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Psychedelische Heilung

von PD Dr. Torsten Passie und Prof. Dr. Susan Blackmore

Dieses Interview erschien 2006 in der weitverbreiteten Wissenschaftszeitung New Scientist und wird hier ├╝bersetzt und mit originalem Begleittext wiedergegeben.

Torsten Passie ist einer der wenigen Wissenschaftler weltwelt, der sich nicht scheut ├╝ber die positiven Wirkungen halluzinogener Drogen zu arbeiten. Er hat eine Erlaubnis f├╝r die Forschung mit Substanzen wie Cannabis, Ketamine und Psilocybin und arbeitet ├╝ber ver├Ąnderte Bewu├čtseinszust├Ąnde, visuelle Illusionsen und Syn├Ąsthesien. Er hat diese machtvollen Substanzen nicht nur in seiner eigenen Arbeit benutzt, sondern hat auch als Versuchsperson bei Experimenten von Kollegen teilgenommen.
Seine Forschung besch├Ąftgit sich zentral mit den entwicklungsf├Ârderenden und therapeutischen Wirkungen dieser st├Ąrksten geistver├Ąndernden Drogen, die der Wissenschaft bekannt sind: den Halluzinogenen oder auch Psychedelika (w├Ârtlich: den Geist offenbarende Substanzen) und den so genannten Entaktogenen (Substanzen, die das Gef├╝hlsleben tiefgehend beeinflussen). Dieserart Substanzen k├Ânnen den Geist ┬änach au├čen kehren┬ô, die Grenzen zwischen Dir selbst und der Welt aufl├Âsen und alles in Frage stellen. Ein LSD-Trip kann ein schreckenserregender Wirbelwind horrorartiger Halluzinationen, eine vergn├╝gliche Reise oder gar eine mystische Erfahrung sein.
Doch w├Ąhrend die Gefahren von Halluzinogenen sehr gut bekannt sind, macht es das Stigma ihrer Illegalit├Ąt fast unm├Âglich, ihr positives Potential zu diskutieren, geschweige denn zu beforschen. K├Ânnten diese Substanzen f├╝r sterbende Menschen, f├╝r depressive und anders psychisch Kranke hilfreich sein? Wenn ja, so sollten wir sie vielleicht eher behandeln wie schnelle Autos oder gef├Ąhrliche Sportarten - d.h. akzeptabel, wenn man vorsichtig damit umgeht ┬ľ anstatt sie zu verbannen und sie in den Untergrund abzudr├Ąngen.
Susan Blackmore hat diesen ungew├Âhnlichen Forscher im Jahre 2006 bei einer Gelegenheit getroffen, die kaum passender h├Ątte sein k├Ânnen: Eine wissenschaftliche Konferenz in Basel, die den hundertsten Geburtstag von Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, w├╝rdigte.

Profile
Torsten Passie ist Privatdozent f├╝r Bewusstseinstudien an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er hat ausf├╝hrliche Forschungsarbeit im Bereich von halluzinogenen Substanzen, ver├Ąnderten Bewusstseinszust├Ąnden und schamanistischen Heilpraktiken in Psychotherapie und Heilung betrieben.

Susan Blackmore war Professorin an der Oxford University (England) und arbeitete wissenschaftlich an diversen Universit├Ąten weltweit, vorwiegend an Themen wie Bewu├čtsein und Bewu├čtseinszust├Ąnde, au├čerk├Ârperliche Erfahrungen und auch paranormalen Ph├Ąnomenen. Sie publizierte mehr als 100 wissenschaftliche Arbeiten und diverse B├╝cher. Aktuell arbeitet sie als freie Journalistin. Ihr letztes Buch erschien 2007 im Suhrkamp Verlag unter dem Titel ┬äGespr├Ąche ├╝ber das Bewu├čtsein┬ô.


Warum sind sie bereit ihre Reputation aufs Spiel zu setzen, um mit halluzinogenen Substanzen zu arbeiten?

Ich habe lange mit ver├Ąnderten Bewusstseinszust├Ąnden und ├╝ber ihre philosophischen Implikationen gearbeitet, aber ich bin auch interessiert an der gezielten zeitbegrenzten Induktion stark ver├Ąnderter Bewu├čtseinszust├Ąnde. Ich m├Âchte diese Zust├Ąnde erkunden und wissenschftliche Experiment emit ihnen anstellen, insbesondere auch mit den durch halluzinogene Substanzen erzeugten Zust├Ąnden.

Ist es nicht fast unm├Âglich Forschungsgelder und Genehmigungen f├╝r die Forschung mit diesen Substanzen zu bekommen?

Genehmigungen sind nicht wirklich ein Problem. Ich habe bzw. hatte Genehmigungen um mit Cannabis, Ketamin und Psilocybin zu arbeiten und es war kein gro├čes Problem diese zu erlangen. Doch es ist zu bedenken, da├č ich mich seit mehr als 20 Jahren in dem Gebiet kundig gemacht habe und von daher praktisch die gesamte sehr umfangreiche Literatur dazu kenne. Der Chef meiner Abteilung an der Hochschule hat schon lange vorher mit Cannabis gearbeitet. Er hatte anfangs Probleme mit der Ethikkommission der Hochschule, aber nachdem diese ├╝berwunden waren, bekamen wir alle notwendigen Erlaubnisse. Wenn man wirklich wei├č, was man tut, geben sie einem auch die Erlaubnis. Forschungsgelder zu bekommen ist allerdings praktisch aussichtslos.

Warum machen sie diese Arbeit?

Mein pers├Ânliches Interesse reicht lange zur├╝ck, wurde aber sehr best├Ąrkt durch Jahre, die ich mit Professor Hanscarl Leuner aus G├Âttingen zusammenarbeiten konnte. Dieser hatte schon als Pionier der LSD-Forschung in den 60er Jahren gearbeitet und gilt als einer der Begr├╝nder der mit Halluzinogenen unterst├╝tzten Psychotherapie (┬äPsycholytische Therapie┬ô). Er hat deren Anwendung bis zu seinem Tode sowohl wissenschaftlich als auch praktisch sehr gef├Ârdert. Meine Absicht ist es, diese Tradition fortzusetzen und das therapeutische Potential dieser Substanzen bzw. Bweusstseinszust├Ąnde wieder zur Geltung zu bringen.

F├╝r welche Art von Patienten k├Ânnen diese Substanzen hilfreich sein?

Erstaunlicherweise k├Ânnen nahezu alle Arten von Patienten mit neurotischen und psychosomatischen Erkrankungen von einer solchen Behandlung profitieren; wie die 300 bis 400 Studien, die zwischen 1950 und 1970 durchgef├╝hrt wurden, zeigen konnten. Besonders geeignet sind Patienten mit Angstneurosen, depressiven Neurosen und posttraumatischen Belastungsst├Ârungen.

Auf welche Weise k├Ânnen diese Substanzen heilend wirken?

Es scheint, dass Entaktogenen wie etwa MDMA Menschen detraumatisieren und von den Erfahrungen bzw. Erinnerungen befreien k├Ânnen, die in ihnen Zust├Ąnde von gro├čen Spannungen und inneren Reibungen verursacht haben. Um das zu erreichen  mu├č man zuerst eine tragf├Ąhige und vertrauensvolle therapeutische Beziehung herstellen, so da├č der Patient sich innerlich sicher f├╝hlt, um an einer solchen vertieften Selbsterfahrung bzw. Heilung teilhaben zu k├Ânnen. Au├čerdem ben├Âtigt man selbstverst├Ąndlich auch einen sicheren ├Ąu├čeren Rahmen, in dem die psycholytische Sitzung stattfinden kann. Bei entsprechenden Anwendungen wurde gefunden, da├č diese alternativen Wege sich selbst, die anderen und die Welt zu erfahren sehr produktive sein k├Ânnen und das bef├Ârdern k├Ânnen, was man am ehesten als Selbstheilungsprozesse verstehen kann.
Die Betreffenden k├Ânnen ihre Erinnerungen in einem Zustand wiedererleben, der nicht durch angstvolle Vorerwartungen und starke innere Abwehr dominiert ist, sondern sie k├Ânne sich in den durch die Entaktogene erzeugten weitgehend ent├Ąngstigten Zustand sich diesen Erlebnissen unbefangen und aufgeschlossen n├Ąhern und sich wieder wirklich f├╝r ihre Gef├╝hle und Mitmenschen ├Âffnen. Es scheint fast so, als w├╝rden sich diese Heilungsprozesse unter der Wirkung der Substanze ┬ôwie von selbst┬ô ereignen, um eine Selbstheilung der Psyche zu bef├Ârdern. Sie k├Ânnen quasi sehen und f├╝hlen, da├č es zwar neues Vertrauen erfordert, aber doch letztlich sicher ist sich wieder f├╝r sich und die Mitmenschen zu ├Âffnen und das es sch├Ân ist. Danach gehen sie oftmals nicht wieder in die Verschlossenheit zur├╝ck, sondern bleiben ge├Âffneter, so dass sie in der Folgezeit erheblich effektiver therapeutisch an sich arbeiten k├Ânnen.

Sie meinen also, da├č, wenn man eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung, einen geeigneten sicheren Rahmen und die Substanz zur Verf├╝gung stellt, die Patienten sich in den ablaufenden inneren Prozessen selber heilen?

Das scheint mir so zu sein. Es aktiviert ihre Selbsheilungskr├Ąfte. Dies kann manchem Therapeuten suspekt erscheinen, weil es sie ├╝berfl├╝ssig machen k├Ânnte. Das ist etwas, was nicht soviele Leute realisieren: Das gew├Âhnlich der Therapeut schon versucht jemanden zu beeinflussen und das dies bei dieser Art von Therapie weniger notwendig zu sein scheint. Man mu├č nur den entsprechenden inneren und ├Ąu├čeren Rahmen bereitstellen und dann l├Ąuft der heilende Prozess weitgehend selbst├Ąndig ab; in der Regel mit gro├čem Potential (und praktisch gefahrlos) f├╝r die meisten Patienten.
Die fr├╝hen Forscher und Therapeuten fanden heraus, dass man ein solche Therapie am besten in gemischten Gruppen, d.h. mit Patienten unterschiedlicher Diagnosen, durchf├╝hrt. In einer wissenschaftlich gestalteten Studie ist es dagegen erforderlich eine einheitliche Diagnose bei allen Patienten zu haben; doch das ist therapeutisch sicher kontraproduktiv. Von daher stecken wir bei der Erforschung dieser Therapiemethode derzeit in einem Dilemma, f├╝r das bisher noch keine L├Âsung gefunden wurde.
Konkret w├╝rden wir den Patienten zuerst ein Entaktogen wie MDMA geben, da dessen Wirkungen einfacher zu handhaben sind als die von LSD, welches wir bei geeigneten F├Ąllen erst sp├Ąter in der Behandlung verabreichen w├╝rden.

Sind sie auch daran interessiert, wie gesunde Menschen solche Substanzen in ihrer Freizeit gebrauchen?

Das bin ich, da wir von diesen Leuten lernen k├Ânnen wie man diese Stoffe mi├čbrauchen, aber auch zu seinen Nutzen verwenden kann. Zu der Zeit als ich mit Hanscarl Leuner gearbeitet habe, hatte dieser eine Erlaubnis haupts├Ąchlich f├╝r die Behandlung besonders schwerer, so genannter therapieresistenter F├Ąlle von schweren chronischen neurotisch gest├Ârten Menschen. Das hatte auch mit der das LSD umgebenden Panik und ├ängstlichkeit seitens der ├ľffentlichkeit zu tun. Wir fanden, dass diese Patienten fraglos von einer Behandlung mit Halluzinogenen profitieren k├Ânnen, aber wir fanden auch, dass je ges├╝nder die Patienten sind, desto mehr k├Ânnen sie profitieren. Das liegt daran, da├č ges├╝ndere eine gr├Â├čere Kapazit├Ąt f├╝r die Entfaltung von Selbstheilungskr├Ąften haben.

Wenn diese Substanzen ein solch gro├čes Heilungspotential haben, warum stehen sie dann der Medizin nicht zur Verf├╝gung?

Daf├╝r gibt e seine Reihe von Gr├╝nden. Nur zwei kann ich hier ansprechen. Ein wichtiger Grund ist die Tatsache, das die Patente f├╝r Substanzen wie etwa LSD, Psilocybin, aber auch MDMA schon vor Jahrzehnten ausgelaufen sind. Deshalb wird sich keine pharmazeutische Firma darauf einlassen eine Studie zu finanzieren, wenn sie dabei letztlich nicht profitieren kann, weil nach der etwaigen Zulassung des Mittels, jeder dieses herstellen und vertreiben kann. Das ist einer der wesentlichen Gr├╝nde warum wir f├╝r therapeutische Studien keine Gelder einwerben k├Ânnen, insbesondere auch f├╝r klinische Zulassungsstudien, die richtig aufw├Ąndig und teuer sind.
Ein zweiter Grund ist, da├č die Pharmaindustrie nicht an Substanzen interessiert ist, die man nur drei-, vier- oder f├╝nfmal einnehmen mu├č. Die interessieren sich mehr f├╝r Substanzen, die man ├╝ber l├Ąngere Zeitr├Ąume und t├Ąglich einnehmen mu├č. So haben die etwa ein sehr wirksames Haarwuchsmittel entwickelt, welches man jeden Tag einnehmen mu├č, da sonst die Haare wieder auszufallen beginnen. Das ist das woran die typischerweise interessiert sind und wonach die auch mit gro├čem Aufwand suchen. Bei einem depressiven Patienten sagt der Arzt vielleicht: ┬ôNehmen sie dieses antidepressiv wirkenden Mittel (z. B. einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und es wird ihnen besser gehen┬ô. Sicherlich wird es den meisten Patienten damit etwas besser gehen, aber meist hat das keine durchgreifenden oder heilende Wirkung und sie m├╝ssen ┬ľ oft ├╝ber lange Zeit ┬ľ jeden Tag zwei Pillen nehmen.

Sagen sie damit, da├č diese Patienten mit einigen Behandlungen f├╝r immer geheilt werden k├Ânnten?

Als potentielle Therapeuten w├╝rden wir unseren Patienten ungef├Ąhr drei- bis viermal MDMA und vielleicht zwei- bis dreimal LSD geben wollen. Wer k├Ânnte an vier bis f├╝nf Dosen einer Substanz schon wirklich Geld verdienen? Zudem k├Ânnte der Patient nach einer psycholytischen Behandlung erheblich gebessert oder gar geheilt sein; anstatt nur eine geringf├╝gige Besserung der Symptome zu zeigen und wom├Âglich ├╝ber Jahre eine Medikation einnehmen zu m├╝ssen. Von daher ist die pharmazeutische Industrie wahrscheinlich auch in Zukunft kein Verb├╝ndeter bei der Etablierung von dieser Art von Medikamenten.

Haben sie viele Leute, die mit ihnen zusammen in diesem Gebiet arbeiten?

Nein, ich bin da fast alleine. Das ist ein echtes Problem, dass da so wenig Mitstreiter sind, die ein echtes ernsthaftes wissenschaftliches Interesse zeigen. Die meisten Leute sind nur mal kurzzeitig - etwa nach einer eigenen Erfahrung mit einer dieser Substanzen - interessiert. Das ist erstaunlich, da es auf der anderen Seite eine ganze Reihe von Leuten gibt, die Informationen aus einem rausholen wollen, insbesondere Journalisten und Presseleute. Aber diese Leute sind fast immer nur an einer speziellen beschr├Ąnkten Facette des Themas interessiert. Sie interessieren sich kaum einmal f├╝r therapeutische Anwendungen oder etwa das relig├Âse oder spirituelle Potential der Erfahrungen, die mit diesen Stoffen erreichbar sind. Deshalb gebe ich gew├Âhnlich gar keine Interviews mehr und habe auch nicht viele Studenten, die ein dahingehendes Interesse zeigen.
Zum Abschlu├č m├Âchte ich allerdings noch darauf hinweisen, da├č es sich bei diesen Heilmethoden, die mit psychoaktiven Stoffen arbeiten, um eine der ├Ąltesten medizinischen Traditionen der Menschheit handelt, deren Linie in Gestalt des Schamanismus von den Vormenschen bis in die heutige Zeit reicht.

Genehmigungen sind nicht wirklich ein Problem. Ich habe bzw. hatte Genehmigungen um mit Cannabis, Ketamin und Psilocybin zu arbeiten und es war kein gro├čes Problem diese zu erlangen. Doch es ist zu bedenken, da├č ich mich seit mehr als 20 Jahren in dem Gebiet kundig gemacht habe und von daher praktisch die gesamte sehr umfangreiche Literatur dazu kenne. Der Chef meiner Abteilung an der Hochschule hat schon lange vorher mit Cannabis gearbeitet. Er hatte anfangs Probleme mit der Ethikkommission der Hochschule, aber nachdem diese ├╝berwunden waren, bekamen wir alle notwendigen Erlaubnisse. Wenn man wirklich wei├č, was man tut, geben sie einem auch die Erlaubnis. Forschungsgelder zu bekommen ist allerdings praktisch aussichtslos.