann ich jetzt besser wahrnehmen.“

A: „Wenn ich da noch was ansprechen darf: Selbstvertrauen und Vertrauen in die anderen. Haben Sie diese Erlebnisse beeinflußt in dieser Hinsicht? Ich meine insbesondere diese speziellen Erlebnisse ...“.

P: „Das kann ich schlecht genau sagen.“

A: „Dann sagen Sie das ruhig allgemeiner.“

P: „Das Vertrauen, das würde ich schon sagen, das Selbstvertrauen ist gestiegen. Das hat sich schon entwickelt, könnte aber noch besser werden. Das Vertrauen zu anderen Menschen ist auch stärker geworden. Aber bis jetzt nicht so eindeutig. Was ich in den Alltag übernehmen konnte, ist, dass ich in Kontakt mit dem „inneren Ratgeber“ kommen konnte. Ich lege mir z.B. jetzt oft schöne Musik auf und lege mich hin und denke an eine bestimmte Sache, die mich beschäftigt, oder wenn es mir nicht so gut geht oder irgend ein Problem, kommt da immer etwas Positives heraus, so dass es mir nachher besser geht. Manchmal sehe ich die Sachen auch von anderen Seiten. Auch dieses Setting, wie hier, wenn man liegt und entspannt ist und sich wohl fühlt bei ruhiger Umgebung und schöner Musik, das begünstigt das irgendwie“.