www.bewusstseinszustände.de
© Rainer Neuefeind
 

Bewusstseinsforschung

Von Prof. Dr. med. Torsten Passie, M.A.

Der Vielfalt und Divergenz des Ph√§nomens Bewusstsein entspricht die Breite des Spektrums der Ans√§tze zu seiner Erforschung. Da es Merkmale aufweist, die sich auf stark pr√§reflexive Elemente der subjektiven Erfahrung beziehen und zugleich eine neuronale Grundlage als gesichert betrachtet werden darf, erscheinen sowohl auf subjektive Erfahrung fu√üende als auch naturwissenschaftliche Methoden zu seiner Erforschung legitim. Die Subjektseite des Bewusstsein wurde im ausgehenden 19. Jhrdt. zuerst durch die deskriptive Psychologie von F. Brentano und W. James sowie sp√§ter die Ph√§nomenologie (E. Husserl u. a.) Gegenstand der B. Ausgehend vom systematischen Studium des in der unmittelbaren Erfahrung Gegebenen konnten so eine Reihe von qualitativen Merkmalen des Bewusstsein genauer beschrieben, eingegrenzt und definiert werden. Von naturwissenschaftlicher Seite wurde Bewusstsein im 20. Jh. zun√§chst Thema bei der Untersuchung von Ausf√§llen bewu√üter Wahrnehmung in spezifischen Bereichen (Gesichtererkennung, K√∂rperwahrnehmung u.a.) bei Hirngesch√§digten. Aktuell beforscht wird die F√§higkeit einiger Hirngesch√§digter zu gezielten Reaktionen trotz fehlenden Bewu√ütseins des Wahrnehmungsgegenstandes (sog. ¬ĄBlindsicht¬ď).
Neuartige Untersuchungsmethoden k√∂nnen der Stoffwechsel des lebenden Gehirns abbilden (Positronen-Emissions-Tomographie, funktionelle Magnet-Resonanz-Tomographie) und damit n√§here Aufschl√ľsse √ľber die funktionell an der Entstehung und Aufrechterhaltung des Bewusstsein beteiligten Hirnstrukturen bzw. hirnimmanenten Prozesse liefern. Eine einzelne anatomische Struktur, an welche Bewu√ütsein gebunden w√§re, konnte jedoch nicht gefunden werden. Auch deshalb wird davon ausgegangen, da√ü es sich beim Bewusstsein um ein globales Integrations- und √úbertragungssystem handelt, welches eine spezifische Synchronisierung gro√üer Verb√§nde von Hirnzellen voraussetzt, um die als Ganzheit erfahrene subjektive Erlebniswelt zu erzeugen. Wichtig f√ľr die B. sind auch die von philosophischer Seite gef√ľhrten (metatheoretischen) Diskussionen √ľber die Konzeptualisierbarkeit von Bewusstsein, welche einer Eruierung funktionaler Eigenschaften zustreben, die oberhalb physischer Beschreibungsebenen objektive Zuschreibungskriterien liefern k√∂nnen.
F√ľr die analytische Psychologie nach Carl Gustav Jung sind - neben der Erforschung ver√§nderter Bewusstseinszust√§nde - Forschungen von Interesse, welche die Jungschen Konzepte einer kompensatorischen Funktion des Unbewu√üten und der archetypischen Determination des Ichs zu st√ľtzen scheinen. Neurophysiologische Experimente zeigen, da√ü einer Vielzahl von Gedanken und Handlungsambitionen, die wir als bewusst hervorgebracht erleben, Nervenzellerregungen in tieferen Hirnschichten voranlaufen (B. Libet) und so regulierende Einfl√ľsse ausserhalb der Sph√§re des Bewusstseins unsere Welt massgeblich mitgestalten.


Literaturhinweise

Zur Phänomenologie:
Brecht FJ (1948): Bewusstsein und Existenz. Wesen und Weg der Phänomenologie. Bremen

Zur aktuellen Bewusstseinsforschung:
Velmans M (ed.) (1996): The Science of Consciousness. London

Zu C.G. Jung und Bewusstsein:
B√ľrgy FM (1994): Vergleichende Studien zum Bewu√ütseinsbegriff in Philosophie und Tiefenpsychologie am Beispiel J.-P. Sartres und C.G. Jungs. Aachen, Dissertation