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Aktuelle Forschung mit Halluzinogenen und Entaktogenen (1985 bis 2013)

 von Prof. Dr. Torsten Passie

 

Forschung und Therapie mit Halluzinogenen 1970-1985

Wie schon an anderer Stelle dieser Website beschrieben, handelt es sich bei der Humanforschung mit halluzinogenen/entaktogenen Stoffen um ein von Forschern seit Ende der sechziger Jahre verlassenes und seitdem aufgrund gesetzlicher und gesellschaftlicher („illegale Drogen“) Diskriminierung kaum noch bearbeitetes Forschungsgebiet. Projekte zur Grundlagenforschung und sämtliche therapeutischen Anwendungen wurden damals gestoppt und kaum ein Wissenschaftler traute sich noch ein derartiges Forschungsprojekt zu beantragen. Allerdings wurden einige wenige Forschungen bzw. therapeutische Anwendungen noch weiterbetrieben. Dazu gehörten die Halluzinogenforschung und die psycholytische Therapieforschung von Professor Hanscarl Leuner an der Universität Göttingen, die noch bis zu dessen Emeritierung im Jahre 1986 fortgeführt wurde (Leuner 1981, Passie 1996/97). In Holland wurde von dem Psychosomatik-Professor Jan Bastiaans and der Universität Leiden die psychotherapeutischen Behandlungen mit LSD bei traumatisierten Konzentrationslagerhäftlingen bis in die 1980er Jahre weitergeführt (Bastiaans 1983; Snelders 1998). In der Tschechoslowakei wurden mindestens am Sadska-Hospital in Prag bis in die späten 1970er Jahre psycholytische Behandlungen mit LSD bei mehreren hundert Patienten durch den international bekannten Psychosomatiker Milan Hausner durchgeführt (Hausner und Segal 2010).

 

Forschung 1985-2005

Nachdem diese wenigen Projekte aufgrund der Alterung der sie her tragenden Personen ausgelaufen waren, kam es seit Ende der achtziger Jahre kam es zu erneuten Forschungsansätzen. Dabei spielten fünf Entwicklungen eine bedeutende Rolle:

1. Das Bekanntwerden einer neuen Klasse von psychoaktiven Stoffen mit einem neuartigen Wirkungsspektrum. Diese sogenannten Entaktogene (oder auch Empathogene) lassen sich von ihren pharmakologischen Wirkmechanismen klar von den bekannten Halluzinogenen unterscheiden (Nichols et al. 1986). Die bekanntesten Stoffe dieser Gruppe werden heute unter der Bezeichnung „Ecstasy-Gruppe“ (dazu gehören MDA, MDMA, MDE etc.) zusammengefasst (Gouzoulis et al. 1996). Diese Substanzen erzeugen beim Menschen ausgeprägte Veränderungen des psychischen Erlebens, die von Euphorie, intensiviertem inneren Erleben und Körpererleben, vergrößerter Selbstakzeptanz, ausgeprägter Kommunikationsfähigkeit, vermehrtem zwischenmenschlichem Näheempfinden und einer Steigerung der Empathiefähigkeit gekennzeichnet sind. Dabei bleiben – im Unterschied zu den klassischen Halluzinogenen – die kognitiven und Ich-Funktionen weitgehend erhalten (Passie et al. 2005a). Diese Stoffe wurden aufgrund ihrer gut steuerbaren und psychotherapeutisch hilfreichen Wirkungen seit 1978 von einer größeren Zahl Psychotherapeuten, vor allem in den USA, in der psychotherapeutischen Arbeit eingesetzt (Adamson et al. 1988, Metzner 2012). Seit Mitte der achtziger Jahre kam es aufgrund verschiedener Umstände zu einer massenhaften Verbreitung dieser Stoffe im Rahmen der sich im Kontext damit entwickelnden „Techno“-Jugendbewegung, die diese Stoffe als Hilfsmittel für ekstatische Tanzrituale verwendet (Collin und Godfrey 1998).

2. Die Entwicklung neuer neurobiologischer Untersuchungsmethoden. Dazu gehören zum einen die Entdeckung und genauere Lokalisation und biochemische Charakterisierung der für die Funktion des Gehirns zentralen Neurotransmittersysteme bzw. der ihnen zugehörigen Rezeptorgruppen. Zum anderen neue High-tech Untersuchungsmethoden, die mit aufwendigen Apparaturen eine Darstellung des Stoffwechselgeschehens am lebenden Gehirn ermöglichen (Positronen-Emmissionstomographie (PET) und funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)).

3. Die durch einige amerikanische Wissenschaftler initiierte Neusondierung der wissenschaftlichen Forschungsmöglichkeiten mit Halluzinogenen, die sich auch in einigen wissenschaftlichen Symposien niederschlug (Jacobs 1984, Lin und Glennon 1994). Da alle Halluzinogene/Entaktogene mit den zentralen Neurotransmittersystemen, die auch das „normale“ psychische Funktionieren steuern, interagieren, kann über diese Stoffe das Funktionieren psychischer Prozesse im Gehirn weitergehend charakterisiert werden. Dies hat auch Bedeutung für die Erforschung psychiatrischer Erkrankungen wie Depressionen und Psychosen (Vollenweider 2003, Vollenweider und Kometer2011).

4. Aufgrund der massenhaften Einnahme dieser Stoffe im Rahmen von subkulturellen Jugendbewegungen (hauptsächlich LSD und Präparate der sogenannten „Ecstasy-Gruppe“) stellte sich die Frage nach Ursachen und Folgen insbesondere des Ecstasy-Gebrauches (LSD ist nicht toxisch). So konnte Ende der achtziger Jahre der Nachweis geführt werden, dass diese Präparate bei häufigerer Einnahme (mehr als 1x im Monat), in Kombination mit Alkohol, Cannabis, Amphetaminen und/oder Überdosierungen zu Schädigungen von Zellen des durch sie hauptsächlich beeinflussten Neurotransmittersystems (Serotoninsystem) führen (Ricaurte et a. 1988, McCann et al. 1998, kritisch dazu: Gouzoulis-Mayfrank und Daumann 2006). Ein besonderes Problem wirft die Kombination dieser Stoffe mit Tanzveranstaltungen auf, wo es durch ein gesteigertes körperliches Erregungsniveau zu Krampfanfällen und durch Flüssigkeitsdefizit („zuwenig trinken“) zu Nierenschädigungen kommen kann. Eine gelegentliche Einnahme in korrekter Dosierung, ohne Kombination mit anderen Substanzen und mit ausreichender Flüssigkeitszufuhr führt gemäß wissenschaftlichen Erkenntnissen dagegen nicht zu Schädigungen (Thomasius et al. 2000, Halpern et al. 2011). Da sich der Gebrauch der Stoffe, trotz des gesetzlichen Verbotes 1986, in seiner Ausbreitung kaum hat begrenzen lassen, wurde die Erforschung etwaiger toxischer Nebenwirkungen zu einem akzeptierten wissenschaftlichen Forschungsgebiet.

5. Durch die neu aufgekommenen Entaktogene und deren enorme therapeutische Wirksamkeit, aber auch ihre leichtere klinische Handhabung, bekam die therapeutische Anwendung im Rahmen der psycholytischer Therapien einen neuen Anstoß. Dies fand auch in der Gründung der auf die amerikanischen Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) und der Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie (SÄPT) seinen Ausdruck. Zwischen 1988 und 1993 erhielten einige Mitglieder der SÄPT Bewilligungen zur therapeutischen Anwendung im Rahmen von Psychotherapien (vgl. Styk 1994). Beide Organisationen engagieren sich für die Initiierung und Unterstützung wissenschaftlicher Forschung sowie die Aufklärung der Öffentlichkeit.

 

Aktuelle Forschung im deutschsprachigen Raum

Im deutschsprachigen Bereich sind fĂĽnf Forschergruppen im Bereich der Halluzinogen/ Entaktogenforschung nennenswert. Deren Arbeitsgebiete sollen hier kurz charakterisiert werden.

(Anmerkung: Die angegebenen Literaturverweise berücksichtigen nur wenige ausgewählte Veröffentlichungen der Autoren.)

1. Die Gruppe um den heute als Chefarzt der Göppinger Klinik Christophsbad tätigen Privatdozenten Dr. med. Leo Hermle. Sie erforschte an der Freiburger Universitätsklinik in der Tradition des berĂĽhmten Heidelberger Meskalinforschers der zwanziger Jahre, Professor Kurt Beringer, zuerst die Auswirkungen von Meskalin auf die Entwicklung psychoseartiger Symptome („Modellpsychosen“) und einige Parameter der Hirnfunktion (EEG, Hirndurchblutung, Wechselwirkungen der Hirnhälften u.a.) (Hermle et al. 1992). Im Anschluss daran wurden von ihnen die körperlichen und psychischen Wirkungen eines klassischen Entaktogens (Methylendioxyethylamphetamin, kurz MDE) in aufwändigen Projekten untersucht (Hermle et al. 1993, Gouzoulis et al. 1993). Auch dessen Pharmakokinetik und Verstoffwechselung im Körper wurde (in Zusammenarbeit mit Prof. K.-A. Kovar, Universität TĂĽbingen) charakterisiert. Ă„hnliches wurde von ihnen auch fĂĽr das Halluzinogen Psilocybin geleistet (Holzmann 1995). Während der neunziger Jahre kam es zur Dreiteilung der Forschergruppe: Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer wurde auf den Lehrstuhl fĂĽr Psychiatrie an der Universität Ulm berufen und forschte unter anderem zur neuropsychologischen Charakterisierung von Psilocybin-Wirkungen (Spitzer et al. 1996). AuĂźerdem wurde in Zusammenarbeit mit PD Dr. Hermle die Wirkung der voneinander separierten rechtsdrehenden und linksdrehenden MolekĂĽle von MDE auf einzelne neuropsychologische Parameter und den Hirnstoffwechsel untersucht (Spitzer et al. 2001) und später  eine Ăśbersichtsarbeit zur Pharmakologie von MDE veröffentlicht (Freudenmann und Spitzer 2004).

Frau Prof. Dr. Euphrosyne Gouzoulis integrierte sich für einige Jahre in die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Henning Sass an der Universität Aachen. Sie führte eine vom Bundesministerium für Forschung und Technologie geförderte Untersuchung zur vergleichenden Charakterisierung von Halluzinogenen (Psilocybin), Entaktogenen (MDE) und Amphetaminen (Methamphetamin) durch. Die Substanzenwirkungen wurden im Bezug auf körperliche, endokrinologische, psychische, neuropsychologische und Wirkungen auf den Gehirnstoffwechsel untersucht (Gouzoulis et al. 1999a, b). Weitere Themen waren die Aufklärung der wissenschaftlichen Öffentlichkeit über die Charakteristik der Entaktogene, ihrer möglichen Nebenwirkungen und neurotoxischen Risiken (Gouzoulis-Mayfrank et al. 1996, 2002, Hermle et al. 1996).

2. Die Gruppe um den an der Züricher psychiatrischen Universitätsklinik tätigen Professor Dr. Franz X. Vollenweider. Diese Gruppe untersucht seit den achtziger Jahren die Veränderungen des Hirnstoffwechsels (PET) und der geistigen Funktionen (Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis etc.) unter dem halluzinogenen Anästhetikum Ketamin, dem klassischen Halluzinogen Psilocybin und MDMA (Vollenweider et al. 1997 ff., Gamma et al. 2000). Dabei konnten die psychischen und die kognitiven Wirkungen dieser Substanzen charakterisiert werden. Auch die Pharmakokinetik und Verstoffwechselung dieser Substanzen war Forschungsgegenstand (z.B. Hasler et al. 1997). Unter Verwendung von Substanzen die selektiv bestimmte Serotoninrezeptoren blockieren, konnte gezeigt werden, dass die Wirkungen des Halluzinogens Psilocybin vor allem über den Serotonin 2A-Rezeptor vermittelt werden. (Vollenweider et al. 1998). Besonderes Augenmerk richteten die Forscher auf die Beziehungen von Hirnstoffwechselveränderungen und Abwandlungen der kognitiven Funktionen und des psychischen Erlebens. Sie konnten Zusammenhänge aufzeigen und ein neurophysiologisches Modell der veränderten Wechselwirkungen unterschiedlicher Teile des Gehirns (Modell der CTSC-Loops) entwickeln (Vollenweider et al. 2001). Diese Forscher Modelle halten auch für die Erforschung psychiatrischer Erkrankungen wie Depressionen und Schizophrenien von Bedeutung (Geyer und Vollenweider 2008, Vollenweider und Kometer 2011).

Neuerdings wird auch von einer Gruppe um Dr. Liechti an der Universitätsklinik Basel mit MDMA am Menschen geforscht (z.B. Hysek et al. 2012).

3. Die Gruppe um Prof. Dr. Dr. Hinderk M. Emrich (emeritiert 2009) an der Medizinischen Hochschule Hannover. Es wurden Untersuchungen mit den Halluzinogenen Ketamin, Lachgas und Psilocybin durchgeführt. Die Gruppe untersuchte neuropsychologische Funktionen, Synästhesien und den Bewusstseinszustand. Dabei kommt auch ein neuentwickeltes Experiment, welches über die Beeinflussung der Wahrnehmung einer optischen Illusion („Hohlmasken-Modell“) die Wahrnehmungsverarbeitung im Gehirn untersucht (Schneider et al. 1999) zum Einsatz (zu sehen auch im Film - ab Min 38:05 - auf http://www.youtube.com/watch?v=aJsuZ92jP1M). Eine andere Publikation beschäftigt sich mit der Ähnlichkeit des typischen MDMA-induzierten Zustandes und des postorgasmischen Zustandes (Passie et al. 2005b). Einige Mitarbeiter der Gruppe publizieren auch über die Geschichte der Halluzinogen/Entaktogenforschung, die Pharmakologie dieser Stoffe und deren mögliche therapeutische Anwendungen (Passie 1993 ff.; Passie und Dürst 2009, Hintzen und Passie 2010; Passie 2012; vgl. auch die Bibliographie unter dem Button „Kontakt“ auf dieser Website). Mittlerweile ist die Gruppe durch den Weggang von Prof. Udo Schneider und die Emeritierung von Prof. Emrich aufgelöst. Prof. Passie wurde Visiting Professor an der Harvard-Universität (Boston, USA) und setzt dort seine Forschungen fort (vgl. www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed.

4. Die Schweizerische Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie (SÄPT) wurde 1985 gegründet. Einige ihrer Mitglieder besaßen von 1988-1993 eine Ausnahmebewilligung für die Verwendung von Halluzinogenen und Entaktogenen im Rahmen psychotherapeutischer Behandlungen (Styk 1994). Diese Gruppe ist nach wie vor aktiv. Nachdem sich in entsprechenden Nachuntersuchungen ihrer Patienten keine Komplikationen und Anhaltspunkte für heilsame Wirkungen gezeigt hatten (Gasser 1997), strebte sie danach, erneut eine Bewilligung für den therapeutischen Einsatz zu erlangen. Vorraussetzung dafür ist nach Ansicht ministerieller Stellen ein wissenschaftliches Forschungsprojekt zur Beurteilung des Behandlungserfolges und der Risiken. Die Planung war schwierig und hatte verschiedene Hindernisse zu bewältigen. Letztlich kam es (mit Unterstützung durch die amerikanische MAPS-Organisation) zu einer Planung und Durchführung von zwei klinischen Studien auf hohem methodischem Niveau. Eine Studie an Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), die mit einer MDMA-unterstützen Psychotherapie behandelt wurden, konnte mittlerweile publiziert werden (Oehen et al. 2012). Kurz vor Publikation befinden sich die Resultate einer Studie, die von Dr. Peter Gasser mit einer LSD-unterstützten Psychotherapie bei Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen durchgeführt wurde. Beide Studien zeigten erfolgversprechende Resultate. Außerdem beitreibt die Gruppe Öffentlichkeitsarbeit zur Aufklärung über die psycholytische Therapie (vgl. saept.ch/index.php.

 

Das Schicksal der Forschung in Deutschland nach 2000

Nach einer intensiven Phase klinischer Forschungen mit Halluzinogen in Deutschland während der 1990er Jahre kam es nicht mehr zu weiteren Forschungsprojekten. Dies stand vermutlich im Zusammenhang damit, dass sich die therapeutischen Anwendungen aufgrund formaler und klinischer Hindernisse nur sehr begrenzt realisieren ließen. Dazu kam die Novellierung des deutschen Arzneimittelgesetzes im Jahre 2004. Die dadurch bedingten Regelungen im Bereich der klinischen Forschung mit Pharmaka (egal welcher Art) stellten der Forschung unüberwindbare Hindernisse in den Weg.

Die Voraussetzungen für eine Forschung am Menschen wurden mit den Ansprüchen an die Pharmaindustrie gleichgestellt. Das heißt, kleinen universitäre Forschungsgruppen, die ja mit viel kleineren Ressourcen arbeiten als die geldträchtige Pharmaindustrie, wird es praktisch verunmöglicht, entsprechende Forschung zu betreiben. Ein Beispiel sind die Zertifizierungsvoraussetzungen für die zu untersuchenden Substanzen. Diese sind in der pharmazeutischen Industrie selbstverständlich erheblich höher, müssen es dort auch sein. Entstanden vor der Novellierung für den Forscher für die Substanzen Kosten im Bereich von einigen Tausend Euro, so sind es, aufgrund der nun vorgeschriebenen „GMP-zertifizierten“ Herstellung der Substanzen (die selbstverständlich auch früher seriös auf ihre Beschaffenheit kontrolliert wurden) nun 50.000 bis 100.000 Euro für nur einige Milligramm. Dazu kommen die Kosten für die nun vorgeschriebenen Tierstudien von etwa 800.000 Euro, die jeder Anwendung von Substanzen am Menschen (auch von schon tausendfach am Menschen angewendeten Substanzen) vorausgehen müssen. Auch das nun erforderliche Monitoring der Studienunterlagen durch externe Kontrolleure verursacht einen Kostenaufwand von i.d.R. mehr als 50.000 Euro. Somit entstehen für eine kleine Untersuchung an etwa 10 Probanden mit einmaliger Verabreichung eines Halluzinogens Kosten von fast einer Million Euro. Solche Studien kosteten vorher lediglich etwa 10.000 Euro! Sachlich, das heißt durch eine Verbesserung der Probandensicherheit oder der Zuverlässigkeit der Resultate, lässt sich eine solche Aufwandsvermehrung sicher nicht rechtfertigen. Das wird auch von Seiten der entsprechenden Behörden nicht versucht. Diese beziehen sich bei Auskunftsersuchen auf die „europäische Gesetzeslage“ und empfinden sich dadurch frei von jedem Rechtfertigungsdruck, da sie zwar die Forschung in erheblichem Maße blockieren (Zitat: „80%iger Rückgang der forscher-initiierten klinischen Studien mit Pharmaka in Deutschland“), aber sich ja nur an die Gesetze halten. Dass diese allerdings sich auch anders auslegen lassen, zeigen unten angeführte Forschungen in anderen EU-Ländern.

Letztlich würde eine weiterhin „enge“ Auslegung dieser Vorschriften eine Forschung auch mit allen so genannten „illegalen“ Substanzen am Menschen verunmöglichen, was die eine Gefährdung dahingehend bedeutet, das die Wirkungen dieser Substanzen nicht mehr wissenschaftlich untersucht werden können und die Bevölkerung ohne seriöse Informationen über die Stoffe bleibt. Dazu kommt die internationale Konkurrenzsituation, da einige Länder diese Forschung weiterhin erlauben (z.B. Schweiz, USA), während die EU-Länder von dieser wichtigen Forschung abgeschnitten sind bzw. sein werden.

Aus den genannten Gründen scheint in Deutschland die Forschung mit psychoaktiven Substanzen zum Erliegen gekommen zu sein. Die letzten Untersuchungen von Frau Prof. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank (Universität Köln) wurden noch vor dem Inkrafttreten des neuen Arzneimittelgesetzes beantragt und konnten daher noch beendet werden. Prof. Torsten Passie an der Medizinischen Hochschule Hannover konnte Studien mit Stickoxydul (Lachgas) und Psilocybin zu Ende bringen, da sie noch vor der Arzneimittelgesetznovelle genehmigt wurden. Seitdem wurden keine weiteren Forschungen mit psychoaktiven Substanzen in Deutschland mehr durchgeführt. Wie schon beschrieben, ist bei der derzeitigen Auslegung der Vorschriften in Deutschland jegliche Forschung mit psychoaktiven Substanzen unmöglich. Ob die weitere Entwicklung zu einer anderen Auslegung der Vorschriften (wie in England und Spanien) führen wird, bleibt abzuwarten. Allerdings stellt sich auch die Frage, ob im Kontext der sich nur noch am Mainstream und monetärer Attraktivität orientierenden medizinischen Forschungswelt solche Forschung für junge Forscher überhaupt noch attraktiv sein kann.

 

Internationale Forschung 2000-2012

Im Jahre 2010 kam es durch die englische Regierung zur Einsetzung einer nationalen wissenschaftlichen Kommission, die einen rationalen Konsens im Bereich der Drogenproblematik erarbeiten sollte. Dadurch sollte die Grundlage für eine rationale Gesetzgebung geschaffen werden. Der Vorsitzende in dieser Kommission war der bedeutendste europäische Psychopharmakologe Prof. David Nutt. Nachdem dieser die Modalitäten und Grundlagen der bisherigen (und der geplanten) Drogenpolitik aufgrund der wissenschaftlichen Datenlage öffentlich infrage gestellt hatte, kam es zu einem Eklat, der dazu führte, dass Professor Nutt als Vorstand der Kommission entlassen wurde. Diese skandalösen Vorgänge erregten erhebliche internationale Aufmerksamkeit.

Im Anschluss daran hat sich die Haltung von Professor Nutt sich verändert, so dass er sich nun mit der Ăśberwindung der jahrzehntelangen UnterdrĂĽckung von Forschung mit psychoaktiven Substanzen in England beschäftigt. Von daher kam es seit dem Jahr 2010 zu einem Wiederaufleben der Halluzinogenforschung in England. Auch wurde 2010 die erste wissenschaftliche Konferenz zur Forschung mit Psychedelika in England abgehalten. Diese wurde durch einige engagierte junge Wissenschaftler initiiert. Seitdem ist die Forschung in GroĂźbritannien wieder in nicht unerheblichem MaĂźe angelaufen. Psilocybin und MDMA wurden in Bildgebungs-Studien untersucht. Aktuell sind Studien mit MDMA bei posttraumatischen Störungen und Psilocybin bei Depressionen in Vorbereitung. Erstaunlich ist, dass die Briten sich offenbar ĂĽber prinzipiell europaweit geltende Vorschriften hinwegsetzen. Die dortigen Studien unterliegen diesen strengen Vorschriften anscheinend nicht. Sie werden nicht als Arzneimittelstudien (wie in Deutschland), sondern als  „Stimulationsstudien“ behandelt. Dadurch unterliegen Sie nicht in den strengen Regularien wie sie sonst europaweit angewendet werden. Dies erleichtert dir Forschung erheblich. Das hat damit zu tun, dass die Anforderungen an die Herstellung der Präparate, Tierstudien und das aufwändige Monitoring entfallen. In neuerer Zeit scheint es jedoch, dass auch dort einige strengere Vorschriften durchgesetzt werden sollen.

In Spanien wurden seit Mitte der 1990iger Jahren eine Reihe von Forschungsprojekten zu Halluzinogen bzw. Entaktogenen durchgeführt. Den Anfang machte eine Studie unter der Leitung von Jose Carlos Bouso, welche die Verwendbarkeit von MDMA bei der Behandlung von Traumafolgestörungen untersuchte. Allerdings wurde diese Studie aufgrund von politischen Problemen letztlich abgebrochen. Einige ihrer Ergebnisse konnte jedoch später publiziert werden (Bouso et al. 2008). Auch wurden die Wirkungen und der Metabolismus von MDMA eingehend in Humanstudien untersucht (de la Torre et al. 2000; Farre et al. 2007). Ein weiterer Forschungszweig der spanischen Wissenschaftler betrifft die Verwendung von Ayahuasca (Riba et al. 2001ff.). Diese halluzinogene Mixtur aus südamerikanischen Dschungelpflanzen erlebte eine Art Renaissance während der 1990iger Jahre. Es kam zu einer Internationalisierung des Gebrauchs dieses Pflanzenpräparates, obgleich dies von der Zahl der Konsumenten (einige Tausend außerhalb von Brasilien) her nur eine sehr marginalisierte Gruppe ausmacht.

Mit der europaweiten Änderung der Arzneimittelgesetze kamen auch diese Forscher in Schwierigkeiten. Nach 2005 wurden ihnen Genehmigungen für Forschungsprojekte durch die Regierungsbehörden verweigert. Allerdings er gelang es den Kollegen in einem langwierigen Hin und Her mit den Regierungsbehörden die Forschung weiterzuführen. Die Regierungsbehörden hatten sich letztlich dazu entschlossen, die Studien mit illegalen psychoaktiven Substanzen nicht mehr als Arzneimittelstudien zu werten. Siehe betrachten diese Studien als solche mit illegalen Substanzen, nicht mit einer Medikamentenentwicklung gleichzustellen ist, sondern deren Erforschung aus anderen Gründen im öffentlichen Interesse liegt. Von daher unterliegen diese Studien in Spanien nun einer erleichterten Zulassungsprozedur. Derzeit laufen dort noch Studien mit dem oben genannten Ayahuasca, mit MDMA und (demnächst) mit anderen psychoaktiven Substanzen.

In den USA laufen seit circa zehn Jahren einige klinische Forschungsprojekte mit dem Halluzinogen Psilocybin. So konnte die Arbeitsgruppe um Professor Roland Griffes an der Johns Hopkins Universität in Baltimore nachweisen, dass das Halluzinogen Psilocybin bei Menschen authentische mystische Erfahrungen auslösen kann (Griffiths et al. 2006). Auch wenn dies schon vorher durch die Untersuchungen des Harvard-Theologen und Mediziner Walter Pahnke im Jahr 1963 belegt wurde (Pahnke 1963), erscheint es doch von Bedeutung, dass dies mit heutigen methodischen Standards belegt wurde. Auch die Nachuntersuchungen nach 14 Monaten zeigten eindeutige Persönlichkeits- und wird Werthaltungs-Veränderungen bei den untersuchten Personen (Griffiths et al. 2008). Psychologische Persönlichkeitsprofile wiesen zudem darauf hin, dass bei den betroffenen Personen eine erhebliche Veränderung im Bereich des psychologischen Faktors „Offenheit“ zu verzeichnen war. Er derzeit arbeitet die Gruppe um Griffiths an drei Forschungslinien: 1. der Nutzung von psilocybin-induzierten Erfahrungen beim Zigarettenentzug; 2. einem möglichen Nutzen von psilocybin-induzierten Erfahrungen im Rahmen von spirituellen Praktiken wie Meditation; 3. der Unterstützung von psychotherapeutischen Prozessen bei krebskranken Patienten im Endstadium mit Psilocybin.

Unter der Leitung von Prof. Jeff Guss laufen derzeit an der Universität von New York Vorbereitungen für ein größeres Projekt mit der Verwendung von Psilocybin bei der psychotherapeutischen Behandlung von krebskranken Patienten im Endstadium. Die Genehmigungen liegen vor und das Projekt steht kurz vor dem Beginn.

In den Jahren von 2005-2010 wurde unter der Ägide der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) Untersuchungen zur Unterstützung von Psychotherapie bei traumatisierten Patienten mit Unterstützung von MDMA durchgeführt. Die günstig ausgefallenen Resultate konnten 2011 in einer renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert werden (Mithoefer et al. 2011). Auch die folgende Nachuntersuchung der Patienten nach 2 Jahren zeigte eine erstaunlich stabilität der Behandlungsresultate (Mithoefer et al. 2013). Derzeit arbeitet die gleiche Gruppe an einem Projekt zur Psychotherapie mittels MDMA bei traumatisierten Kriegsveteranen. Auch hier sind die bisherigen Ergebnisse erfolgversprechend (http://www.maps.org/research/mdma/mdma_ptsd_u.s._study_veterans_of_war). Die aktuellen Phase-II-Studien mit der MDMA-unterstützten Psychotherapie bei posttraumatischen Belastungsstörungen sollen bis zur Zulassung von MDMA als verschreibungsfähiges Mittel (im Rahmen klinischer Behandlungen) weitergeführt werden. Dafür stehen MAPS mittlerweile durch private Spender mehrere Millionen Dollar zur Verfügung. Sollte dies gelingen, so wäre das erste Medikamentenentwicklung durch eine Non-Profit-Organisation. Jüngst wurde von MAPS auch eine Studie zu den Grundlagen der MDMA-unterstützen Therapie publiziert (Passie 2012).

An der University of San Francisco arbeitet Gruppe um Jack Mendelsohn und Matthew Baggott an verschiedenen klinischen Humanstudien Forschungsprojekten zu Wirkungen von Halluzinogen und Entaktogenen. Hierbei erstanden Forschungen mit den Substanzen MDMA, MDA und Salvinorin. Erhoben wurde insbesondere Parameter zum subjektiven Erleben und zu endokrinen sowie kardiovaskulären Wirkungen dieser Stoffe (Harris et al. 2002).

 

Wer an einer vollständigeren Auflistung und Darstellung der aktuell laufenden Forschungsprojekte zu Halluzinogenen/Entaktogenen weltweit, insbesondere auch im Hinblick auf therapeutische Anwendungen, interessiert ist, kann sich im Internet unter www.maps.org und unter www.heffter.org weitergehend informieren.

 

Literatur

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