www.bewusstseinszustände.de
 

Psychische Wirkungen von Halluzinogenen: Objektive und subjektive Perspektiven

Von Prof. Dr. Torsten Passie


Ăśbersicht

1. Einleitung
2. Deskriptive Psychopathologie der psychischen Wirkungen
3. Psychotoxisches Basissyndrom und Empirie der Verlaufsformen
4. Stufen psychedelischen Erlebens
5. Halluzinogenwirkung und subjektiver Perspektivenwandel
6. Schluss
7. Literatur

1. Einleitung
Die physischen und insbesondere psychischen Wirkungen der „klassischen“ Halluzinogene wie LSD, Psilocybin, Meskalin und anderen weisen bekanntermaßen eine große Komplexität auf.
Im Vordergrund steht von physischer Seite ein anhaltender Sympathikotonus, doch finden sich auch parasympathikomimetische Komponenten. Schon dies deutet auf das komplexe Wirkungsbild hin, das nicht in einfachen Modellvorstellungen unterzubringen ist. Man findet in der Regel eine Mydriasis, Bradypnoe, Tachy- oder Bradykardie, Hypo- oder Hyperthermie, ferner Tränenfluss, Hitze- oder Kältegefühl, Schweißausbrüche, Kopfdruck, Bauchdruck, manchmal Nausea, Brechreiz, Piloerektion u.a.m. Diese Erscheinungen sind generell recht milde und wenig ausgeprägt. Sie treten meist vor dem Auftreten der eigentlichen psychischen Symptomatik am stärksten in Erscheinung und werden zumeist als wenig störend, eher nebensächlich empfunden. Sie zeigen keine Dosisabhängigkeit.
Der Organismus befindet sich im Zustand einer Aktivierung zentraler Funktionen, vor allem der Stimulation des aktivierenden Systems der Substantia reticularis des Stammhirns, wofür auch die typische „arousal-reaction“ im EEG und diverse neurometabolische Befunde (1) sprechen. Diese physiologischen Wirkungen sind jedoch insgesamt eher unspezifisch und erlauben keine kausalen Rückschlüsse auf das Spektrum der psychischen Wirkungen.

 

Abb. 1: Pharmakologische und nicht-pharmakologische Einflussfaktoren auf die Wirkungen von Halluzinogenen

Aufgrund des inter- und intraindividuell hochvariablen und von diversen Einflussfaktoren mitbestimmten (vgl. Abb. 1) komplexen psychischen Wirkungsbildes wurden verschiedene Modelle zur Konzeptualisierung dieser Wirklungen entwickelt. Zwei der größeren Entwürfe befassen sich explizit mit den – auch in der hier gegebenen Darstellung im Vordergrund stehenden – formalen Aspekten des veränderten Erlebens und stehen in ergänzender Beziehung zueinander, da sie verschiedene formale Elemente wie die Verlaufsformen der induzierten Zustände (2), bzw. die unterschiedlichen Erlebnisstufen (3) in den Vordergrund der Konzeptualisierung stellen. Nicht unerwähnt bleiben darf auch der Entwurf von Grof (4), der sich primär mit den Erlebnisinhalten und deren individuellen biographischen Bezügen sowie perinatalen und transpersonalen Dimensionen des Erlebens befasst. Grofs Ansatz interessiert sich somit weniger für die Darstellung formaler Aspekte des Wirkungsbildes und wird deshalb hier nicht wiedergegeben.
Die folgende Darstellung bringt zunächst eine deskriptive Darstellung der psychischen Wirkungen aus der Perspektive der Psychopathologie. Ergänzend sollen dieser dann die Darstellung der Verlaufsformen durch Leuner (2), die Darstellung der Erlebnisstufen durch Masters und Houston (3) und die Wiedergabe einer wesentliche Elemente des subjektiven Erlebniswandels beschreibenden Selbstschilderung aus der Literatur (5) an die Seite gestellt werden.

2. Deskriptive Psychopathologie der psychischen Wirkungen
An dieser Stelle sollen die klinisch und praktisch wichtigen Effekte aus dem Blickwinkel einer allgemeinen Psychopathologie dargestellt werden. Es wurde versucht, die Symptomatik in einer Reihenfolge zu gruppieren, die für den, der keine eigene Erfahrung mit Halluzinogen besitzt, am ehesten den wachsenden Schwierigkeitsgrad entspricht, die sich für das Einfühlen und Verstehen der Rauscherscheinungen und zutage tretenden psychopathologischen Symptomverbände auftun.

Die optischen Erscheinungen
Die optischen Phänomene stehen in den üblichen Darstellungen wie auch den ersten Selbsterfahrungen zunächst im Vordergrund. Inhaltlich zeigen die optischen Phänomene einen eindrucksvollen, nur andeutungsweise beschreibbaren Reichtum; sie gehen von einfachen Elementarhalluzinationen (Flackern, Sprühen, Glitzern, Wirbeln usw.) über vielfache und vielfarbige Konturierungen der realen Umwelt sowie einfache freischwebende Figuren bis hin zu ungeheuer reichhaltigen, feingegliederten, farbenprächtigen ornament- und kaleidoskopartigen Kompositionen. Besonders eindrucksvoll ist hierbei das stetige kinetische Element, d.h. der ständige, kontinuierlich fließende Wechsel der Erscheinungen an allen drei Dimensionen. Neben diesen mehr oder weniger abstrakt-formalen Elementen kann es nun auch zu szenisch-gestalthaften Abläufen, ähnlich denen in hypnagogen Zuständen bzw. im Traum, mit ganzheitlichen, thematisch gegliederten Bildern und konkreten Inhalten kommen.
Es besteht jedoch kein Zweifel, dass andere Wirkungskomponenten wesentlich profunder in das Ich- und Welterleben eingreifen und das Optische von diesen, z.B. der Emotionalität, seine wesentlichen Bedeutungsinhalte bekommt. So kann schon von daher die Ich-Nähe des Gesehenen extrem wechseln, von einem distanziert betrachteten, ich-fremden amüsant-kuriosen Schauspiel bis hin zu einem enorm affektgeladenen, die Persönlichkeit im Inneren berührenden und überwältigenden Erleben von absolutem Realitätscharakter, evtl. gar mit Verschmelzung zwischen Subjekt und Objekt. Dem entspricht – in psychopathologischen Kategorien ausgedrückt – die fließende Übergangsmöglichkeit von die Wahrnehmung realer Objekte überlagernden einfachen optischen Illusionen über die das Gros ausmachenden Pseudohalluzinationen (d.h. ohne Leibhaftigkeitscharakter bei erhaltenem Realitätsurteil) bis hin zu echten Halluzinationen.

Die akustischen Erscheinungen
Diese spielen eine sehr untergeordnete Rolle und brauchen hier nur angedeutet zu werden. Insbesondere gehört ein „Stimmenhören“ wie bei schizophrenen Psychosen zu den ausgesprochenen Seltenheiten, was einen wichtigen dieser beiden Verfassungen ausmacht. Einfachere, elementare Störungen aus der akustischen Sphäre in Form von Akoasmen (Brummen, Brausen, Klingen, Klirren usw.) sind häufiger.  Ziemlich regelmäßig kommt es zu einer besonderen Sensibilisierung gegenĂĽber akustischen Reizen.

Die osmischen Erscheinungen
Erscheinungen auf dem Gebiet des Geruchs- und Geschmackssinns haben generell nur ein geringes Ausmaß, obgleich sie – zumeist in sinnvoller Weise in ein gesamthaftes Erleben eingeordnet – während bestimmter Zuspitzungen des subjektiven Erlebens durchaus eine Rolle spielen können. Hierbei können sowohl aus der Erinnerung aktivierte als auch während des Rauschzustandes neu sich gestaltende Eindrücke generiert werden.

Die taktilen Erscheinungen
Veränderungen des Erlebens in der taktilen Sphäre sind eher selten. Sie können in Form von illusionären Verkennungen realer Sinneserregungen, als Pseudohalluzinationen oder als spezifische – mit nichts Gewöhnlichem vergleichbare – Abwandlungen des Erlebens taktiler Sensationen auftreten. Letztere Erlebnisqualitäten zeichnen sich durch einen Intensivierung und qualitative Veränderung von realen taktilen Empfindungen aus. Diese können zu einem verstärkten Genuß körperlicher Berührungen führen und im Zusammenhang mit Sexualität sowie den weiter unten beschriebenen Veränderungen des Körpererlebens und einer aktivierten Emotionalität zu einem ekstatischen Erlebniswandel führen.

Die Veränderungen des Körpererlebens
Hier wäre eine Vielzahl von teils belustigend-absonderlichen, teils beängstigend-unheimlichen, teils mit Depersonalisationserscheinungen verbundenen Empfindungen zu nennen. Dieserart Sensationen machen aufgrund ihrer Fremdartigkeit bei der Schilderung besondere Schwierigkeiten.
Angefangen von einer Fülle noch quasi-normaler parästhesie-artiger Empfindungen (Kribbeln, Ameisenlaufen, Kälteschauer usw.) erlebt man ungewohnte innere und muskuläre Spannungsgefühle, Lachzwang, seltsame Elektrisier- und Stromempfindungen, eigenartige wogenähnliche „Gefühlsfluten“ mit Lust- und Wärmequalität, die durch das Körperinnere ziehen, und ähnliches.
Eine weitere Stufe des Irrealen sind Mikro- und Makrosensationen einzelner Körperteile (verzerrte Empfindung von Körperproportionen), Elevationsgefühle, Veränderungen des Körperschemas, auch ausgesprochene Fremdheitsgefühle gegenüber Körperteilen, bis zum Empfinden einer völligen Losgelöstheit vom Körper. Auch völlig außergewöhnliche Körpererlebnisse wie z.B. das Erleben eines Umherkriechens in einzelnen Körperteilen, die Metamorphose einzelner Gliedmaßen oder des gesamten Körpers in andere Teile oder gar in Tiere, selbst Verschmelzungen mit halluzinierten Objekten kommen vor.

Die Synästhesien
Bei synästhetischen Wahrnehmungsveränderungen werden durch Wahrnehmungen eines Sinnesgebietes Wahrnehmungen eines anderen Sinnesgebietes angeregt; so können etwa „Töne gesehen“, was die mit Abstand häufigste Form der Synästhesie im Halluzinogenrausch ist, oder „Farben geschmeckt“ werden. Das Auftreten von synästhetischen Wahrnehmungskoppelungen ist eine typische Komponente veränderter Sinneswahrnehmungen unter dem Einfluß von Halluzinogenen. Dabei können typischerweise auch Synästhesien in Verbindung mit Veränderungen des Körperschemas auftreten. Wahrscheinlich kommt es über eine gesteigerte Erregung der Sinneszentren im Gehirn zu einer komplexen Verschmelzung von Wahrnehmungen verschiedener Sinnesgebiete.

Die Hypersuggestibilität
Ein bekanntes Phänomen halluzinogen-induzierter Zustände ist die regelmäßig auftretende und zeitweilig sehr ausgeprägte Beeinflussbarkeit des Erlebens. Dies hängt nicht zuletzt mit der oben beschriebenen „Öffnung des Filters der bewussten Wahrnehmung“ zusammen. So können etwa äuĂźere Ereignisse den Verlauf des Erlebens massiv beeinflussen oder auch innere Erlebnispassagen die gesamte Richtung des Erlebens wie auch die Art der beteiligten Affekte plötzlich verändern. Einen weiteren Hinweis auf die verstärkte Suggestibilität vermittelt die Tatsache, dass die inneren (sog. „Set“)  und äuĂźeren Umstände (sog. „Setting“) im Vorfeld einer Halluzinogeneinnahme den Verlauf und Inhalt des subjektiven Erlebens maĂźgeblich mitbestimmen (vgl. Abb. 1).

Das veränderte Raum- und Zeiterleben
Obschon recht eindrucksvoll, können diese Phänomene hier nur kurz erwähnt werden. Der äußere Raum mit seinen Objekten zerfließt in der Regel über verschiedene Stufen multipler Konturierung und Physiognomierung und geht schließlich, mit zunehmender Intensität der optischen Erscheinungen, immer mehr im irrealen Erlebnisraum der Rauschphänomene auf. Bei höheren Dosen kann sogar die örtliche Orientierung gänzlich verloren gehen.
Die Störung des Zeitsinns drückt sich meist in einer enormen Dehnung und Verlängerung des Zeiterlebens bis zum Gefühl völligen Zeitstillstandes, von „Ewigkeit“, „grenzenlosem Zeitraum“ usw. aus. Oft entsprechen wenige Minuten einer subjektiven Dauer von Jahren. Auch Beschleunigungen des subjektiven Zeiterlebens können vorkommen

Die Veränderungen des Denkens
Die Denkstörungen sind hauptsächlich formaler Art und dosisabhängig. In der Regel leidet das gerichtete Durchhalten eines Gedankengangs; Denkziel und Leitlinie gehen verloren oder wechseln häufig. Bei geringeren Dosierungen ist der Gedankengang meist beschleunigt, assoziativ gelockert bis zur Ideenflucht, oft auch sprunghaft-inkohärent. Der Abstraktionsgrad des Denkens nimmt ab und wird durch ein emotional betontes bildhaftes Denken abgelöst. Diese Veränderungen werden aber subjektiv durchaus als Rauschwirkung registriert. Auf den Gipfeln einzelner Rauschphasen, vor allem bei höherer Dosierung, kommt es durch die Zentrierung des Erlebens auch zur Trägheit oder Stagnation des Gedankenflusses, zum Verharren oder Perseverieren bestimmter Inhalte. Allerdings kann das Perseverieren auch Ausdruck mühsam wiederholter Orientierungsversuche bei starker innerer Erlebnisanflutung sein.
Die Denkinhalte sind von den verschiedensten Faktoren abhängig. Wesentliche Determinanten stellen die Stimmungs- und Affektlage, die Abstraktheit oder Konkretheit optischer Bilder, die Erwartungshaltung, die aktuelle Unweltsituation und die Persönlichkeit selbst dar. Paranoide Gedankenbildungen spielen kaum eine Rolle und beschränken sich auf flüchtige paranoide Reaktionen. Ansätze eines systematischen Wahns gehört zu den absoluten Seltenheiten.

Die Entkoppelung von Wahrnehmung und Konzepualisierung
Von verschiedenen Autoren ist darauf hingewiesen worden, dass sich unsere bewusste Wahrnehmung nur auf einen winzigen Ausschnitt der ĂĽber die Sinnesorgane aufgenommenen InformationsfĂĽlle aus der Umwelt beschränkt. Aus entsprechenden Forschungen ist ableitbar, dass der maximale Informationsfluss einer bewussten Sinneswahrnehmung bei 40 bit/sek. liegt, also viele Größenordnungen unter dem, was die Sinnesrezeptoren aufnehmen. Unsere Wahrnehmung beschränkt sich demnach auf einen geradezu winzigen Ausschnitt der aufgenommenen Sinnesdaten. Schon Leibniz erkannte, dass die bewusste Wahrnehmung aus einer beschränkten Auswahl von EindrĂĽcken auf dem Hintergrund eines Meeres unbewusster Perzeptionen ist. Ein erstaunlicher Filterungs- und Beschränkungsprozess findet statt, um das enorme Potential an bewussten Wahrnehmungen auf die kulturell gelernten Modi von Erfahrung zu beschränken. Gemäß Leary et al. gebraucht der Erwachsene ungefähr 5000 Konzepte um die Erfahrung seiner inneren und äuĂźeren Welt zu strukturieren. Halluzinogene Drogen scheinen mit diesem Reduktionsmechanismus zu interferieren bzw. diesem entgegenzuwirken, so dass ein unmittelbares Erleben und Wahrnehmen, jenseits der Limitierungen  gelernter kultureller Programme (insbesondere der erlernten Modi der Raum-Zeit-Verbalisations-Identität) möglich wird. Dies bedeutet ein Freiwerden von den Beschränkungen gelernter adaptiver, ĂĽberlebenssichernder Wahrnehmungsmechanismen (die allerdings verfĂĽgbar bleiben, wenn sie situativ erforderlich sind), impliziert aber auch mögliche Gefahren durch unrealistisches Verhalten.

Die Veränderungen der Affektivität und Emotionalität
Sie bilden ein ebenso regelmäßig auftretendes wie für das Verständnis des Rauschablaufes grundlegend wichtiges Phänomen. Grundsätzlich kommt es unter der Wirkung von LSD zu einer (dosisabhängig) ausgeprägten Aktivierung der Affektivität (Leuner 1962), die eine Grundlage für viele der darauf aufbauenden Erlebnisveränderungen abgibt. In erster Linie sind hier die Stimmungsveränderungen zu nennen. Die Stimmungslage kann alle gehobenen und gedrücktem Stadien und diese jeweils noch unter besonderer affektiver Tönung durchlaufen. So findet man auf der positiven Seite von flach-läppischer Euphorie über ruhig-beschaulicher Heiterkeit bis zu tief beglückenden, in ernsthafter Seligkeit empfundenen mystischen Erlebnissen alle möglichen Übergänge. Auf der negativen Seite kann es von leichter subdepressiver Verhaltenheit über dysphorisch-missmutige oder grüblerisch-hilflose Gedrücktheit zu tiefen, den endogenen Bildern ähnlichen Depressionen mit dem Gefühl völliger Verlorenheit, Ausweglosigkeit und innerer Entleerung kommen. Der Stimmungsverlauf ist sehr von individuellen Gegebenheiten anhängig und auch bei ein und demselben Individuum keineswegs voraussehbar.
Auf der Grundlage der jeweiligen Stimmungsfärbung laufen auch alle anderen Affektspezifizierungen ab, wie Angst, Schreck, Wut, Hass, Ärger, Ekel, Abneigung oder Freude, Sehnsucht, Erhabenheit, Wehrmut, Wollust, Zufriedenheit, Dankbarkeit usw. Insgesamt steht das gesamte Rauscherleben unter dem Einfluß einer starken emotionalen Eigensteuerung. Von ihr erhält auch das oft im Mittelpunkt stehende visionär-halluzinatorische Erleben seine für den Außenstehenden so schwer einfühlsamen Bedeutungsinhalte und spezifischen Erlebnisqualitäten.

Veränderungen des Bewusstseins und der Ich-Funktionen
Die Bewusstseinslage zeigt Besonderheiten, die durch eine bloße Beurteilung nach dem seit Bonhoeffer (19 für die akuten exogenen psychischen Reaktionstypen gültigen Leitsymptom der „Bewusstseinstrübung“ nicht erfasst werden. Die Bewusstseinslage entspricht formal weniger einer „Trübung“ als einer „Überwachheit“ (Hypervigilanz). Vielfach aber ist keinerlei skalare Änderung der Wachheits- oder Helligkeitsgrade zu konstatieren, trotz gleichzeitig intensiv ablaufender Halluzinose und enormer innerer Erlebnisfülle.
Conrad (1960) hat, von den Vorstellungen der Gestaltpsychologie ausgehend, fĂĽr diese besondere Qualität der Bewusstseinslage den Begriff des „protopathischen Gestaltwandels“ des Erlebnisfeldes geprägt. Im Gegensatz zum normalen „epikritischen“ Bewusstsein kommt es hierbei zu einer „Auflösung des ErlebnisgefĂĽges unter Freisetzung von Gestaltqualitäten“, wie z. B. auch beim Traum und mit diesem Material vollzieht sich ein neuer „integraler Gestaltprozess“ auf anderer Ebene.  
Eine markante Eigentümlichkeit der durch LSD erzeugten Rauschzustände ist die Erhaltung einer kritischen Instanz mit Fähigkeit zur nüchternen Orientierung und Selbstkontrolle („reflektierender Ich-Rest“ nach Leuner 1962), während das, was man als „erlebendes Ich“ bezeichnen könnte, gleichzeitig Subjekt oder gar Objekt der turbulenten halluzinatorisch-emotionalen Abläufe darstellt. Jener Ich-Rest als Kontrollinstanz geht meist erst bei hohen Dosen verloren. Dann kann es unter dem Gefühl der „Ich-Auflösung“ - je nach vorherrschender Affektlage - zu beseligenden Hingabe- und Verschmelzungserlebnissen oder aber zu psychotischen Angst- und Verlorenheitsgefühlen kommen.

Die Hypermnesien
Schon in der frühen Erforschung von Meskalin und LSD wurde man auf ausgeprägte und teils extrem realistische Rückerinnerungen an Erlebnisse aus Kindheit und Jugend sowie auch späteren Lebensabschnitten aufmerksam. Diese Erinnerungen haben meist eine recht komplexe Gestalt und können vor dem „inneren Auge“ ganze Szenen aus der Vergangenheit in nahezu realistischer Weise wiederaufleben lassen. Zumeist sind diese Erinnerungen auch mit dem Wiedererleben der zur betreffenden Zeit erlebten Gefühlsregungen verbunden. Dieses Phänomen der nahezu realistischen Rückerinnerung ist aus der Hypnose bekannt und wird als Hypermnesie bezeichnet.

3. Psychotoxisches Basissyndrom und Empirie der Verlaufsformen
Durch die präzise Beobachtung von systematischen - zum Teil als Sitzungsserien gestalteten - LSD-Versuchen erlangte der Psychiater Hanscarl Leuner die empirischen Grundlagen für das grundlegende Modell der LSD-induzierten Zustände in seiner Monographie "Die experimentelle Psychose" (1962). Sein streng wissenschaftliches Modell sollte demonstrieren, dass diese Erfahrungen eigene Strukturen und Gesetzmäßigkeiten haben, die mit akzeptierten psychopathologischen Theorien konzeptualisiert und durch ausgebildete Ärzte therapeutisch genutzt werden können.
Zentral für die Charakterisierung von den Rauschzuständen wie sie durch Halluzinogene I. Ordnung (6) hervorgerufen werden, ist nach Leuner das "psychotoxische Basissyndrom", welches die grundlegenden psychopathologischen Merkmale der LSD-Reaktion charakterisiert:
1. Funktionale Regression des psychischen Funktionierens auf frĂĽhere ontogenetische Stufen.
2. Veränderungen des Bewusstseins vom normalen Wachbewusstsein zum "protopathischen Bewusstsein" (Conrad), welches eine stärkere Beteiligung von Emotionen und Gestaltqualitäten bei der Determination von Wahrnehmungen und Bewusstseinsinhalten bedingt.
3. Verstärkung der inneren Reizproduktion, insbesondere sensorische Alterationen, Synästhesien und eine unspezifische affektive Stimulation.
Eine weitere Entdeckung Leuners war die empirische Aufweisung von zwei unterschiedlichen Formen, in denen die Reaktion auf LSD verlaufen kann:

1. Die kontinuierlich-szenische Verlaufsform
Charakteristisch für das szenische Erleben ist die unaufhörliche Erfüllung des Bewusstseins mit optischen, aber auch Inhalten anderer Sinnesgebiete, simultan oder sukzessiv, in Form von Trugwahrnehmungen, die sich in zusammenhängenden Vollzügen – gelegentlich wie die Szenen eines Filmes – entwickeln. Optische Phänomene, Illusionen und Pseudohalluzinationen wie auch Synästhesien werden in der Regel farbig, sowohl bei geschlossenen als auch geöffneten Augen, erlebt. In einem Teil der Fälle werden die halluzinierten Objekte aus kühler, nüchterner Distanz ohne affektive Anteilnahme, wie „ich-fern“ und fremd erlebt. Andererseits kann das Rauscherleben aber auch jene Dimension übersteigerter gefühlsmäßiger und affektiver Beteiligung an den szenischen Inhalten besitzen. Dann ist der Sinnestrug ein ganzheitliches Ergriffensein der Person.
Ein Beispiel aus einem Sitzungsprotokoll mag das verdeutlichen: „Eine plötzliche Kampfreaktion meiner Muskeln läßt mich auffahren. Da sehe ich auch den Gegner: ein kräftiger, blonder Riese. Wir ringen gewaltig miteinander hin und her auf einer Waldklippe. Ich gewinne einen Vorteil. Da verwandelt sich der Riese in den Teufel. Ein schwarzes, glattes, großmächtiges Ungetüm mit Hörnern, Schweif und Klauen. Er kann auch fliegen. Unentschiedener Kampf. Als es schließlich von oben herabstößt und mir zu nahe kommt, stopfe ich ihm die Bibel ins Maul. Es gibt eine Explosion mit bläulicher Flamme. Es hat den Teufel zerrissen“ (2).
In ihrer vollen Ausprägung hat die szenische, quasi-normale Verlaufsform insofern ganzheitlichen Charakter, als – abgesehen von der gestalthaften Gliederung des Erlebens – die Wahrnehmungen des Sinnestruges in den zugehörigen Emotionen voll eingebettet sind. Zugleich besitzt das Erlebnisgesamt eine kontinuierliche Aufeinanderfolge und regt die Person zu sinngemäßen Reflexionen und Reaktionen an.

2. die stagnierend-fragmentarische Verlaufsform
Drei Grundphänomene, die sich von der kontinuierlich-szenischen Form abheben, charakterisieren die stagnierend-fragmentarische Verlaufsform:
a. Stagnierendes quasi-normales Erleben, das zwischen kontinuierlich-szenischer und stagnierend-fragmentarischer Verlaufsform steht.
Die Erlebnisweise ist dadurch gekennzeichnet, dass einerseits ZĂĽge des szenischen Ablaufes, etwa die Koordination des halluzinierten Inhaltes mit der Affektivität gewahrt bleiben, während andererseits an Stelle des fluktuierenden Auseinanderhervorgehens der Inhalte eine Stagnation deutlich ist. Ăśber längere Zeiträume kann die  Person immer wieder von den gleichen halluzinatorischen Inhalten okkupiert sein. Der Fluss des Sinneserleben scheint „festgefahren“, ein Zustand, der oft als quälend erlebt wird und fast immer mit affektiver Erregung und psychomotorischer Unruhe verbunden ist.
b. Auftauchen und Verschwinden bruchstĂĽckhaft nebeneinanderstehender Trugwahrnehmungen.
Kennzeichnend ist eine Sprunghaftigkeit und Abgehacktheit innerer Erlebnisabläufe, äquivalent etwa der schizophrenen Zerfahrenheit. Die Trugwahrnehmungen gestalten sich teils als Einzelelemente ganzheitlicher Gegenstände, teils als Bruchstücke von Gegenständen oder menschlich-tierischer Gestalten. Wie elementenhafte Einzelteile stehen sie beziehungslos nebeneinander oder folgen Teil für Teil hintereinander.
c. Stagnierende Dissoziation der Bewusstseinsinhalte.
Es handelt sich vorwiegend um das Auseinanderfallen von Inhalt und Affektivität im Sinne eines inadäquaten Affektes. Häufig kommt es zu Einsprengungen gegenstands- und inhaltsloser Emotionen in das Erleben kommen. Charakteristisch ist das Fehlen einer verstehbaren Sinnbezogenheit zwischen Affekt und den voraufgehenden oder nachträglichen Trugwahrnehmungsinhalten. Es liegen also keine dem gesunden Erleben zugrunde liegenden Gefühlsassoziationen vor. So kann etwa ein zunächst noch geordnet ablaufendes Erleben plötzlich durch unmotiviert einbrechende Affekte oder abnormes Verhalten unterbrochen werden (Dissoziationsphänomen).
Zur Verdeutlichung der stagnierend-fragmentarischen Verlaufsform sei hier ein Beispielhafter Abschnitt aus einem Sitzungsprotokoll angeführt: „ … Plötzlich steht eine Axt in der Luft. Das Bild klingt ab, und langsam kommt aus den unteren Teil des Gesichtsfeldes ein häßliches Frauengesicht empor. … Ein Stück Stahl mit seitlichen Zacken, fast in Form eines Kammes, taucht auf, ein Tau ist herumgewickelt, dann erscheint in der Luft schwebend der Kopf eines Tigers, der sich drohend gegen die erschreckte Versuchsperson wendet. Die Erscheinung hält nur wenige Sekunden an. Die Bildfläche wird nun erfüllt von einer großen Zahl von Würfeln, die sich stereotyp zu einem Rastermuster ordnen. In helle Farben getaucht, weicht das Muster allmähliche, und in der Luft erscheint ein nicht zu definierendes blitzendes Etwas, das sich langsam als ein verpacktes Stück Palmolive-Seife erkennen läßt. Die milde grüne Farbe breitet sich über die ganze Wand aus und erinnert die Versuchsperson an Weihnachten“ (2).

Die Bedeutung dieser Charakterisierung von typischen Verlaufsformen des LSD-Rausches liegt darin, dass die Art der Verlaufsform hauptsächlich eine Funktion der Dosis der Substanz ist; vorausgesetzt, das Setting ist sicher. Das heißt, die grundsätzliche Verlaufsform der Erfahrung kann durch eine individuell angepasste Dosierung kontrolliert werden.

4. Stufen psychedelischen Erlebens
In Ihrem umfassenden Werk über die „Varieties of Psychedelic Experience“, welches auf der Beobachtung von hunderten Versuchspersonen unter dem Einfluss von LSD und Meskalin beruht, stellten Masters und Houston eine Typologie der Stufen des Erlebens unter den genannten Halluzinogenen in vier Kategorien vor. Diese vier werden von ihnen als 1. sensorische; 2. erinnernd-analytische; 3. symbolische und 4. integrale Erlebnisstufen bezeichnet.

1. Die sensorische Stufe ist charakterisiert durch eine Vielfalt sensorischer Erscheinungen, manche davon außergewöhnlich im Vergleich mit der normalen Alltagswahrnehmung. So können die Sinneseindrücke intensiviert und schärfer wahrgenommen, Gegenstände der Außenwelt im Sinne von Illusionen halluzinatorisch umgebildet oder Trugwahrnehmungen vor dem “inneren Auge“ erlebt werden. Bei letzteren herrschen - auf dieser Erlebnisstufe - einfache eidetische Phänomene wie Nachbilder, geometrische Muster, Blitze u.a. vor. Auch die räumlichen Beziehungen von Gegenständen können verändert erscheinen; Dinge subjektiv größer oder kleiner erlebt werden. Zudem kann das subjektive Zeiterleben im Sinne einer Beschleunigung oder Verlangsamung stark verändert sein. Auch Synästhesien sind auf dieser Erlebnisstufe häufig. Oft scheint es zu einer Art „Dekonditionierung“ des Wahrnehmungsapparates zu kommen, so dass die Sinneseindrücke losgelöst von den normalen Wahrnehmungsmustern, Ängsten und assoziierten Kontexten erlebt werden. Typischerweise haben die Erlebnisse auf dieser Stufe keine kontinuierliche Aufeinanderfolge, sondern gleichen eher einer Dia-Schau als einem Film. Auch sind sie kaum mit persönlichen oder überpersönlichen Aspekten der Person verbunden, sondern eher im Sinne ästhetischer Vorstellungen präsent.

2. Die Bezeichnung erinnernd-analytische Erlebnisstufe leitet sich von der Tatsache her, dass die Person sich von der Außenwelt ab- und der Innenwelt zuwendet. Auf dieser Erlebnisstufe steigen diverse Erinnerungen auf und es werden häufig Inhalte erlebt, die dem Bewusstsein normalerweise nicht zugänglich ist. Lange vergessene oder verdrängte Ereignisse können wieder auftauchen und mit großem Realismus wiedererlebt werden. Altersregressionen, während derer sich die Person emotional und intellektuell in ein früheres Lebensalter zurückversetzt fühlt, sind ein häufiges Vorkommnis. Die zugehörigen Assoziationen können freier und produktiver sein, ihre Geschwindigkeit erhöht und ihr Radius erweitert sein. Es gibt dabei eine regelrechte „Tendenz zum Studium seiner selbst“, seiner Vergangenheit, seiner Probleme und seiner Potentiale/Möglichkeiten; ähnlich wie sie aus der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie bekannt sind. Ähnlich wie dort kann es zu teils heftigen Abreaktionen kommen.

3. Auf der symbolischen Erlebnisstufe, die tiefer als die zweite Erlebnisstufe reicht und die zumeist ein Durchlaufen der ersten und zweiten Stufe voraussetzt, entwickelt sich eine Bewegung der Betrachtung/des Erlebens weg vom individuell-partikularen, hin zu einem personal-universalen – in Richtung auf einen Verbreiterung des Kontextes und universaler erscheinender Formulierungen. Eidetische Trugwahrnehmungen stehen dann im Mittelpunkt des subjektiven Erlebens. Die erlebten symbolischen Erscheinungen können vorwiegend historisch, legendär, mythisch oder archetypisch ein. Jemand kann sich darin als in der Kontinuität eines Zeit und Raum übergreifenden evolutionären Prozesses empfinden. In der Entfaltung des inneren Erlebens mag der Betreffende sich als Zeuge einer reichen Bilderschau des Beginns und folgenden Weiterentwicklung des Lebens auf diesem Planeten wahrnehmen. Simultan kann von Erlebenden sein Körper als eine Reihe von entsprechenden Gestaltwandlungen („Metamorphosen“) durchlebend wahrgenommen werden.
Es entfaltet sich auf dieser Erlebnisstufe ein reicher Symbolismus, in welchem das das persönliche Leben und seine Inhalte in einer Art mythenbildenden Prozeß in mehr oder weniger universellen Symbolkonfigurationen widergespiegelt, erlebt wird. So kann sich jemand mit einer symbolischen Figur wie Prometheus, Parsival, Ödipus oder Faust identifizieren und sich an deren symbolischen Drama partizipierend erleben. Typischerweise wird die subjektive Teilhabe an diesen Erlebnissen ausgesprochen ganzheitlich erlebt mit Einbeziehung von Affekten, Gedanken, Sinneswahrnehmungen und Bewegungsabläufen als integralen Bestandteilen.

4. Die integrale Erlebnisstufe, auf welcher die Person eine Art subjektiven „Aufstieg“ in eine neue Wahrnehmungsebene empfindet, wird zumeist nach durchlaufen der vorhergehenden Erlebnisstufen von einer nur kleinen Zahl von Personen erreicht. Bei den Erlebnissen dieser Stufe handelt es sich vorwiegend um sehr intensive so genannte religiöse und mystische Erfahrungen. Die emotionale Ladung dieser Erlebnisse ist ausgesprochen hoch, obwohl sich das Erleben meist in einem Zustand subjektiver Ruhe vollzieht. Der Betreffende nimmt auf intensivste Weise die Gewissheit wahr, sich auf der tiefsten erfahrbaren Ebene menschlichen Erlebens zu bewegen, verstanden als Essenz, existenzieller Urgrund, oder gar Gott. Erlebnisse dieser Art können ausgeprägte positive Veränderungen der Persönlichkeit, ihrer Wertehierarchie und Lebensführung zur Folge haben.
 
5. Halluzinogenwirkung und subjektiver Perspektivenwandel
Zur Beschreibung des typischen subjektiven Erlebniswandels während einer psychedelischen Erfahrung unter Halluzinogenwirkung soll hier ein Textfragment des amerikanischen Beat-Poeten  Allen Ginsberg dienen, der in exemplarischer Weise Veränderungen der subjektiven Erlebnisperspektive beschreibt.

Interviewer: Wie oft haben sie LSD genommen?
Allen Ginsberg: Nicht oft. Zehn oder fĂĽnfzehn Mal.
Interviewer: Würden sie uns beschreiben wie ein LSD-Trip für sie ist – oder ist es größtenteils unbeschreiblich wie manche behaupten?
Allen Ginsberg: LSD-Wahrnehmungen sind nicht unbeschreiblich. … LSD ist wirklich wie andere natürliche Erfahrungen. Wie fühlt sich also ein Trip an? Zunächst überkommt deinen Körper ein kribbelndes Empfinden, eine Veränderung der planetarischen Natur deiner Säugetier-Augäpfel und Gehörsöffnungen. Dann kommt plötzlich die Realisation, das du ein Geist bist, der einen großen tierischen Körper bewohnt, welcher gigantische Öffnungen, Löcher, Kreislaufsysteme, innere Kanäle und mysteriöse rückwärtige Verbindungsgänge des Geistes enthält. Alle diese Verbindungsgänge können dann für eine lange Zeit erforscht werden, wie als wenn man zurück in Kindheitserinnerungen oder auch vorwärts in die Zukunft geht; sich alle möglichen Arten von Veränderungen im Körper vorstellt, im Geiste oder in der äußeren Welt, imaginäre Universen ersinnt oder solche erinnert, die einst existierten, wie etwa in Ägypten.
Dann realisierst du, dass all dies in deinem Geist gleichzeitig existiert. Ganz allmählich entsteht in dir das mysteriöse Empfinden, dass, wenn alle diese Geschichten und Universen in deinem Geiste simultan existieren, was ist dann mit der Realität in der du „wirklich“ bist, oder denkst du bist? Existiert dies auch nur in deinem Geist? Dann kommt die Realisation, das es tatsächlich nur in deinem Geist existiert; der Geist kreierte es. Dann beginnst du dich zu wundern: Wer ist dieser Geist? Auf dem Höhepunkt der LSD-Erfahrung ist dein Geist derselbe Geist, der schon immer existierte, in allen Menschen, zu allen Zeiten, an allen Orten: Das ist der große Geist – der große Geist, den der Mensch Gott nennt. Dann kommt eine faszinierende Vermutung auf: Ist dies nun der Geist, den sie Gott nennen oder der, den sie den Teufel nennen? An diesem Punkt kann ein Horrortrip beginnen – wenn du entscheidest, dass es ein dämonischer Schöpfer ist. Du hängst dich dann daran auf, ob er existieren sollte oder nicht.
Um von dieser Gedankenlinie wieder runterzukommen, könntest du deine Augen öffnen und sehen, dass du auf einem Sofa im Wohnzimmer mit blĂĽhenden grĂĽnen Pflanzen auf dem Kaminsims sitzt. DrauĂźen bewegt der Wind die groĂźen Bäume; da bewegt sich ein riesiges Wesen durch die StraĂźe in all seinen Formen – Menschen gehen unter windbewegten Bäumen – alle in einem Rhythmus. Und je mehr du diese synchronen, animalischen, empfindenden Details um dich beobachtest, desto mehr realisierst du das alles belebt ist. Du wirst gewahr, dass dort eine Pflanze mit gigantischen zellulären Blättern ĂĽber dem Feuerplatz hängt, wie eine riesige unbemerkte Kreatur, und dann fĂĽhlst du vielleicht plötzlich einen sympathische und intime Beziehung mit dem armen groĂźen Blatt und wunderst dich: Welche Art von Erfahrung des sich Biegens und  Herunterfallens ĂĽber den Feuerplatz hat dieser blĂĽhende Stiel in den letzten Wochen gehabt? Und du realisierst das alles Lebendige auf seiner eigenen Ebene eine solche Enormität von Existenz fĂĽr sich ausmacht, wie auch deine Existenz dir erscheint. Plötzlich wirst du sympathisch damit und fĂĽhlst die liebende brĂĽderlich-schwesterliche Beziehung zwischen allen diesen Selbsten. Und komischerweise erscheint deine eigene Erfahrung des Lebens nicht mehr oder weniger absurd oder eigenartig als die Erfahrung des Lebens einer Pflanze; du realisierst, dass du und die Pflanze hier zusammen seid in dieser eigenartigen Existenz, wo die Bäume im Sonnenlicht blĂĽhen und sich zum Himmel strecken. Â…
Somit besteht die Erweiterung des Bewusstseins auf LSD in dem Gewahrwerden dessen, was in deinem Kopf-Universum passiert – alle diese Gänge, welche in Träume, Erinnerungen, Phantasien führen – und auch dessen, was außerhalb von dir geschieht. Wenn du aber tief genug nach innen gehst, könntest du dich am Ende mit dem finalen Problem konfrontiert sehen: Ist das alles nur ein Traum? Die große antike Frage: Was ist die Existenz, in der wir uns befinden? Wer sind wir? Dann kann das kommen, was Timothy Leary die „Erfahrung des klaren Lichts“ nennt oder, wie sie in Südamerika sagen, „der Blick in die Augen der verschleierten Dame“ – schauen, um zu sehen wer sie ist, all dies tun oder sein. … Dies ist der Teil der LSD-Erfahrung der vermutlich unbeschreiblich ist und ich bin nicht sicher, ob ich die passende Erfahrung hatte, um sie beschreiben zu können.
Letztlich erweist sich alles als ein großes bewusstes Selbst, dessen Organe in jedem lebenden Wesen verschieden sind, so dass dieses Selbst auf jede möglich Weise zugleich empfängt und wahrnimmt, schneller als es Worte zu fassen vermögen. Doch da ist auch der Eindruck, dass das ganze Universum ein Happening ist … “ (5) (Übersetzung T.P.).

6. Schluss
Die vorstehenden Versuche der Beschreibung und Konzeptualisierung der komplexen psychischen Wirkungen der Halluzinogene machen deutlich, dass zu der Komplexität der Beeinflussung der Halluzinogenwirkung durch extrapharmakologische Variablen (Abb. 1) eine enorme Variabilität des subjektiven Rauscherlebens tritt. Dazu kommt, dass, aufgrund der sich großenteils jenseits jeder Verbalisierbarkeit vollziehenden Erlebnisse, jede Beschreibung nur einzelne Aspekte des veränderten Erlebens fassen kann. Trotzdem zeigen die geleisteten Beschreibungen bzw. Konzeptualisierungen, dass eine sinnvolle Näherung an wesentliche Strukturen des veränderten Erlebens möglich ist und in die Vielfalt der Erscheinungen eine gewisse Systematik gebracht werden kann. Allerdings können die verschiedenen Dimensionen der durch Halluzinogene I. Ordnung hervorgerufenen Erscheinungen nur durch eine konvergente Zusammenführung der existierenden Ansätze, bis hin zu exemplarischen subjektiven Beschreibungen, wirklich ausgeleuchtet werden.

7. Literatur
1. Vollenweider FX. Brain mechanisms of hallucinogens and entactogens.   Dialogues in Clinical Neuroscience 3 (2001): 265-279

2. Leuner H. Die experimentelle Psychose. Berlin, Göttingen, Heidelberg: Springer 1962

3. Masters REL, Houston J. The Varieties of Psychedelic Experience. New York: Holt 1966

4. Grof S. Topographie des UnbewuĂźten. Stuttgart: Klett-Cotta 1978.

5. Ginsberg A. Spontaneous Mind: Selected Interviews 1958 -1996. New York: Harper Collins 2001, p. 163-165.

6. Leuner H. Halluzinogene. Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie. Bern/Stuttgart/Wien: Huber 1981.